Reisen in der Wüste Sand im Schuh
Durch den tunesischen Djerid: Der Ultra-Mirage-Parcours fordert die rund 280 Läufer und Läuferinnen aus 23 Nationen zu besonderen Leistungen – Urlaubsabstecher zu den malerischen Bergoasen und zum Großen Salzsee.
Durch den tunesischen Djerid: Der Ultra-Mirage-Parcours fordert die rund 280 Läufer und Läuferinnen aus 23 Nationen zu besonderen Leistungen – Urlaubsabstecher zu den malerischen Bergoasen und zum Großen Salzsee.
Tunis - Wann kommt Judith? Längst hat sich tiefe Dunkelheit über den Djerid gelegt. Zum Greifen nah funkelt das Sternenmeer über meterhohen Dünen und die endlose Weite der tunesischen Wüste. Judiths Freunde, die zunehmend unruhig im Ziel auf die 44-Jährige warten, haben dafür kein Auge.
Im Morgengrauen, kurz nach sechs, war sie gestartet. Vor ihr 100 Kilometer brennend heißer Sand, sengende Sonne, am Ende der Strecke allein mit sich und dem Willen, anzukommen.
In zwölf Stunden und 21 Minuten war die Extremläuferin vor einem Jahr über die Ziellinie des Ultra-Mirage-Trails gelaufen. Das reichte zum Sieg bei den Frauen. Jetzt drehen sich die Zeiger der Uhr langsam gegen die 15-Stunden-Marke.
Dann endlich: Ihre Begleiter sehen eine helle Stirnlampe in der Ferne leuchten. Sie gehört zu Judith Havertz. Gegen halb zehn hat die Hamburgerin die 100 Kilometer geschafft. „Ab Kilometer 50 war es mehr ein Wandertag“, sagt sie.
Der Rücken, die Knie. Das Iliosakralgelenk. Das Preisgeld, das sie beim letzten Mal gewonnen hat, bekommt eine junge Tunesierin. „3000 Euro für Männer wie für Frauen“, sagt Amir Ben-Gacem, der Organisator des 5. Ultra Mirage, stolz. „Das ist die erste tunesische Meisterschaft, die das Prinzip der Geschlechtergleichheit bei den Prämien anwendet.“
Es ist ein besonderer Urlaub, den sich die rund 280 Läufer und Läuferinnen aus 23 Ländern gönnen. Einige kommen erst kurz vor dem Wüstenlauf an. Haben sich für 50 oder 100 Kilometer angemeldet.
Manche der knapp 100 Ausländer sind in Djerba gelandet und haben ihre Familie im Schlepptau, um im Umkreis der architektonisch faszinierenden Oasen-Hauptstadt Tozeur grandiose Natur zu erleben.
Wie Chebika, eine Bergoase im Atlasgebirge mit über 1500 Dattelpalmen, kleinen Wasserfällen, Kanälen und einer 30 Grad warmen Quelle. Auf einer schnurgeraden Straße fährt man über den größten Salzsee Nordafrikas, den Chott El Djerid. Karl-May-Fans kennen die Gegend. Wenn auch mit Fake News gefüttert.
Der Chott ist ein Sedimentbecken und kein unergründlicher See, auf dem sich eine breiige Salzkruste befindet, die laut Kara Ben Nemsi „nur so viel Festigkeit besitzt, um einen leichten Anflug von Sand zu tragen, um bei jeder anderen Last aber unter derselben zu weichen und sich über ihr wieder zu schließen“. Also kein Todesmarsch für Unvorsichtige, Fehlgeleitete und Fremde.
Andrea Löw gehört zu jenen 180, die sich für die 50-Kilometer-Strecke entschieden haben. Beim letzten Mal hatte sie die 100 Kilometer zwar geschafft, in gut 18 Stunden. Die 48-jährige promovierte Historikerin erinnert sich: „Auf den pechschwarzen letzten Kilometern hörte ich neben mir seltsame Geräusche von unsichtbaren Kamelen. Und hatte den Sandsturm im Gesicht.“
Jetzt freut sie sich, im Hellen ins Ziel zu kommen. Und ziemlich frisch. Nach rund sieben Stunden. Die Siegerin Mouna Werda wird mit 5:21 Stunden gestoppt. „Man spürt, dass man es schafft. Allein dafür hat es sich gelohnt“, sagt sie cool. Andere jubeln lauter, einige weinen im Ziel, wenn sie ihre Medaille umgehängt bekommen. „Finisher“, das ist die Krönung.
Start und Ziel liegen etwas außerhalb der Oasenstadt Nefta, direkt neben den Kuppelbauten der „Star Wars“-Kulisse Mos Espa, jener Romanstadt auf der Nordhalbkugel des Planeten Tatooine, in der Anakin Skywalker als Sklave des Schrotthändlers Watto aufwuchs. Jetzt drängen Burschen die Besucher, sich auf Kamele zu setzen oder Anhänger zu kaufen.
Die Läuferschar lässt das im Morgengrauen ziemlich kalt. Man kennt sich, tauscht Erinnerungen aus: an Ultra-Trails in Namibia, Australien oder Mexiko. Redet über Wehwehchen. Zieht Laufgaloschen über die Schuhe gegen den feinen Sand. Kontrolliert Gepäck: Trillerpfeife, zwei Liter Wasser, Feuerzeug, Alu-Decke.
Lena Gesing ist zum ersten Mal dabei. Gespannt, beeindruckt. Die 31-jährige Hamburgerin findet schnell ihren Rhythmus. Am Ende wird sie auf der 50-Kilometer-Strecke auf Anhieb Sechste. Sechs Stunden, elf Minuten: So sieht eine aus, die glücklich ist.
„Ans Aufgeben habe ich nie gedacht“, sagt Andrea Löw. Auch wenn sie sich manchmal fragt, ob man sich das wirklich antun muss. „Aber der Zweifel hält nie lange“, sagt sie und freut sich auf ihren nächsten Ultra-Lauf. Gern wieder durch die Wüste.
Mit Tunis Air (nicht selten mit überraschenden Flugplanänderungen) ab Frankfurt, München und Düsseldorf nach Djerba.
Dar Bibine, hübsches Stadthaus mit architektonischen Finessen und kleinem schönen Pool in Erriadh, Doppelzimmer mit Frühstück ab 100 Euro. Dar Dhiafa, wunderschönes Romantik-Hotel in Erriadh mit stilvollen Zimmern und zwei kleinen Pools, sehr gute Küche, DZ/F ab 80 Euro. Anantara Sahara in Tozeur, 2019 eröffnetes Luxushotel mit 93 Suiten und Villen, teils mit eigenem Pool, Blick auf den Salzsee, Wüstenatmosphäre pur, DZ/F ab 274 Euro.Hotel Hasdrubal in Djerba, 5 Sterne, großer Pool, schöner Strand, DZ/F ab 100 Euro, z. B. über www.booking.com. Club Aldiana Djerba, vorwiegend von Deutschen gebuchte Anlage, öffnet wieder am 1. April, eine Woche Vollpension ab 600 Euro. Hotel Ras El Ain am Rand von Tozeur, 4 Sterne, einfaches Haus mit In- und Outdoor-Pool, DZ/F ab 60 Euro.
Der 6. Ultra Mirage findet voraussichtlich am 1. Oktober 2022 statt. Anmelden kann man sich bereits: Die Teilnahmegebühr (ohne Flug) für Lauf, zwei Übernachtungen und Verpflegung kostet rund 400 Euro. Infos unter: www.ultramirage.com und Fremdenverkehrsamt Tunesien, www.discovertunesia.com/de/.