Reisestornierungen wegen Engpass Lange Wartelisten für Piks gegen Tollwut

Die Vorsorgeimpfung besteht für Erwachsene und Kinder aus drei Injektionen in den Oberarmmuskel binnen drei oder vier Wochen. Es gibt auch ein verkürztes Impfschema binnen sieben Tagen. Foto: dpa/Sven Hoppe

Impfstoff gegen Tollwut ist seit mehreren Monaten Mangelware. Apotheker müssen ihre Kunden vertrösten. Diese sind teilweise so verzweifelt, dass sie ihre Fernreisen stornieren.

Tollwut endet tödlich. Es sei denn, man ist geimpft. Deutschland gilt zwar seit 2008 als frei von Tollwut. Bei einigen Fernreisen braucht man die Impfung jedoch. Wer in den Sommerferien nach Afrika oder Asien verreist, der sollte schleunigst in seinem Impfpass nachsehen, ob er bereits gegen Tollwut geimpft ist. Falls nicht, sieht es schlecht aus. Denn aktuell fehlen Impfdosen gegen die Infektionskrankheit in vielen Apotheken – so auch im Kreis Böblingen.

 

„Es ist eine gravierende Situation“, sagt der Apotheker Björn Schittenhelm, der in Holzgerlingen und Esslingen drei Apotheken betreibt. Lieferengpässe seien nach wie vor das Thema Nummer eins für Apotheken. Das habe sich auch in den vergangenen Monaten – trotz des im vergangenen Sommer in Kraft getretenen Lieferengpass-Gesetzes – nicht geändert. Immer noch stehen rund 450 Präparate (Impfstoffe und freiverkäuflichen Medikamenten nicht miteingerechnet) auf der Engpass-Liste des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte. Während sich die Situation im Bereich der Kinderarzneimittel leicht verbessert habe, so sehe es bei anderen Medikamenten und Impfstoffen noch schlechter aus, weiß Schittenhelm.

Zu Beginn der Sommerferien könnte sich die Situation noch verschärfen

In seiner Apotheke in Holzgerlingen gibt es eine lange Warteliste für Fernreisende, die sich gegen Tollwut impfen lassen möchten. „Wir bekommen immer wieder kleine Mengen an Impfstoff. Aber ob der Stoff nächste Woche eintreffe oder in drei Monaten, können wir nicht sagen. Wir haben keinerlei verlässliche Informationen“, sagt Schittenhelm und spricht auch für seine Kollegen.

Eine Patientin habe ihre Fernreise extra verschoben, weil sie ohne den notwendigen Tollwutimpfschutz nicht verreisen wollte. Schittenhelm befürchtet, dass nun zu Beginn der Sommerferien noch mehr Menschen kommen, die sich spontan gegen Tollwut impfen lassen wollen. Denn nicht jeder plant seine Reise weit im Voraus.

Als Gründe für die Problematik sieht Schittenhelm unter anderem die mangelnde Bereitschaft der Krankenkassen, für Arzneimittel angemessene Preise zu bezahlen. Bei Impfstoffen ist die Herstellung komplex und aufwendig. Zudem sind die Entwicklungskosten besonders hoch. Aber auch die Lieferkette sei durch die Coronapandemie immer noch leicht gestört, sagt Schittenhelm.

Aufgrund eines Druckfehlers kam es zu Verzögerungen bei der Auslieferung

Immer wieder sind Impfstoffe gegen Tollwut knapp. Auch Ende März war für den Tollwutimpfstoff Rabipur des Herstellers Bavarian-Nordic ein Lieferengpass gemeldet worden. Bei einigen Chargen gab es einen Druckfehler: statt Impfstoff stand Impstoff drauf. Das hat zu Verzögerungen bei der Freigabe durch das Paul-Ehrlich-Institut, das die Impfstoffentwicklung überwacht, geführt.

„Engpässe bei Impfstoffen oder Arzneimitteln verschiedener Art gibt es häufiger“, weiß auch Annette Theewen, die Vorsitzende der Ärzteschaft Böblingen. Der Tollwutimpfstoff sei kein regulärer Impfstoff, der in den Praxen bevorratet werde, wie beispielsweise ein Tetanusimpfstoff, sagt sie. „In unseren Breitengraden ist das Risiko, an Tollwut zu erkranken gering“, erklärt die Ärztin. Sie rät Fernreisenden, die keinen Tollwutimpfschutz haben und die sich beispielsweise während einer Safari in Afrika durch Tiere verletzten, schnellstmöglich vor Ort einer Immunisierung durch Immunglobuline zu unterziehen.

Nicht jeder braucht eine Tollwutimpfung

Definition
Ein Lieferengpass eines Impfstoffes ist definiert als eine voraussichtlich über zwei Wochen hinausgehende Unterbrechung der Auslieferung durch den Hersteller im üblichen Umfang oder als eine unerwartete, deutlich vermehrte Nachfrage, der der Hersteller nicht angemessen nachgekommen kann.

Tollwut
Tollwut ist eine durch Tiere übertragene Erkrankung des zentralen Nervensystems, die durch verschiedene Viren ausgelöst wird, darunter Rabiesvirus (klassisches Tollwutvirus) und verschiedene Fledermaus-Tollwutviren.

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