Reisen im Mittelmeer Auf Wal-Tour im Mittelmeer

Das Segelboot „Pelagos“ kreuzt im Mittelmeer auf der Suche nach Pottwalen Foto: Katrin/oth

Kein anderes Geräusch versetzt Nino Pierantonio derart in Ekstase wie der Ruf eines Pottwals. Im Mittelmeer erforscht der Wissenschaftler das Verhalten der Tiere – und ihren einzigartigen Gesang. Unsere Autorin war als Forschungsassistentin mit an Bord. Unterwegs mit einem, der das Klicken liebt.

Falten ziehen sich über seine Stirn, während er den Geräuschen im Kopfhörer lauscht. Die Augen zusammengekniffen, den Blick auf den Monitor gerichtet, verfolgt er die Tonspur, die sich als gezackte grüne Linie über den Bildschirm bewegt. Eingezwängt zwischen Schreibtisch und holzgetäfelter Wand hört Nino Pierantonio dem Meer zu. „Im Moment höre ich nur die Fähre, das ist dieser Graph“, sagt er und zeigt auf den Bildschirm.

 

Schallwellen im Meer

Im Bauch des Segelbootes „Pelagos“ aber wartet Pierantonio auf ein anderes Geräusch. Ein Klicken. Dreimal schnalzt er mit der Zunge, dann sagt er: „Das ist es, worauf wir warten.“ Es ist ein Warten mit ungewissem Ausgang. Manchmal passiert den ganzen Tag gar nichts. Dann wird das Hydrophon – ein Messgerät, das an einem 200 Meter langen Kabel hinter dem Boot treibt und Schallwellen im Meer in hörbare Signale umwandelt – aufgerollt und der Segler unverrichteter Dinge im Hafen von Sanremo geparkt. Manchmal aber hat der Forscher Glück. Klick, klick, klick tönt es dann in Pierantonios Kopfhörer.

Pierantonio ist 42 und Walforscher. Er will verstehen, wie Pottwale kommunizieren – um sie besser zu schützen. Bisher sind Pottwale wenig erforscht. Freiwillige helfen Pierantonio dabei, sie kommen aus der Schweiz, aus Italien, Deutschland und den Niederlanden. Forschungsassistenten auf Zeit, die, anstatt am Strand zu liegen, nach Walen Ausschau halten, die Zeit ihres Atems messen und Fotos machen. Urlaub im Dienst der Wissenschaft.

Gejagt und fast ausgerottet

Jahrhundertelang wurden Pottwale gejagt, bis kaum einer mehr übrig blieb. Nur 200 Tiere leben heute noch im Mittelmeer, so schätzen Experten. Die International Union for the Conservation of Nature (IUCN) listet sie als gefährdet. Geisternetze, Schiffskollisionen und steigende Meerestemperaturen bedrohen die Existenz der Wale. Aber vor allem Lärm: das Brummen von Schiffen und Windenergieanlagen, piependes Sonar der Fischerei, das Wummern von Schallkanonen zur Suche nach Öl und Gas. Das Gehör ist der wichtigste Sinn der Pottwale.

Wellen schaukeln das Segelschiff. Der Himmel ist wolkenlos. Selbst unter Deck sind es über 30 Grad. Auf Pierantonios Stirn haben sich Schweißperlen gebildet. „Pottwale sind sehr kommunikative Tiere. 80 Prozent der Zeit produzieren sie Geräusche“, erklärt er. Bis zu 200 Klicks könne der größte aller Zahnwale pro Sekunde produzieren. Je näher er seinem Futter kommt, desto häufiger klickt er.

Tintenfische sind Lieblingsspeise von Pottwalen

Eine Pause heißt, dass er frisst. Tintenfische, die er in der Tiefe erbeutet, oder Kabeljau, Thunfisch, kleinere Haie und größere Krustentiere. Seit dem Morgen kreuzt der Segler im Dienst der italienischen NGO Tethys vor der italienisch-französischen Küste im Mittelmeer – genauer gesagt im Meeresschutzgebiet „Pelagos Sanctuary“, 87 500 Quadratkilometer groß, zwischen Monaco, Norditalien und Korsika gelegen. Pierantonio ist Forschungsleiter bei Tethys. Zuvor betreute er ein Delfinprojekt vor der Westküste Griechenlands.

„Delfine singen auf einer hohen Frequenz“, erläutert Pierantonio, „Pottwale klingen ähnlich.“ Mit höchstens 24 Kilohertz singen sie aber eher die Alt- und Bassstimme im Chor der Meerestiere – diese aber bis zu 190 Dezibel laut.

Aus 1000 Meter Tiefe an die Meeresoberfläche

Klick, klick, klick. Der Pottwal wird lauter, sein Gesang schneller – dann verstummt er plötzlich. Das ist Pierantonios Startsignal. „Das Klicken hat aufgehört“, ruft er durchs Boot, während er sich die Kopfhörer vom kahl rasierten Schädel zieht, Fernglas und Kamera schnappt und an Deck spurtet. Gut sechs Minuten dauert es, bis der Wal vom Tauchgang in bis zu 1000 Meter Tiefe an der Oberfläche ist. „Der Wal kommt relativ gerade nach oben, aber er macht in der Zeit keine Geräusche. Wir können nur schätzen, wo er auftaucht.“

Die Sonne mit der Hand abgeschirmt stehen Pierantonio und die Freiwilligen am Bug, suchen das Meer nach einer Blaswolke ab. „Da!“, ruft jemand. Der Skipper dreht das Boot, beschleunigt. Ein Rochen hüpft beiseite. Der hellgraue Pottwal unterdessen prustet, treibt an der Oberfläche. Zwölf Meter, schätzt Pierantonio. Kameras klicken. Neun Minuten bleibt der Wal an der Wasseroberfläche.

Jede Blaswolke wird fotografiert, jedes Ausatmen notiert. Dann zeigt er seine Fluke – die Schwanzflosse – und taucht ab. Mit einem Kescher steht Pierantonio an der Reling, fischt den Kot des Tieres aus dem Wasser. Über ihn will er Rückschlüsse auf dessen Nahrung ziehen.

Zurück unter Deck tippt Pierantonio die Informationen in die Datenbank, speichert Fotos und Töne. Und findet das Tier. Das heißt: Dieser Wal wurde schon häufiger gesehen. Der Walforscher setzt sich die Kopfhörer auf. Der Pottwal hat wieder mit dem Klicken begonnen.

Info: Italien

Anreise
Von Stuttgart mit dem Zug via Zürich und Mailand bis Sanremo, www.bahn.de.

Unterkunft
Übernachtet wird an Bord des Zweimasters „Pelagos“ in Zweier- und Viererkojen. Abends macht das Boot dann im Hafen fest. Eine siebentägige Tour im Mittelmeer kostet inklusive Verpflegung ab 699 Euro, Studierende bis 25 Jahre erhalten Rabatt.Tethys Research Institute (www.tethys.org) bietet neben dem Wal-Projekt in Italien auch Forschungseinsätze bei ihrem Projekt rund um Delfine in Griechenland an.

Weitere Projekte
Biosphere Expeditions, Forschungsprojekte weltweit: Wale, Delfine und Schildkröten vor den Azoren, 10 Tage ab 1980 Euro; Schneeleoparden in Kirgistan beobachten, 13 Tage ab 2840 Euro, www.biosphere-expeditions.org. Marine Mammals Research Association (DMAD), Wale/Delfine in der Adria, 4 Wochen ab 880 Euro inkl. Unterkunft, www.dmad.org.tr/montenegro.

Allgemeine Informationen
https://www.volunteerworld.com/de/volunteer-abroad/wale.

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