Pferdefreunde sind recht hart gesottene Zeitgenossen. Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt am Morgen kurz nach 9 Uhr schrecken sie nicht – sie sind es gewohnt, mit ihren Tieren draußen zu sein, auch wenn andere die Heizung daheim lieber um eine Stufe nach oben schalten.
Der RFV Leonberg hat zum offenen Seminar „Schulung von koordinativen Fähigkeiten zur Verbesserung des Rhythmusgefühls“ geladen, und gut 120 Menschen sind zum Reiterzentrum Tilgshäusle gekommen. Sie wollen erleben, welche Ratschläge Bundestrainer Peter Teeuwen mitgebracht hat – ein heißer Becher Kaffee ist dabei auf der Tribüne allerdings ein verdammt guter Begleiter.
„Die Halle ist gut gefüllt“, sagt Petra Opalla, die Clubchefin des RFV und die Hausherrin, „nur schade, dass viele Kinder und Jugendliche nicht kommen können, weil Schule ist.“ Das wäre sicher ein Zuckerle für die jungen Pferdefreunde aus Leonberg und Umgebung gewesen, denn an diesem Morgen geht es um den Reit-Nachwuchs und darum, wie er sich im Sattel bei der Arbeit mit dem Tier im Springparcours verbessern kann – Peter Teeuwen ist Bundestrainer für Ponyreiter sowie die U 18 und die Jungen Reiter bis 21 Jahre. „Vergangenes Jahr waren Faschingsferien“, bemerkt Petra Opalla, „da waren noch mehr Leute da.“
Inmitten des kleinen Springparcours ist der 60-Jährige aus der deutschen Reiterhauptstadt Warendorf in seinem Element. In drei Vierergruppen, erst die Ponyreiter, dann die U 18 und schließlich die Jungen Reiter, unterweist Teeuwen in drei Blöcken zu knapp einer Stunde die Talente des RFV. Mit Funkmikrofon am Headset stellt der Bundestrainer den Eleven in den Sätteln Aufgaben und kommentiert ihre Ausführung. Es geht um die Zahl der Galoppsprünge zwischen den Hindernissen, darum, stets den Kontakt zum Pferd zu halten, um flüssiges Reiten.
Bundestrainer favorisiert den Dialog
„Ihr müsst mit dem eigenen Körper das Pony auf Linie bringen“, bemerkt er, „behaltet den Rhythmus bei und das Gesäß im Sattel.“ Immer wieder spricht der Mann mit dem Bundesadler auf dem Anorakärmel die Talente auf dem Pferderücken direkt an: „Der fünfte Galoppsprung war zu kurz – was würdest du nächstes Mal anders machen?“ Oder: „Was denkst du, war gerade dein Fehler?“ Die Ratschläge fruchten, sie werden sofort erfolgreich umgesetzt.
Es ist kein Monolog, den der Bundestrainer hält, es ist ein offener Dialog – und der nimmt nicht nur die jungen Reiter, sondern auch das Publikum mit. Ganz so stellt man es sich vor, wenn Peter Teeuwen als Bundestrainer arbeitet. „Mit dem Nachwuchs ist diese Art von Arbeit sehr wichtig“, erklärt er im Gespräch, „es geht darum, das entsprechende Rüstzeug zu vermitteln.“ Später, wenn die Reiter gut ausgebildet sind, ändere sich seine Aufgabe – dann sei eher ein kluges Zeitmanagement gefragt, dann gehe es darum, die verschiedenen Termine sinnvoll zu koordinieren, um weder Mensch noch Tier zu überfordern – und beim Saisonhöhepunkt auf den Punkt topfit zu sein. „Aber“, verrät der 60-Jährige, „selbst manche Spitzenreiter nehmen immer wieder gerne die Hilfe eines Trainers am Boden in Anspruch.“
Teeuwen reitet selbst fast nicht mehr
Peter Teeuwen ist zum ersten Mal in Leonberg, Gerhard Ziegler, der Ehrenpräsident des RFV, hat ihn wie schon viele andere hochkarätige Seminarleiter untern Engelberg gelotst. Vergangenes Jahr war Peter Thomsen zu Gast, zweimaliger Goldmedaillen-Gewinner bei Olympia in der Vielseitigkeit. „Es ist stets ein wenig ein Nervenkitzel, wen wir verpflichten können“, sagt der 72-Jährige. Die jeweiligen Dozenten erhalten für ihr Engagement ein Honorar, zudem werden die Reisekosten übernommen.
Das Pilgern durch die Republik gehört für den Rheinländer Teeuwen längst zu seinem Job als hauptamtlicher Bundestrainer dazu, gerade in den Wintermonaten nutzt er die Zeit, um solche Termine wie den im Reiterzentrum Tilgshäusle wahrzunehmen. Selbst im Sattel sitzt der Pferdewirtschaftsmeister dagegen kaum mehr, seine Aufgaben erlauben es ihm nicht. „Ich bin in der Regel nur Montag und Dienstag zu Hause in Warendorf“, erzählt er, „da kann man sich nicht richtig um Pferde kümmern – und halbe Sachen sind in der Reiterei nichts.“
Reitlehrer reden häufig viel
Im Springparcours ist Peter Teeuwen fast ununterbrochen am Sprechen, er erklärt, er unterweist, er gibt Tipps. „Es ist nicht unüblich“, bemerkt RFV-Chefin Petra Opalla, „dass ein Reitlehrer zwei Stunden am Stück nur redet.“ Der Bundestrainer gönnt sich nicht einmal einen Schluck Wasser bei seiner Arbeit bis zu Mittagsstunde. Aber vielleicht gibt’s danach einen Becher heißen Kaffee. Der tut gut, auch wenn die Temperatur mittlerweile etwas höher geklettert ist.