Emma Bez bei ihrer Ankunft in Chambéry, einer der Stationen auf ihrer Reise. Foto: privat
800 Euro für eine Reise nach dem Abi, einfach so? Eine 21-jährige Stuttgarterin erzählt, wie sie mit einem Stipendium eine Solo-Reise gemacht hat, die ihr Leben verändert hat.
Emma Bez steigt Mitte April in Bordeaux im Süden Frankreichs aus dem Zug. Mit einem Rucksack auf dem Rücken und einer Adresse für die erste Nacht in der Hand steht die 21-jährige Stuttgarterin in der Bahnhofshalle. Das Abi hat sie hinter, die Zukunft vor sich.
Ihr stehen vier Wochen im Land bevor, sie reist von Zirkusschule zu Zirkusschule, will sich ausprobieren: Taugt ihre Leidenschaft als Karrierekonzept? Lässt sich als Artistin ein Leben bestreiten? 800 Euro hat sie dafür in der Tasche. Wird das reichen – und wird sie ihren Weg finden?
Das Geld für die Reise hat sie von einem Stipendium. Über eine Freundin war sie auf die Stiftung für Studienreisen (Zis) gestoßen. Die Zis vergibt jedes Jahr etwa 60 solcher Stipendien an Bewerberinnen und Bewerber aus ganz Deutschland. Ziel ist es, jungen Menschen eine Reise zu ermöglichen, die zur Völkerverständigung und zur persönlichen Entwicklung beiträgt. Wer eine konkrete Reiseidee und ein Recherchethema hat, kann sich bewerben.
Sie reist dorthin, wo Zirkusschulen sind
Emma Bez will fünf Tage in Bordeaux bleiben, hat aber nur ein Hostel für die erste Nacht gebucht, so erzählt sie es im Gespräch mit unserer Redaktion. Bei 800 Euro für vier Wochen muss man haushalten. Und es ist ihre erste Reise alleine, sie ist ganz auf sich gestellt.
In der Straßenbahn zur Unterkunft lernt sie eine Frau kennen, sie unterhalten sich, Emma Bez erzählt von ihrer Reise. Die Frau lädt Emma Bez spontan ein, die nächsten vier Tage bei sich zu übernachten – ein Glücksfall. Immer wieder ergeben sich auf der Reise solche Dinge. Ihre Schlafplätze bucht sie nie weiter im Voraus – irgendwann ergibt sich was. „Ich habe gelernt, mich auch ohne Plan auf Sachen einzulassen“, sagt Emma Bez. „Das war ein unglaublicher Gewinn.“
Auf jeder Station ihrer Reise befindet sich eine Zirkusschule, die professionelle Artistinnen und Artisten ausbildet und die sie kennenlernen will. Ihre Taktik: nicht zuschauen, sondern mitmachen.
Zusätzlich verabredet sie sich mit Artisten, um mit ihnen privat zu trainieren. So habe sie sich körperlich stark weiterentwickeln können, sagt Bez.
Emma Bez (Mitte) in einer Zirkusschule bei ihrer Spezialdisziplin, dem Vertikaltuch. Foto: privat
Zusätzlich verabredet sie sich mit Artisten, um mit ihnen privat zu trainieren. So habe sie sich körperlich stark weiterentwickeln können, sagt Bez.
Die Reise hilft ihr, sich für ihren Zukunftsweg zu entscheiden
Über Kontakte in einer Zirkusschule landet sie in Toulouse in einer WG mit 20 Artistinnen und Artisten, mit denen sie dann zusammenwohnt. „Das war die tollste Wohnmöglichkeit für mich, die hätte kommen können“, sagt Bez. Ein Artist in Toulouse empfiehlt ihr etwa die Zirkusschule in Lyon, dort lernt sie wiederum Menschen kennen, die bis heute ihren Zirkusweg mitgehen. So habe sie erfahren, wie verknüpft die Zirkuswelt ist, eine kleine Community, in der sie gleich aufgenommen worden sei, erzählt sie. „Das ist wirklich schön“, so Bez.
Auf ihrer Reise fragt Emma Bez die Menschen immer wieder, warum sie sich für den Zirkus entschieden haben. Eine Zirkusschülerin, die selbst zwischen der Entscheidung Physikstudium oder Zirkus gestanden habe, habe ihr gesagt: „Die Zirkusschule kann ich nur jetzt machen, solange ich jung bin“, erinnert sich die Stuttgarterin. „Dieser Satz ist mir im Kopf geblieben. Ich stand auch vor der Entscheidung, Sonderpädagogik zu studieren oder auf die Zirkusschule zu gehen. Die Aussage hat dazu geführt, dass ich jetzt hier bin“, sagt Bez.
„Eines der prägendsten Erlebnisse in meinem Leben“
Hier, damit meint Emma Bez die Flic Scoula di Circo, eine Zirkusschule in Turin, die sie seit September besucht. Sie ist ihrem Lebenstraum, professionelle Zirkusartistin zu sein, ein Stück nähergekommen.
Sie arbeitet dort vor allem an ihrer Spezialdisziplin, dem Vertikaltuch. Und sie sagt: „Ich weiß nicht, ob ich ohne die Erfahrung in Frankreich jetzt in die Schule gekommen wäre.“ Denn auf wenige Plätze kommen viele Bewerber. Ohne Vorerfahrung habe man keine Chance. Und was bleibt noch von ihrer Reise? „Für mich war sie eines der prägendsten Erlebnisse, das ich bisher in meinem Leben hatte“, sagt Emma Bez.
Dieser Artikel erschien erstmals am 13. November 2025 und wurde am 2. Dezember aktualisiert.
Wie kommt man an das Stipendium?
Bewerbung Der nächste Bewerbungszeitraum ist von 1. Dezember bis zum 15. Februar. Bewerben können sich alle Menschen, die beim Beginn der Reise zwischen 16 und 20 Jahre alt sind. Die Bewerbung erfolgt online über die Homepage von Zis-Reisen. Dafür braucht man auch eine konkrete Reiseidee. Das Stipendium beträgt immer 800 Euro, der Reisezeitraum sollte mindestens vier Wochen sein – und man muss alleine reisen.
Ziel Die Reisen sind an Bedingungen geknüpft: Die Reise wird allein mit dem Stipendienbudget bestritten. Die Begrenzung des Budgets führe dazu, „dass man während der Reise Kontakt zu Menschen aufnehmen muss, um es zu schaffen – und dann kann Begegnung und eben auch Völkerverständigung stattfinden“, sagt Judith Feeser von Zis-Reisen. Eine weitere Bedingung: Man muss im Anschluss einen Studienbericht und ein Reisetagebuch einreichen.