Dann trat der Unternehmer Franz Tress auf den Plan. Er kaufte das Gelände samt seinen 140 Gebäuden und zog ins Schlössle, in dem einst der Kommandant residierte. Das passt gut, denn heute hört alles auf sein Kommando im Alten Lager, das nun Albgut heißt. Im Dorf nennt man ihn den Nudelkönig – hat er doch sein Vermögen als Teigwarenfabrikant gemacht – oder den Gutsherrn. Auch das passt – zu seinem Landgrafen-Outfit und dem gebieterischen Auftreten.
Durchs Gelände per Gruppen-E-Bike
Durch sein Reich führt er per Gruppen-E-Bike, denn das Gelände mit 72 Hektar eignet sich eher für eine Wandertour als für einen Spaziergang. Wobei schöne Wanderwege durchs Gelände und über den angrenzenden Truppenübungsplatz führen, das Herzstück des Unesco-Biosphärengebiets Schwäbische Alb. Dessen Infozentrum mit Ausstellung sitzt gleich am Eingang in den früheren Wach- und Arrestgebäuden, die mit einer Glaskonstruktion verbunden wurden.
„Grüne Zukunft“ steht über dem Konzept für den „Sehnsuchtsort Albgut“, das Tress mit seiner Frau entwickelte. „Natur plus Tourismus plus Heimat – das geht“, glaubt Tress. Die bisherige Entwicklung gibt ihm recht: Die Eventlocations sind gut gebucht für Hochzeiten, Familienfeiern und Seminare, die Manufakturen, Museen und Ausstellungen gut besucht.
Feiern im rustikalen Ambiente
Wer feiern will, hat die Wahl: rustikal in der Alten Schmiede, in der das Moped des Schmieds und diverse Werkstattreste stilvoll in Szene gesetzt sind; oder landlustig im ehemaligen Haferspeicher, wo die Balken noch Markierungen tragen, wie hoch das Getreide für die Pferde angefüllt war. Hier finden bis zu 350 Gäste Platz unter original Dachgebälk und mit Blick durch neue Fenster aus Eichenholz.
So wollte es das Denkmalamt, das die Verwandlung des Militärlagers aufmerksam begleitet. Für noble Feste bietet sich die einstige Offiziersspeiseanstalt an. Die Wände ziert Württemberger Adel in Öl, auf dem Fries laufen Löwen. Während im Saal bis zu 200 Gäste tafeln und tanzen, können nebenan im plüschigen Damenturm schlafende Kinder geparkt werden.
Als richtige Schlafgelegenheit dienen 63 Zimmer in den ehemaligen Offiziersunterkünften. Die schmalen Zimmer sind spartanisch, aber stimmig ausgestattet mit einem nach frischem Holz duftenden, zimmerbreiten Riesenbett, das eine ganze Familie aufnimmt. Dazu gibt es Gemeinschaftsbäder auf dem Gang. Langfristig sollen 400 Betten in Hotelzimmern und Chalets entstehen.
Sanierung schreitet voran
Inzwischen sind 78 der 143 Gebäude aus Holz und Backstein saniert, eine Handvoll wurden abgerissen. Ein Riesenprojekt. „Alle Dächer waren undicht – ich habe über 9000 Meter neue Dachrinnen gebraucht“, erzählt Tress. Über Investitionen mag er nicht reden, nur beiläufig erwähnt er, dass allein die Kanalsanierung sich auf rund zwei Millionen Euro summiert. „Manchmal denke ich, was sich hier bewegt, ist der Wahnsinn“, sinniert der Herr des Albguts angesichts der Dimensionen des Projekts. Um dann voller Schwung seine Tour durch Gelände, Geschichte und Ideen fortzusetzen.
Wie im Dornröschenschlaf liegt das Lazarett samt Leichenwaschhaus und Quarantänestation, Schwesternhaus und Ärztebaracke da. Im Operationssaal hängen uralte grüne Gardinen neben OP-Besteckkästen von vor hundert Jahren. „Zu mir kam ein Mann und fragte, was mit dem Lazarett wird, dessen Dach eingebrochen war. Als ich sagte, das wird saniert, brach der Mann in Tränen aus, weil man ihm hier als Bub mal das Leben gerettet hatte“, erzählt Tress. Für dieses Areal sieht er Potenzial beim Film – als Kulisse für historische Stücke. Götz George war schon da zum Drehen.
Lazarett für Pferde
Selbst die Pferde hatten hier ihr eigenes Lazarett, samt Kneippbecken zum Füßekühlen: Man ging sorgsam um mit seinen PS. Zu Kriegszeiten waren in Münsingen bis zu 4000 Pferde versammelt, im Zweiten Weltkrieg bis zu 25 000 Mann. Auf dem Paradeplatz soll Göring mal besoffen vom Pferd gefallen sein. Das ist aber nur mündlich überliefert. TS1, die einstige Telekommunikationszentrale, erinnert mit schusssicheren Scheiben und panzersicheren Kellern an ihre einst wichtige Bedeutung.
Richtiges Leben herrscht in den ehemaligen Mannschaftsbaracken. Wo einst 120 Mann in drei Schlafsälen schnarchten, residieren heute Kunsthandwerker. Vor original lindgrünen Wänden und unter historischem Gebälk logieren hier die Nudelmanufaktur von Tress’ Sohn und der Essigbrauer Stephan Köhler (Ausemländle). Er macht aus Fruchtsäften Essig wie den Albsamico.
„Im Frühjahr habe ich Bieressig gemacht, denn als die Wirtschaften wegen Corona schließen mussten, war viel Bier übrig“, erzählt er. In der Druckmanufaktur Letterpress + Buchdruck sieht man, wie feiner Buchdruck funktioniert. Nebenan geht es zur Ölmanufaktur Alb-Öhlmühle.
Im Lagerhaus findet man eine Kaffee- und Kakaorösterei sowie eine Seifenmanufaktur Im Wollwerk kann man eine historische Kardiermaschine bestaunen und in der Springerlemanufaktur der Welt größte Springerlesammlung. Veronika Kraiser versucht, mit ihrer Manufaktur Flomax Naturtextilien Familie und Beruf unter einen Hut zu kriegen. Verarbeitet wird Wolle vom Merinolandschaf, das seit 1785 auf der Alb lebt – lange schon, bevor die Soldaten kamen, die nun auch schon wieder Geschichte sind.
Info: Anreise
Mit dem Zug über Reutlingen oder Metzingen nach Münsingen, www.bahn.de. Weiter mit Bussen. Mit dem Auto die Bundesstraßen 27, 312, 28 und 465 nach Münsingen.
Unterkunft
In Münsingen verwöhnt das Biosphärenhotel Herrmann. DZ/F ab 64 Euro pro Person. Biosphärenhotel in Gundelfingen ist das Landhotel Wittstaig. DZ/F ab 49 Euro pro Person.
Aktivitäten
Manufakturen und Museen; Führungen durchs Albgut bieten die Albguides – Anmeldung unter 01 57/58 79 22 51. Geführte Touren über dem Truppenübungsplatz bieten die TrÜP-Guides, Infos bei der Tourist Information Münsingen, Tel. 0 73 81 / 18 21 45; allgemeine Informationen unter:
Schwäbische Alb Tourismus, Tel. 0 71 25 / 9 39 30, und Biosphärengebiet Schwäbische Alb.