Reisemesse ITB Sind deutsche Urlauber bei einer Einreise in die Türkei gefährdet?

Von Gabriele Kiunke 

Die Reisebranche freut sich über steigende Gästezahlen. Doch zur Eröffnung der Touristikmesse ITB in Berlin geht es auch um weniger erfreuliche Themen.

An einem Messestand in Berlin wird die Verbindung von Deutschland zur Türkei dargestellt. Foto: dpa
An einem Messestand in Berlin wird die Verbindung von Deutschland zur Türkei dargestellt. Foto: dpa

Berlin - Eigentlich wollte die Reisebranche auf der Internationalen Reisemesse (ITB), die am Mittwoch in Berlin eröffnet wurde, den Aufschwung der Türkei feiern. Da passen die jüngsten Drohungen zur möglichen Verhaftung deutscher Urlauber gar nicht ins Bild. Laut türkischen Medienberichten hatte der türkische Innenminister Süleyman Soylu bei einem Wahlkampfauftritt am Sonntag gesagt, wer in Deutschland oder anderen europäischen Ländern an Kundgebungen von „Terrororganisationen“ teilnehme und danach in die Türkei zum Urlaub komme, werde bei der Einreise festgenommen.

Entsprechende Berichte hat die türkische Regierung nun allerdings zurückgewiesen. Außenamtssprecher Hami Aksoy sprach von „grundlosen Behauptungen“. Entsprechende Aussagen Soylus seien „eindeutig aus dem Zusammenhang gerissen und verzerrt.“ Touristen aus Deutschland und allen anderen Ländern seien in der Türkei nach wie vor willkommen, so der Regierungsvertreter.

Was hatte der türkische Innenminister genau gesagt?

Der als nationalistischer Hardliner bekannte Soylu hatte nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu gesagt, wer „draußen Verrat“ begehe und an Veranstaltungen der Terrororganisation teilnehme, werde bei der Einreise festgenommen. Gemeint sind damit Unterstützer der in der Europäischen Union und der Türkei als Terrororganisation eingestuften kurdischen Arbeiterpartei PKK. „Da gibt es jene, die in Europa und in Deutschland an den Veranstaltungen der Terrororganisation teilnehmen und dann in Antalya, Bodrum und Mugla urlauben“, sagte Soylu. Man habe auch für sie „Maßnahmen“ ergriffen. „Sollen sie doch herkommen und von den Flughäfen aus einreisen. Wir nehmen sie fest – und los!“ Weiter sagte er: „Von nun an wird es nicht mehr so einfach sein, draußen Verrat zu begehen, und sich dann in der Türkei zu amüsieren.“

Wurden in der Vergangenheit bereits Deutsche bei der Einreise festgesetzt?

Zwar ist die PKK auch in Deutschland als Terrororganisation eingestuft und verboten. Allerdings gelten in der Türkei auch die Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen und diverse weitere in Deutschland legale Oppositionsgruppen als Terrororganisation. In den vergangenen Jahren wurden wiederholt Deutsche oder Deutsch-Türken bei Reisen in die Türkei unter dem Vorwurf der Propaganda oder der Unterstützung einer solchen Organisation festgenommen, wobei sich die Vorwürfe oft auf Äußerungen in Online-Netzwerken stützten.

Wie reagiert die Reisebranche?

Der Deutsche Reiseverband (DRV) reagierte zurückhaltend auf die Äußerungen aus der Türkei. Ein DRV-Sprecher verwies am Mittwoch auf die Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes, die „jeder Urlauber nachlesen sollte“. In diese Hinweise sei schon vor fast zwei Jahren der Ratschlag aufgenommen worden, Demonstrationen zu meiden und dass „man vorsichtig sein sollte mit Äußerungen“, sagte der Verbandssprecher am Rande der ITB. Es sei bekannt, dass die türkische Regierung schon vor einiger Zeit angekündigt habe, dass sie auch die sozialen Medien überprüft. Wer sich an den Reise- und Sicherheitshinweisen orientiert, bei dem sollte einem Urlaub nichts im Wege stehen. „Jeder sollte die Entscheidung für sich selbst überprüfen und danach handeln“, erklärte der DRV-Sprecher.

Wie entwickelt sich die Zahl der Türkei-Reisen?

Die Branche zeigte sich zur ITB-Eröffnung erfreut über die „kraftvolle Rückkehr der Türkei“. Nach drastischen Einbrüchen 2016 und 2017 haben sich die Besucherzahlen im vergangenen Jahr auf 4,5 Millionen erhöht. Im Rekordjahr 2015 reisten 5,6 Millionen Deutsche an den Bosporus. Für die kommende Saison ist man auch sehr optimistisch. Die Türkei gehört neben Spanien, Griechenland und Ägypten zu den meistgebuchten Pauschalreisezielen für die Sommerferien 2019. So vermeldet Türkeireisespezialist Öger Tours bereits ein zweistelliges Plus aus den Buchungen der letzten Monaten. „Wir sind dem Rekordjahr 2015 auf den Fersen“, heißt es. Auch bei Tui frohlockt man über den Top-Aufsteiger mit hohen zweistelligen Buchungszahlen. „Das überproportionale Wachstum im östlichen Mittelmeer ist der auffälligste Trend im Sommer 2019“, so Touristik-Geschäftsführer Stefan Baumert. Als Gründe nannte Baumert die Hotelqualität und das gute Preis-Leistungs-Verhältnis.

Was sagen türkische Reiseanbieter?

Am Türkei-Stand, wo unzählige Hotels und Reiseanbieter aus dem Land vertreten sind, herrschte am Mittwoch geschäftiger Messetrubel. Die Euphorie auf eine gute Saison will sich niemand vermiesen lassen. Statt Differenzen sollte man das gute, jahrzehntelange Miteinander zwischen Türken und Deutschen in den Mittelpunkt stellen, findet Yasemin Öztürk, Marketing-Manager der Rixos-Hotelkette. „Wir geben alles dafür, dass es nicht zu einer Delle kommt.“

Wird es jetzt eine Reisewarnung geben?

Für die Türkei hat es bisher noch keine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes gegeben. Zuletzt aktualisierte die Behörde die Reisehinweise im Januar dieses Jahres. Das Ministerium weist darauf hin, dass deutsche Staatsbürger aufpassen sollten, was sie in sozialen Medien über die Türkei posten. „Dabei können auch solche Äußerungen, die nach deutschem Rechtsverständnis von der Meinungsfreiheit gedeckt sind, Anlass zu einem Strafverfahren in der Türkei geben. Ausreichend ist im Einzelfall das Teilen oder ‚Liken’ eines fremden Beitrags entsprechenden Inhalts.“ Reisenden wird auch empfohlen, sich von politischen Veranstaltungen und grundsätzlich von größeren Menschenansammlungen fernzuhalten. Die Linken-Abgeordnete Sevim Dagdelen fordert eine Reisewarnung. „Nichts und niemand ist vor Erdogans Geheimdienstagenten und Denunziationen seiner Anhänger sicher“, sagt Dagdelen. Die Bundesregierung müsse „das Treiben des türkischen Geheimdienstes in Deutschland unterbinden“. Auch Abgeordnete der Grünen, der CDU und der FDP äußerten Kritik.