Ulm - Am Autobahnparkplatz Kemmental versteckt die Schwäbische Alb ihre Schönheit. Aussicht gibt es in diesem Geländeeinschnitt an der Autobahn 8 nicht, zudem liegt die Asphaltbucht in der Verlängerung der im Bau befindlichen Anschlussstelle Ulm-West, die kräftig dabei ist, als täglicher Stauknotenpunkt in die Geschichte der größten Verkehrsärgernisse des Bundeslands einzugehen. Und doch: entspannte Gesichter allüberall, müde scheinend hier und da nach langer Fahrt, aber stets zum Lächeln bereit. Ein Pärchen aus Stuttgart, gerade aus Italien gekommen, hat die elektronischen Hinweisschilder unterwegs gesehen und ist spontan abgebogen. Ruhig stehen sie in der Schlange weiterer Alpenbezwinger. Das sei ja toll hier, sagt der Fahrer. Jetzt könnten sie sich den Weg zur Teststation am Stuttgarter Hauptbahnhof sparen.
Ludwig Merkle, Rettungsdienstleiter beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) Heidenheim-Ulm und ein eher wortkarger Mann, macht eben kurz Lächelpause. Die Internetverbindungen der an der Corona-Teststation eingesetzten Rechner sind abgestürzt. Mal wieder. Merkle versucht, die Router neu zu starten. Die Frauen und Männer in den drei Bürocontainern aktivieren derweil die Hotspot-Funktionen ihrer Smartphones. So können sie weiter die Software des DRK-Blutspendedienstes Baden-Württemberg-Hessen mit Personendaten füttern. Das Sozialministerium hatte im Vorfeld versucht, eine Daten-Festleitung nach Kemmental zu bekommen. Nur mit Jahresvertrag, gab ein großer deutscher Kommunikationsanbieter auf Anfrage zu verstehen. Das Ministerium winkte dankend ab – dann lieber Wackelverbindungen.
Knapp 1200 Corona-Infektionen wurden entdeckt
Seit rund zwei Wochen arbeiten die Corona-Teststationen an den Parkplätzen Kemmental und Neuenburg an der A 5. Annähernd 66 000 Abstriche sind hier nach Angaben des Sozialministeriums, Stand Freitagnachmittag, vorgenommen worden. Mit den Teststellen am Stuttgarter Hauptbahnhof sowie den Flughäfen Stuttgart, Baden-Baden und Friedrichshafen beläuft sich die Zahl auf gut 140 000. Knapp 1200 Corona-Infektionen wurden entdeckt, mitgebracht vor allem aus dem Kosovo, Bosnien-Herzegowina, Nordmazedonien, Zypern, Spanien oder der Türkei. Noch stehen Hunderte Laborproben aus. Erst am Sonntag wird der Höhepunkt der Rückreisewelle nach Baden-Württemberg erwartet.
Der Grünen-Sozialminister Manne Lucha zieht dennoch bereits ein entspanntes Fazit. Die kostenlosen Testungen seien „gut und richtig“ gewesen, sagt er. „So ist es uns gelungen, vor allem bei Reiserückkehrern aus Risikoländern positive Befunde frühzeitig zu erkennen.“ Ab Dienstag nächster Woche werden die Teststationen zurückgebaut. Nur noch Reisende aus Risikoländern können sich dann testen lassen. Weitere Interessierte müssen zu einer der Testationen in den Landkreisen, die unter Führung der Kassenärztlichen Vereinigung derzeit wieder aufgebaut werden. Ohne medizinische Indikation kostet das, je nach eingesetztem Labor, zwischen 80 und 100 Euro, teilt eine Kassenärzte-Sprecherin mit. Laut Lucha müsse man die Kräfte nun „gezielt für die Menschen einsetzen, die einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt sind“. In Pflegeheimen zum Beispiel.
Die Disziplin unter den Autoreisenden am Rasthof ist gut
In der Autoschlange von Kemmental ist auch die Generation Sportauspuff würdig vertreten; Jüngere also, die sagen, sie seien nicht ihretwegen da, sondern um der Gesundheit der Großeltern willen. Das dürfte eine Erklärung sein, weshalb sich bisher kaum ein Prozent der Getesteten als infiziert herausgestellt hat.
Dennis Mayr, 27, Oberbootsmann des Ulmer Kommandos Operative Führung, könnte einer von ihnen sein, doch er steht als Verantwortlicher einer fünfköpfigen Gruppe von Militärhilfskräften vor Ort auf der anderen Seite. Wahrscheinlich tragen die grünen Militärtarnanzüge zur allgemeinen Disziplin unter den Autoreisenden am Rasthof mit bei, dabei ist Dennis Mayr ein durch und durch friedfertiger Mensch. „So viel Lob und Anerkennung hatte ich noch nie in meinem Leben“, sagt er. Besorgte Autofahrer als Stimmungsaufheller für eine Berufsgruppe, die sich gesellschaftlich oft missverstanden fühlt, das ist eine der Überraschungsanekdoten dieser sonst allzu traurigen Gegenwart.
Zu reden haben werden sie trotzdem, wenn das alles demnächst vorbei ist, und nicht nur im Plauderton. Zwar ist die Wiederholung bayerischer Testpeinlichkeiten vermieden worden. Aber der örtlich zuständige DRK-Kreisverbandsarzt und Fachberater Bernd Kühlmuß würde die Teststation so nicht mehr aufbauen. Die Containerfenster im Anmeldebereich stehen zu hoch für Autos, vor allem sind sie auf den Beifahrerseiten platziert. Die Einsatzkräfte erschufen in ihrer Not die Posten von „Läufern“. In gelbe Plastikumhänge gewandet, tragen sie seit zwei Wochen die Klemmbretter mit Personendaten nebst Personaldokumenten von den wartenden Autos zur Kollegenschaft an den Computern. Dort wird per Hand eifrig eingetippt – und auch das missfällt Kühlmuß. Denn mit den üblichen Gesundheitskarten von Krankenkassen kann die eingesetzte Software nichts anfangen. „Das muss sich ändern: die persönlichen Krankenkassen-Karten müssen digital eingelesen werden“, sagt der Arzt. Dann entfalle die Gefahr von Fehlern durch Abschreiben. Dass es die gab, legt die Statistik nahe. Mehr als 200 Speichelproben sind beim Sozialministerium als „nicht auswertbar“ verzeichnet.
Die telefonische Befundauskunft in Frankfurt war anfangs völlig überlastet
Und sonst? Kühlmuß, als Privatperson Fahrer einer Harley-Davidson, ist durchaus auch hart zu sich selbst. Einmal, gibt er zu, haben sie in Kemmental nachts vergessen, einen der verschließbaren Container mit Speichelproben auf das Kurierfahrzeug zu laden, das täglich nach Arbeitsschluss um 22 Uhr ins Großlabor nach Frankfurt aufbricht. Zwei Tage lang hat das niemand gemerkt, die betroffenen Getesteten waren zu Recht entrüstet. Darüber hinaus bleiben die E-Mails des Labors an Getestete immer wieder in Spam-Filtern hängen. Die telefonische Befundauskunft in Frankfurt war anfangs völlig überlastet, weil die Zahl der Anrufer grandios unterschätzt wurde.
Ein Paar mit Gütersloher Kennzeichen ist trotz allem froh, hier zu sein. Von Kroatien seien sie gekommen und hätten nach ausführlicher Privatrecherche extra einen Umweg über Kemmental in Kauf genommen, sagt der Fahrer. „In Bayern wollten wir uns nicht testen lassen.“ Was den Ministerpräsidenten des selbst ernannten Corona-Musterlands im Osten ärgern dürfte, erzeugt bei den Einsatzkräften auf dem Rastplatz hier bestenfalls einen kurzes Blitzen der Augen. Rettungsdienstler halten zusammen, überall. Wenn schon offene Freude, dann im Angesicht des Ludwig Merkle. Der vermeldet nach anderthalb Stunden: Router neu gestartet. Handys aus. Das Internet geht wieder.