Reisen im Sauerland Kennen Sie den Kahlen Asten?
Im nordrhein-westfälischen Sauerland liegt der größte Ski-Zirkus nördlich der Alpen. Seit mehr als 100 Jahren heißt es rund um das beschauliche Winterberg: Ski- und Rodeln gut.
Im nordrhein-westfälischen Sauerland liegt der größte Ski-Zirkus nördlich der Alpen. Seit mehr als 100 Jahren heißt es rund um das beschauliche Winterberg: Ski- und Rodeln gut.
Schnee, so weit das Auge reicht. Dazu bestens präparierte Pisten, moderne Liftanlagen und urige Berghütten, in denen es von Almkasnocken über Erbsensuppe bis zum Zwetschgenkuchen alles gibt, was Ski- und Snowboardfans wieder fit für die Abfahrt macht. Kurzum: Auf den ersten Blick unterscheiden sich die Wintersportorte im sauerländischen Rothaargebirge kaum von den bekannten Pendants in den Alpen.
Beim Verlassen der Bergstation sieht die Sache freilich anders aus. Statt majestätischer Viertausender kratzen die Gipfel im Sauerland gerade mal die 800-Meter-Marke. „Wir sind“, sagt Nico Brinkmann, „eine Mittelgebirgsregion. Und damit für Speed- und Kilometerfans nicht gerade erste Wahl. Für alle anderen“, der Geschäftsführer des Erlebnisbergs Kappe schmunzelt, „heißt es rund um den Kahlen Asten Ski und Rodel gut.
Während Frau Holle heute ihre Betten über dem Sauerland nicht heftig genug ausschütteln kann, war der Winter früher hier eher Fluch als (wirtschaftlicher) Segen. Um in der tief verschneiten Region überhaupt unterwegs sein zu können, schnallten sich die Sauerländer lange, Fassdauben-ähnliche Holzbretter unter die Füße. Mit den heutigen Skiern hatten die spaghettidürren Dinger samt ihren aufgenagelten Schuhen kaum etwas gemein. Im fernen Schwarzwald war man deutlich weiter. 1892 nahm in Bernau am Feldberg die erste mitteleuropäische Skimanufaktur die Serienproduktion auf. Im Handumdrehen avancierte die Region zum Mekka des wintersportambitionierten Geld- und Hochadels.
„Was die können“, mag sich der Winterberger Kaufmann Georg Brinkmann gedacht haben, „können wir auch.“ Getreu dem Motto „Jede Flock’ nen Daler wert“ bestellte er 1906 fünf paar „Feldberg-Ski“ und probierte sie mit seinen Freunden aus. „Das war mein Urgroßvater.“ Nico schmunzelt. „Zuerst hat man ihn belächelt, als aber die neuen Bahnverbindungen zahlungskräftige Wintergäste aus dem Ruhrgebiet brachten, schossen die Gastro- und Hotelbetriebe bei uns wie Pilze aus dem Boden.“
Damit waren die Weichen für einen Masterplan gestellt, der das Sauerland mit seinen 45 Skigebieten heute zum größten Ski-Zirkus nördlich der Alpen macht. Fixstern am Firmament der Downhill-Freuden ist Winterberg. Die beschauliche 12 000-Einwohner-Stadt mit ihren schiefergedeckten Fachwerkhäusern und lauschigen Kopfsteingassen sonnt sich im Glanz von 25 umliegenden Aufstiegshilfen. 14 davon sind Sessellifte, der Rest Schlepplifte und Förderbänder. Von den insgesamt 27,5 Pistenkilometern sind 14 „blau“, 12 „rot“ und 1,5 „schwarz“.
Wer am Ende eines Powdertags noch Power hat, kann das Downhill-Vergnügen bis 22 Uhr auf hell erleuchteten Flutlichthängen verlängern. Anderntags locken – Abwechslung versüßt das Leben – die Nachbarorte Alt- und Neuastenberg mit einem Sessel- und 13 Schleppliften. Ein Drittel ihrer insgesamt 16 Pistenkilometer ist „schwarz“, die schwärzeste davon ist der Fis-zertifizierte Westfalenhang I. Natürlich bietet Winterberg mehr als nur familien- und anfängerfreundlichen Ski- und Rodelspaß.
Das Angebot des staatlich anerkannten heilklimatischen Kurorts reicht von Biathlon-Kursen über die St.-Georg-Sprungschanze bis hin zur Veltins-Eisarena. In dieser Zauberstätte des Kufensports gibt sich nicht nur die internationale Bob-, Skeleton- und Rennrodel-Elite die Klinke in die Hand, auch Normalverbraucher können den Eiskanal herunterdonnern. Damit der Adrenalinkick mit Spitzengeschwindigkeiten um 130 km/h nicht zum Desaster wird, sitzt ein Profi am Steuer – oder korrekt formuliert: an den Lenkseilen. Die 1600 Meter lange Kurvenhatz dauert knapp eine Minute und schlägt mit 99 Euro pro „Fahrgast“ zu Buche.
Was die Eisarena in Winterberg ist, ist die Mühlenkopfschanze in Willingen. 30 Kilometer nordöstlich des Eiskanals heißt es für die weltbesten Skispringer Jahr für Jahr: „Flieg, Adler, flieg.“ Gleich nebenan geben sich – nicht ganz so rasant und vor allem mit festem Boden unter den Brettern – die Pisten des Ettelsbergs die Ehre. „Unser Hausberg“, erklärt Jörg Wilke, „ist ein paar Meter niedriger als der Kahle Asten.“
Doch Willingen liegt in einer Talsohle. Zwar sei der Ort mit 17 Pistenkilometern nur die Nummer zwei im Sauerland, dafür hätte man aber die längsten und wohl auch schönsten Abfahrten des ganzen Rothaargebirges. „Auch beim Après-Ski“, so der Geschäftsführer der Ettelsberg-Seilbahn, „sind wir top.“ Sagt’s und deutet auf den Ettelsberg.
Einen Schneeballwurf von der Bergstation entfernt macht Siggis Hütte den einschlägigen Stimmungsstätten in den Alpen seit nunmehr 45 Jahren sehr erfolgreich Konkurrenz. Wenn das letzte berühmt-berüchtigte „Feuerwasser“ – ein flambierter 43-prozentiger Kräuterschnaps – geleert ist, geht’s abends in dem 6300-Seelen-Örtchen munter weiter. Bis der berühmte Doktor kommt und den Zapfhahn zudreht.
Anreise
Mit dem Zug via Frankfurt mit mehr-maligem Umsteigen nach Winterberg (ab 5 Std.) oder Willingen (ab 4,5 Std.), www.bahn.de.
Unterkunft
Hotel Engemann Kurve, 16 Zimmer, zentral in Winterberg gelegen, DZ/Frühstück ab 90 Euro, www.engemann-kurve.de. Hostel Winterberg, modernes Gruppenhaus, 49 Zimmer, davon 25 DZ, ca. 200 Meter zum Brembergkopf-Lift, 20 Fußminuten ins Zentrum, DZ/Frühstück ab 42,50 Euro, www.hostel-winterberg.de.B&B Hotel Willingen, Dezember 2022 eröffnet, 95 Zimmer, ca. 150 m zur Ettelsberg-Seilbahn, DZ/Frühstück ab 55 Euro, Parkplatz 8 Euro, www.hotel-bb.com/de/hotel/willingen.
Aktivitäten
Die Winterberg-Tageskarte kostet für Erwachsene 45 Euro, für Kinder 30 Euro, die Flutlichtabendkarte 27 Euro bzw. 20 Euro (18.30 bis 22 Uhr), die Willingen-Tageskarte schlägt mit 36 Euro bzw. 24 Euro, die Flutlichtkarte mit 22 bzw. 17 Euro zu Buche. Die Dreitageskarte für alle Skigebiete kostet 108 Euro bzw. für Kinder 75 Euro. Basic-Alpinleihski kosten bei Klante in Winterberg für einen Tag 17, für sieben Tage 75 Euro, Premiumski 26 bzw. 75 Euro (https://ski-klante.de). Erwachsene und Kinder zahlen in der Neuen Skischule Winterberg für einen 3 x 2 Stunden Alpinski-Gruppenkurs 150 Euro. Die Privatstunde kostet 95 Euro, www.ski-winterberg.de.
Allgemeine Informationen
Touristinfo Sauerland: www.imsauerland.de.