Reisen in Großbritannien Zu Besuch bei Ihrer Majestät
Winter in Norfolk, Sommer in Schottland: Seit 70 Jahren teilt Elizabeth II. ihre Zeit zwischen den königlichen Residenzen. Alle sind zeitweise auch fürs Publikum geöffnet.
Winter in Norfolk, Sommer in Schottland: Seit 70 Jahren teilt Elizabeth II. ihre Zeit zwischen den königlichen Residenzen. Alle sind zeitweise auch fürs Publikum geöffnet.
Mit schweren Türmen, rund 1000 Zimmern und tausendjähriger Geschichte ist die größte bewohnte Burg Englands in jeder Hinsicht eindrucksvoll. 39 Monarchen haben Windsor Castle bewohnt; die heutige Königin nutzte es vor allem als Wochenendhaus, bis sie kürzlich ihren Lebensmittelpunkt hierher verlegte.
Es liegt günstig in der Nähe Londons, zugleich besitzt es mit dem Great Park reichlich Luft und Grün – womöglich einer der Gründe, warum sie und Prinz Philip das gesamte erste Pandemiejahr hier verbrachten.
Für Besucher ist hier jede Menge zu tun: Die Staatsgemächer mit dem Saal der Ritter des Hosenbandordens und zahlreichen repräsentativen, mit Gemälden alter Meister und kostbaren Kunstobjekten geschmückten Räumen können sie mit Audio-Guide besichtigen.
Die zum Anwesen gehörende St. George’s Chapel, zuletzt als Trauungsort der Enkel Prinz Harry und Prinzessin Eugenie sowie als Schauplatz der Trauerfeier für Prinz Philip in den Wohnzimmern der Welt präsent, ist auch Grablege zahlreicher Monarchen. Der notorische Gattinnen-Verschleißer Heinrich VIII., der glücklose Stuart-Monarch Charles I., der im Bürgerkrieg enthauptet wurde, sowie einige Georges, unter ihnen auch der Vater der Königin, sind hier bestattet.
Den Tag ihrer Thronbesteigung, für Elizabeth II. seit 70 Jahren ein Tag zwiespältiger Gefühle, verbringt die Monarchin aber stets in Sandringham House. Als sie am 6. Februar 1952 vom Baumhaus ihrer Lodge in Kenia hinabstieg, erreichte sie die Nachricht aus England, dass ihr Vater im Alter von 56 Jahren gestorben und sie, die 25-Jährige, Königin war.
Die Reise wurde abgebrochen, Elizabeth und Philip stellten sich den Aufgaben. Die erste war gleich unerfreulich: das Begräbnis Königs George VI. Gekrönt wurde die Königin 16 Monate später, am 2. Juni 1953.
Seither hat Elizabeth II. den 6. Februar fast immer auf dem Landsitz Sandringham House in der Grafschaft Norfolk im Osten Englands verbracht. Hier war ihr Vater, der am 14. Dezember 1895 in York Cottage auf dem Anwesen geboren wurde, seinem Lungenkrebsleiden erlegen. Immerhin war George VI. ein glücklicher letzter Tag beschieden, den er in Sandringham bei der Jagd verbrachte, bevor er den Abend in Gesellschaft seiner Frau Elizabeth und der jüngeren Tochter Margaret Rose genoss und in der Nacht entschlief.
Zu Weihnachten versammelt die Königin in pandemiefreien Jahren stets ihre Familie hier, Fotos vom gemeinsamen Kirchgang am ersten Weihnachtstag gehen dann um die Welt. Im Anschluss an das Fest gönnt sich die dienstälteste Monarchin der Welt einen Winterurlaub, der bis in den Februar dauert.
Sandringham ist im Gegensatz zur offiziellen Residenz Buckingham Palace und zu Windsor Castle nicht Besitz der Krone, sondern privates Eigentum der königlichen Familie. Queen Victoria I. erwarb das Anwesen für ihren ältesten Sohn und Erben, den späteren Edward VII. Schon in der nächsten Generation war der Brauch, hier Weihnachten zu feiern, fest verankert.
Einzig Edwards Erstgeborener David, später Edward VIII., konnte sich nie für Sandringham erwärmen und kam in der kurzen Zeit zwischen Erbe der Krone und seiner Abdankung 1936 nur einmal hierher. Sein Bruder Bertie, der ihm als George VI. auf den Thron folgte, musste ihm Sandringham – ebenso wie das Urlaubsdomizil Balmoral in Schottland – abkaufen.
Wie alle königlichen Residenzen ist auch Sandringham zu bestimmten Zeiten der Öffentlichkeit zugänglich. Hier ist das im Sommer der Fall, wenn die königliche Familie in Schottland weilt. Für die Besucher hat das den Vorteil, dass Gärten und Park sich zu dieser Zeit in üppiger Blüte zeigen – anders als während der Weihnachtsferien Elizabeths. Auch eine Zimmerflucht im Parterre kann besichtigt werden und gibt mit Bildern, Fotos, Erinnerungs- und Möbelstücken mehrerer Monarchen Einblick in die Lebensgewohnheiten der Windsors.
Die offizielle Londoner Residenz öffnete Elizabeth II. erst spät fürs Publikum. Nachdem Windsor Castle im November 1992 durch einen Brand schwer beschädigt wurde, trugen die Führungen durch den Buckingham Palace dazu bei, das Geld für die Arbeiten an der Burg zu erwirtschaften.
Der Palast wurde nicht als königliche Residenz erbaut. 1703 ließ John Sheffield, Duke of Buckingham and Normanby, Buckingham House errichten. 1763 erwarb George III. das Anwesen als Privathaus und zog mit Gattin Charlotte ein. Nach und nach ließ er den Herrensitz in einen Palast verwandeln. Sein Sohn George IV. setzte das Vorhaben fort, als er anstelle des an geistiger Verwirrung leidenden Vaters Prinzregent war.
Doch erst Queen Victoria, die ihr Geburtshaus Kensington Palace verließ, sobald sie 1837 auf den Thron folgte, nutzte Buckingham Palace als offizielle Residenz. Sie ließ den Palast um einen weiteren Flügel ergänzen und gab ihm, bis auf die erst später erneuerte Fassade, sein heutiges Erscheinungsbild.
Besucher und Bewohner Londons sehen zumeist nur die östliche Fassade der Immobilie mit 775 Zimmern, wenn sie den Wachwechsel oder bei besonderen Anlässen die Königsfamilie auf dem Balkon betrachten. Das royale Leben spielt sich vor allem im Westflügel ab, wo unter anderem der Music Room, der White Drawing Room, der Ballsaal und der Thronsaal liegen. Diese Gemächer sind zugänglich, wenn Elizabeth II. sich in Balmoral aufhält.
Queen Victoria ist die Sommerresidenz Balmoral Castle im schottischen Aberdeenshire zu verdanken. Sie und ihr Mann Prinz Albert kauften das Anwesen und bauten ab 1853 ein größeres Haus, das mehr Platz für die Familie mit neun Kindern und entsprechendem Dienstbotenvolumen bot. Für die heutige Königin ist Balmoral ein nicht verhandelbares Refugium – die Sommerwochen in Schottland sind ihr heilig.
Wie in Sandringham House schart sie auch hier gerne ihre Familie um sich. Die Gärten des dekorativ an einem Fluss und vor einem Berghang gelegenen Schlösschens mit seinem hübschen Uhrenturm sind nur von April bis Anfang August zu besichtigen. Im Haus darf das Publikum nur einen Raum betrachten – den Ballsaal. Die übrigen Räume behalten alle Geheimnisse für sich
Der Park ist ganzjährig geöffnet, Gärten und Haus öffnen vom 9. April bis Ende September. Der Eintritt in die Gärten kostet 13 Pfund, der Eintritt für Haus und Garten 23 Pfund, Kinder frei. Online-Buchung erforderlich.
https://sandringhamestate.co.uk
Die Burg ist von März bis Oktober Do.–Mo. 10–17.15 Uhr geöffnet, im Winter bis 16.15 Uhr. Die St George’s Chapel ist Mo.–Sa. geöffnet. Eintritt 26,50 Pfund (samstags 28,50), für Kinder von 5 bis 17 Jahren 14,50 Pfund (samstags 15,50), für junge Leute von 18 bis 24 Jahren 17,50 Pfund (18,50).
www.rct.uk/visit/windsor-castle
Die State Rooms können vom 22. Juli bis zum 2. Oktober besichtigt werden, der Eintritt kostet 30 Pfund, für Kinder von 5 bis 17 Jahren 16,50 Pfund, für junge Leute von 18 bis 24 Jahren 19,50 Pfund. Online-Buchung erforderlich.
www.rct.uk/visit/buckingham-palace
In diesem Jahr sind Gärten und Ballsaal vom 1. April bis 2. August täglich von 10 bis 17 Uhr für Besucher zugänglich. Der Eintritt kostet 23,50 Pfund, für Kinder 14,50 Pfund. Online-Buchung empfohlen.
Zur Währungsumrechnung: Zehn Pfund sind etwa 12 Euro.
Von der Autorin dieses Artikels erscheint Ende April der Band „Königliche Gärten: Grüne Paradiese Großbritanniens“ über Gärten und Häuser des Adels. Frederking & Thaler, 224 Seiten, 34,99 Euro.
Britisches Tourismusbüro, ww.visitbritain.de
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