Reisen in Kasachstan und Kirgistan Glühende Landschaften

Ein Wanderer in der Märchenschlucht Skaska in Kirgistan. Foto: Christia/Hlade

Endlose Steppen, kristallklare Seen, Sanddünen, blühende Almwiesen und bizarre Felsformationen. Ein Wanderurlaub in Kasachstan und Kirgistan ist alles andere als eintönig.

Wenige Kilometer östlich der früheren Hauptstadt Almaty mit ihrer Mischung aus Plattenbauten und ultramodernen Glaspalästen präsentiert sich Kasachstan so, wie es der Reisende erwartet: weite Steppe, in der das Auge nur an ein paar verstreut weidenden Trampeltieren Halt findet. Wenig später finden dann die Wanderstiefel kaum einen Halt: Der Aufstieg auf eine 150 Meter hohe Sanddüne im Nationalpark Altyn-Emel ist mehr als mühsam.

 

Doch wer durchhält, wird belohnt. Denn beim Runterrutschen ist ein Brummton zu hören, der an eine ferne Enduro erinnert. Das Geheimnis der „singenden Düne“ ist bis heute nicht gelüftet. Ruhe herrscht dagegen im Charyn Canyon. Seit die Wüstenschlucht Nationalpark ist, sind dort Fahrzeuge verboten.

Western-Kulisse im fernen Osten

Die roten Sandsteine formieren sich im glühenden Abendlicht zu einer Western-Kulisse. Einziger Unterschied: Statt einer Postkutsche müsste hier im wilden Osten bei einer Filmszene wohl eine Reiterhorde von Dschingis Khan ins Bild kommen. Doch Kasachstan bietet mehr als Steppe, Dünen und staubige Schluchten.

Ganz im Südosten, im Gebirgszug Kungej Alatoo, erinnert die Landschaft fast an Kanada. Das Zentrum des Nationalparks Kolsaj-Seen bildet ein steiles, von schlanken Tien-Shan-Fichten bewachsenes Tal. Wie an einer Perlenkette sind hier drei glasklare und eiskalte Gebirgsseen angeordnet. Zum ersten See führen gepflegte Ausflugswege, der zweite See ist nur über einen steilen und rutschigen Pfad zu erreichen.

Wandern am Kara-Beltek-Pass

Der dritte und höchste See aber ist für Wanderer verboten. Denn dahinter liegt die Grenze zu Kirgistan. Die ist wenig durchlässig. Warum das so ist, erleben die Reisenden später nahe Kegen. An diesem nur im Sommer geöffneten Grenzübergang zwischen Kasachstan und Kirgistan wird streng kontrolliert. Sogar Spiegel werden unter die Autos geschoben. Weil eine der Drogenrouten von Afghanistan nach Russland hier verläuft, ist Geduld gefragt.

Der Ärger über die Wartezeit ist beim Wandern am Kara-Beltek-Pass rasch verflogen. Still ist es hier auf 2600 Meter Höhe – und doch sind es auch die Geräusche, die in Erinnerung bleiben. In den sanften Hügeln südlich des Issyk Kul, des größten Sees Kirgistans mit der zwölffachen Fläche des Bodensees, haben die Wanderer ein Hörerlebnis der besonderen Art. Es ist ein dezentes Schmatzen, erzeugt von 160 Kühen, die wohl genau wissen, dass sie hier nur einmal im Jahr die kniehoch gewachsenen Kräuter genießen dürfen.

Kirgistans Cowboys

Nichts kann die Tiere ablenken. Kein Blick geht zu den Wanderern oder zu den eisbedeckten 5000ern im Süden, selbst die beiden Cowboys, 13 und 17 Jahre alt, die sich für ein paar geschenkte Energieriegel mit Reiterkunststücken bedanken, finden keine Beachtung. Rupfen und schmatzen, schmatzen und rupfen. Die Hingabe an frische Minze, Enzian, langstieliges Edelweiß – und wilden Hanf. Nie hat man glücklichere Kühe gesehen.

Etwas weniger glücklich wirken die Kühe im nahen Karakol. Der Viehmarkt in der Provinzstadt mit 90 000 Einwohnern zieht jeden Sonntag Züchter und Käufer aus nah und fern an. Kurz nach Mitternacht gehen die Scheinwerfer an und beleuchten eine archaische Szenerie. Staub liegt in der Luft, Kot bedeckt den Boden. Es wird geblökt, gemeckert, gebrüllt und gewiehert. Und es wird gefeilscht, es wird gestritten und am Ende das Geschäft mit einem Handschlag besiegelt.

Dicke Geldbündel der Landeswährung Som wechseln die Besitzer. Dann wird verladen. Hier wird ein Stier auf einen Laster gezerrt, dort zwängt ein Käufer zwei Schafe in den Kofferraum seines Kleinwagens. „Viele Menschen in Kirgistan besitzen kein Bankkonto“, sagt Reiseleiterin Aida Altymyskova, die als Au-pair und im Studium perfekt Deutsch gelernt hat. „Wenn die Leute Bargeld haben, investieren sie meist in Vieh.“

Besondere Beziehung der Kirgisen zu Pferden

Die alte Nomadentradition wirkt nach. Kein Wunder, dass bei den Pferden selbst um 10 Uhr morgens noch Hochbetrieb herrscht. Stolze Käufer stehen beim Hufschmied Schlange. Karakol hat historisch gesehen eine besondere Beziehung zu Pferden. Hieß doch der Ort, der 1869 von Russen in einem strengen Schachbrettmuster gegründet wurde, zwischen 1889 und 1992 mit einer kurzen Unterbrechung Przhewalsk nach dem Naturforscher Nikolai Przhewalskij. Mit dessen Namen ist für immer das von ihm erstmals beschriebene und später fast ausgestorbene Urpferd verbunden.

Der Forschungsreisende, der noch heute als Humboldt des zaristischen Russlands gilt, starb während der Vorbereitung seiner fünften Expedition durch Zentralasien 1888 mit 49 Jahren in Karakol an Typhus. Dort, wo heute Touristen zu Wanderungen und Trekkingtouren aufbrechen, erinnern in einem gepflegten Park ein Denkmal und ein kleines Museum an den Entdecker. Von seiner Grabstelle geht der Blick auf die östlichste Bucht des auf 1600 Meter Höhe gelegenen Issyk Kul. Genau dort hatten die Sowjets im Krieg Rüstungsbetriebe hin verlagert und Torpedos getestet.

Landschaftliche Vielfalt

Kirgistan hat, bedingt durch das lange Nomadentum seiner Bewohner, vor allem aber wegen Zerstörungen durch fremde Eroberer, wenig historische Baudenkmäler zu bieten, wenn man vom Minarett-Turm Burana absieht. Dafür zeigt das Land, das nur doppelt so groß wie Österreich ist, eine landschaftliche Vielfalt sondergleichen. Nicht jeder Besucher wird den 7000er Khan Tengri an der Grenze zu China besteigen können, aber die spektakuläre Felsenwelt südlich des Issyk Kul steht jedem offen. Nicht nur Frischverliebte pilgern in den Nationalpark Ak-Suu, wo Sandsteine ein 70 Meter hohes zerbrochenes Herz formen.

„Nach der Legende starb hier eine schöne Kirgisin vor Kummer, weil sich zwei um sie kämpfende Männer erschlugen“, sagt Aida. Eine Fahrstunde weiter werden andere Märchen wahr. Dort liegt Skaska, die Märchenschlucht. Wind und Wasser haben eine bizarre Felslandschaft geformt, an der man sich nicht sattsehen kann. Ein Nilpferd, Drachen, schlafende Riesen – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Die Gesteine leuchten intensiv in fast allen Farben: Gelb, Schwarz, Rot, Ocker, Grün, Weiß. Glühende Landschaften. Als hätte die Erde ihren Farbkasten für die Generation Instagram ausgeleert.

Info: Kasachstan und Kirgistan

Anreise
Lufthansa (www.lufthansa.com) bietet Direktflüge von Frankfurt nach Almaty und zurück an. Umsteigeflüge von verschiedenen deutschen Flughäfen über Istanbul mit Turkish Airlines (www.turkisharlines.com) nach Almaty in Kasachstan. Zurück von Bischkek in Kirgistan.

Beste Reisezeit
Wegen des Kontinentalklimas herrscht in Kirgistan von Frühjahr bis Herbst eine relativ stabile Wetterlage. Bei Trekkingtouren in höherer Lage ist der Zeitraum Anfang Juni bis Ende August empfehlenswert. Der Issyk Kul, der zweitgrößte Gebirgssee der Welt, sorgt für mediterranes Klima. Selbst im Winter friert er nicht zu.

Unterkunft und Veranstalter
Green Yard Hotel in Karakol/Kirgistan (www.greenyard.kg) mit hervorragendem Frühstück ab 50 Euro. Nomad Lodge Tamga (www.nomad-lodge.com) ist ein sehr gepflegtes Jurtencamp am Südufer des Issyk Kul nahe der Ortschaft Tamga. Mit Frühstück ab 35 Euro. Die beschriebene Reise im Südosten von Kasachstan und Kirgistan dauert zwei Wochen. Veranstaltet wurde sie von der Weltweitwandern GmbH Graz (www.weltweitwandern.com) und kostet mit Flug, Vollpension, Stadtführungen und Museumsbesuchen ab 3200 Euro. Zweimal findet das Abendessen im Familienkreis von Uiguren und Tataren statt.Auch Hauser Exkursionen (www.hauser-exkursionen.de) bietet ähnliche Reisen an.

Literaturtipp
Der wichtigste Schriftsteller Kirgistans ist Tschingis Aitmatov mit seiner Liebes-Novelle „Dshamilja“.

Allgemeine Informationen
www.kazakhstan.travel.ks und www.kyrgyzstan-travel.com

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