Stuttgart - Wer zweimal hintereinander auf demselben Pferd olympisches Gold geholt hat, den wirft so schnell nichts aus dem Sattel – auch nicht im übertragenen Sinne. Obwohl die Herausforderungen für die internationalen Reiter kaum größer sein könnten. Zur Coronapandemie gesellte sich – ebenso global – das Herpes-Virus bei Turnier- und Zuchtpferden, das schon zahlreichen Tieren das Leben kostete.
Auch Michael Jung, der 2012 in London Park brillierte und vier Jahre später in Rio, muss diese Herausforderungen meistern – und handelt in der Krise nach einer simplen Devise: „Wir müssen flexibel bleiben, von Tag zu Tag denken!“ Er ergänzt: „Das Herpes-Virus ist nicht neu, es kursiert seit vielen Jahren. Alle unsere Pferde werden einmal im Jahr dagegen geimpft, wir hatten noch nie Probleme.“ Michael Jungs Vater Joachim erklärt: „80 Prozent aller Pferde tragen dieses Virus in sich. Bei Stress, etwa auf langen Reisen, besonders aber im Frühjahr sind Ausbrüche nicht selten. Die geimpften Pferde kommen in aller Regel gut zurecht.“
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Das aktuelle Problem in diesem Frühjahr 2021: Während der langen, internationalen Turnierwochen in Spanien und Italien, wo mehrere Tausend Springpferde wie auf einem riesigen Markt versammelt sind, um in mildem Klima trainiert und/oder verkauft zu werden, brach das Virus zuerst im spanischen Valencia aus, wurde aber vom Veranstalter zunächst vertuscht. Als es nicht mehr zu verheimlichen war, reisten viele Reiter in regelrechter Panik mit ihren Pferden ab. So verbreitete sich das Problem fast in ganz Europa und ist noch nicht unter Kontrolle.
Mitgefühl mit dem Kollegen
Der Ilsfelder Züchter und Springreiter Sven Schlüsselburg etwa war bereits Tage zuvor aus Valencia abgereist – ohne zu wissen, dass seine Pferde krank sind. Zu Hause steckten diese Pferde tragischerweise seinen Bestand an – er hat mittlerweile zwei seiner Sportpferde verloren sowie mehrere Fohlen. Ein Drama. Michael Jung sagt: „Sven tut mir sehr leid. Hoffentlich bekommen er und seine Tierärzte die Lage bald wieder in den Griff!“
Während andere Topreiter um das Leben ihrer Pferde kämpfen und auch schwere wirtschaftliche Verluste erleiden, bereitet sich der 38-jährige Ehrenbürger von Horb auf seiner Reitanlage in Altheim wie immer akribisch auf die Turniersaison vor. Sein sportliches Ziel ist glasklar, selbst wenn er es nicht ausspricht, sondern lieber etwas im Allgemeinen lässt: „Eine Medaille in Tokio sollte es werden – die Farbe ist mir egal.“ In seinem Innersten jedoch, das weiß jeder, der ihn kennt, strebt er nach dem Triple: dreimal olympisches Gold in Folge, das hat noch niemand geschafft. Jung hofft, dass die Olympischen Spiele im kommenden Sommer stattfinden, zur Not, so weiß er, „sind in Tokio keine Zuschauer zugelassen, dann muss ich halt verzichten auf Freunde, Familie und die Fans“.
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In der täglichen Arbeit mit den Pferden ist in diesen Frühjahrstagen tatsächlich Flexibilität gefordert. Vater Jung sagt: „Bis zum 11. April hat der Weltverband sämtliche Wettkämpfe verboten.“ Der vorolympische Lehrgang in Warendorf sei kurzfristig gecancelt worden, jetzt habe man auch die erste internationale Vielseitigkeit des Jahres in Holland abgesagt. Also müsse Hans Melzer, der Bundestrainer der Buschreiter, seine Topstars daheim besuchen, um die vorolympische Form ihrer Spitzenpferde zu begutachten.
Die Pandemie bringt auch Vorteile mit sich
„Meine Nummer eins ist der 13-jährige Hannoveraner FischerChipmunk , den ich seit 2019 unter dem Sattel habe“, nennt Jung die Rangfolge in seinem Stall, „an Nummer zwei steht der neunjährige Holsteiner Wild Wave, der 2019 den vorolympischen Testwettkampf in Tokio gewonnen hat. Auf Rang drei folgt der zehnjährige Ire Highlighter.“ Da alle für Olympia qualifiziert sind, hat Jung die Qual der Wahl – und die Krise auch ihr Gutes. „Die ausgefallene Saison 2020, die Verschiebung der Spiele auf 2021 haben uns einen Vorteil beschert“, gesteht Joachim Jung, „Michael bekam ein Jahr länger Zeit, sich auf sein Toppferd FischerChipmunk einzustellen, die beiden anderen Pferde haben enorm an Kraft und Routine zugelegt, auch ohne die großen Wettbewerbe.“
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Dieses Trio soll, wenn das Pferdevirus bis dahin eingedämmt ist, Mitte April auf dem Weiherhof in Radolfzell erstmals gesattelt werden, danach Anfang Mai in Marbach, später in Polen und Anfang Juni in Luhmühlen. Dort erfolgt die Nominierung für Tokio. Michael Jung, Ingrid Klimke und Sandra Auffahrt gelten als gesetzt. Michael Jung hofft, trotz all dieser Widrigkeiten sein großes Ziel zu erreichen – in Tokio. Ach übrigens, im Sommer werden er und seine Verlobte Faye Füllgräbe zum ersten Mal Eltern. Das ist so oder so das Highlight der Saison. Und im Herbst gibt’s womöglich eine zünftige Hochzeit – sofern Corona es zulässt.