Reisen in Polen Stettin – Stadt am Wasser

Vom Wasser aus hat man die besten Blicke auf die Stadt. Foto: Anja Reinbothe-Occipinti

Grenznah an der Oder liegt Stettin. Doch es ist weniger bekannt als Warschau oder Krakau. Dabei gibt es hier vieles, was man nie vermutet hätte, unter anderem viel Wasser, Grün und Kultur.

Stettin - Die schnittige Jacht flitzt übers Wasser, nachdem Marcin Mrowka ordentlich beschleunigt hat. Der Skipper vom Bootsverleih Holiday-Charter in Szczecin, wie Stettin auf Polnisch heißt, bringt einen im Nu aus der Stadt. Links am Ufer hüpfen deren Ausläufer vorbei, rechts viel wildes Grün. Stettin liegt direkt an der Oder, die im Stettiner Haff mündet, dem Zugang zur Ostsee. Das macht die Metropole der polnischen Woiwodschaft Westpommern zu einer alten Hansestadt.

 

Kaum zu glauben, dass der Hafen mit seinen Werften und Kränen nur wenige Hundert Meter im Rücken liegt. Kanäle und Flüsse zweigen vom sanften Oderstrom ab, der sich in West- und Ostoder teilt. Dazwischen erstreckt sich eine Inselwelt. Reiher landen, Enten gackern, der Wind zerzaust Baumkronen. Marcin Mrowka drosselt die Geschwindigkeit. Segelboote fahren vorbei, Kanus folgen. Auf einem bewaldeten Hügel taucht ein Turm auf. „Der Bismarckturm von Stettin-Gotzlow“, erklärt Konrad Guldon, Leiter des polnischen Fremdenverkehrsamtes, der die Tour ins Umland begleitet.

Merkwürdiges Schiffswrack aus Beton

Später erhebt sich aus dem weiten Dammschen See (Dąbie-See) ein merkwürdiges Schiffswrack. Es sei aus Beton, meint Guldon: „Als es im Zweiten Weltkrieg Probleme mit Stahl gab, baute man Schiffe wie dieses.“ Im seichten Wasser des Sees sollte die „Ulrich Finsterwalder“ versenkt werden, was nur teilweise gelang. Für Paddler und Segler ist das Wrack ein Ausflugsziel, für Kulturinteressierte auch. Auf dem Deck finden mitunter Konzerte statt, heute kreischen nur Möwen.

Der Skipper steuert ein verwunschenes Naturschutzgebiet an. Schilf raschelt, Seerosen schwimmen auf dem Tiefblau, durch das Blesshühner und Schwäne gleiten. Nur ein Vorgeschmack auf das Gebiet südlich von Stettin, wo der Nationalpark Unteres Odertal beginnt.

Polen: Natur, Kultur, Küche

Das Nachbarland Polen haben nur wenige Urlauber auf der Liste. Dabei bietet es so viel: Natur, Kultur, gute Küche. Vereint in so vielfältigen Städten wie Stettin, das noch dazu grenznah liegt. Anders als Warschau oder Krakau. In Stettin sind viele Freizeitaktivitäten unter freiem Himmel möglich.

Das viele Blau und Grün der Stadt mit ihren rund 400 000 Einwohnern ist gleichzeitig ihr Kennzeichen und findet sich als Farbkombi auf Straßenschildern wieder. Jahrelang hätte man vom Wasser weg gebaut, erzählt Stadtführerin Magda Hanusz, nun wende man sich ihm zu.

„Floating Garden 2050“ heißt das Stadtplanungskonzept, das an der Uferpromenade, dem Bulwar Piastowski, Bars und Cafés entstehen lässt und Oderinseln umweltfreundlich ins urbane Umfeld einbindet. Auf Łasztownia (Lastadie) und Wyspa Grodzka (Schlächterwiese) gegenüber der Hakenterrasse ist das schon geschehen. Früher war hier ein Schlachthof, nun entstanden ein Strand und ein neuer Segelhafen. Am Oderufer zeigt sich die Stadt, die eine deutsche, französische und polnische Vergangenheit hat, bunt.

Einstiger industrieller Charakter von Stettin

Andernorts täte ein wenig mehr Farbe gut. Denn bis heute sind Spuren des Zweiten Weltkriegs zu sehen. Häuserlücken klaffen, sofern sich nicht sozialistische Bauten hineingezwängt haben. Zerfallene Fabrikgebäude aus dem 19. und 20. Jahrhundert erinnern an den einstigen industriellen Charakter von Stettin. Lange Zeit bröckelte vieles vor sich hin.

Seit einem Jahrzehnt wird mehr investiert, doch etliches ist im Wiederaufbau und muss sich erst finden. Das ist deutlich zu spüren. Da kann Magda Hanusz noch so sehr darauf pochen, dass Stettin eine Stadt der Studenten ist.

Am Oderufer angeln morgens Männer, doch sie scheinen es weniger aus Lust denn aus Frust zu tun. Wenige Schritte davon entfernt erstrahlt das Hauptpostamt, ein imposanter Neorenaissance-Backsteinbau mit noch imposanterer Schalterhalle. „Sie ist auf hölzernen Pfeilern gebaut. Darunter fließt Wasser“, so Magda Hanusz und marschiert weiter zum ehemaligen Neuen Rathaus.

Gotik der heutigen Zeit

Eine gestrichelte Linie verläuft entlang des Gehwegs. Magda erklärt: „Die rote Route führt Touristen ab dem Hauptbahnhof sieben Kilometer durch die Stadt an historischen Gebäuden und Sehenswürdigkeiten vorbei.“ Zu einigen davon begleitete ihr Kollege Przemyslaw Jackowski tags zuvor. Da waren das kunstvolle Hafentor, einst Zugang zur Festung zwischen Passauer- und Königsbastion, heute umzingelt von verkehrsumtosten Nachkriegsbauten; die Herz-Jesu-Kirche dahinter in Stahlfaserbetonbauweise; dann das Geburtshaus der Zarin Katharina II. oder das barocke Königstor nahe der Philharmonie.

Die Gotik der heutigen Zeit, so nennt Jackowski den weißen Bau, der von außen an hanseatische Giebelhäuser erinnert und von innen ans Guggenheim-Museum in New York. 2015 gab es dafür den Mies-van-der-Rohe-Architekturpreis. Zum „World Building of the Year“ wurde das unterirdische Dialogzentrum „Umbrüche“ nebenan gekürt, in dem die Geschichte Stettins und Vorpommerns aufgearbeitet wird.

Info: Anreise

Mit dem Zug über Berlin-Gesundbrunnen nach Stettin.

Unterkunft

Das Novotel Szczecin liegt mittendrin, unweit der Altstadt. DZ ab 55 Euro/Nacht zzgl. Frühstück 11 Euro/Person. An der Marina Stettin-Gotzlow liegt das Hotel Jachtowa, DZ/F ab 60 Euro, beides über www.booking.com.

Essen und Trinken
Stilvoll isst man im Kresowa beim Park Kasprowicza, www.facebook.com/Kresowaszczecin. Angeblich der beste Brasilianer Europas serviert im Brasileirinho am Heumarkt.

Aktivitäten

Auf dem Wasser lassen sich Stettin und das Oderdelta gut erkunden. Jachten mit Skipper vermietet Holiday-Charter, Szczecin. Geführte Stadttouren findet man über Stettin-Tourismus . Ein Muss für alle Oldtimer-Fans ist ein Besuch im Technik- und Transport-Museum. In einem ehemaligen Straßenbahndepot stehen historische Busse, Trams, Mopeds, Traktoren und eine Stoewer-Ausstellung mit der weltweit größten Sammlung an diesen Automobilen. Den besten Blick auf Stettin hat man vom verglasten Turm der Kathedrale.

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