Die schönsten Campingplätze sind schnell ausgebucht. Foto: DVFG / AdobeStock
Hinter dem Mega-Trend Caravaning stecken Sehnsüchte des modernen Menschen und handfeste praktische Gründe. Der Mythos lebt zurecht, meint unser Autor Dieter Fuchs.
Wer mit einem Wohnmobil die Freiheit finden will, landet oft genug auf einem Stellplatz im Industriegebiet oder vor der Schranke eines Campingplatzes, weil der schon voll ist. Der Traum vom Reisen frei wie der Wind kann wie alle Träume mit der Wirklichkeit selten mithalten. Aber muss uns das schrecken? Nein. Es gibt nicht nur triftige praktische Gründe für den immer weiter wachsenden Trend zum Übernachten im Freien. Und manchmal erfüllt sich auch ein Traum.
Fast eine Millionen Wohnmobile in Deutschland
Camping als Reisesegment erlebt schon seit 20 Jahren einen rasanten Aufschwung, der sich seit Corona noch einmal beschleunigt hat. Van-Life, also das Verreisen in umgebauten Transportern, hat sich nicht nur bei den jüngeren Menschen als stabiler Hype etabliert. Corona hat den Aufschwung von Outdoor-Aktivitäten, die das Campen oft mit einschließen, beflügelt. Fast eine Million Wohnmobile fahren – vielmehr: stehen – derzeit in Deutschland herum. Auch wenn der Markt, ähnlich wie bei den E-Bikes, allmählich gesättigt zu sein scheint: Die Boomer-Generation hat seinen rasanten Aufschwung mit ihren finanziellen Möglichkeiten, ihrer Fitness und ihrem beneidenswerten Zeitbudget befeuert.
In den vergangenen fünf Jahren sind folglich auch die Preise für diese Urlaubsform um mindestens 25 Prozent gestiegen, was dem Trend allerdings in keiner Weise zu schaden scheint. Jeder weiß, dass sich Urlaube allgemein explosionsartig verteuert haben. Aber Campingreisen sind im Vergleich prozentual noch teurer geworden. Ein Stellplatz kann in der Hochsaison schon mal 120 Euro kosten, der Campingbus dazu kommt locker auf 80 000 Euro.
Naturerlebnis eingeschränkt
Doch nicht nur die Preise mögen den einen oder anderen fragen lassen, was es mit dem Boom auf sich hat. Freies Campen in der Natur ist in aller Regel und aus gutem Grund verboten, Stellplätze in der Hochsaison müssen bisweilen ein Jahr vorher gebucht werden, am Ende steht man dann Stuhl an Stuhl mit dem schwatzhaften Nachbarn und erlebt es schon als Erholung, mit der Klorolle über den Campingplatz Richtung Toilette zu spazieren. Auch wenn es nicht so schlimm kommen muss.
Zum einen beinhaltet das Camping-Segment sehr viele unterschiedliche Formen des Reisens, vom Zelt im Rucksack bis zum Luxus-Camper. Zum anderen gibt es praktische Gründe für diese Form des Reisens: Ein Campingurlaub ist oft nicht billig, aber immer noch günstiger als jeder andere individuell geplante Urlaub mit Familie. In mehreren Stationen erlebt man ein Land facettenreicher. Für Kinder sind gute Campingplätze eine Mischung aus Abenteuerspielplatz und Jugendcamp – mit sehr viel Platz zum Toben und wenig Aufsicht. Und das Leben findet tatsächlich und radikal fast 100 Prozent im Freien statt.
Das gibt es: ein taufrischer Morgen allein in Ostfriesland. Foto: Lars Penning/dpa
Aber damit ist der Camping-Boom noch nicht erklärt. Dem normierten Alltag davonfahren, bleiben, wo es am schönsten ist, mit und in der Natur leben, frei wie ein Vogel, billig wie ein Tramper, mit dem eigenen Schneckenhaus dabei: Der Mythos lebt. Am Ende geht es wie bei allen Sehnsüchten darum, der Realität Anknüpfungspunkte zu den eigenen Wunschvorstellungen abzutrotzen. Der kleine Campingplatz am Meer, entdeckt nach einer langen, gemächlichen, traumhaft schönen Fahrt durch spannende Landschaften, die man auf diese Weise intensiv wie nie aufnehmen kann. Ein Abend im warmen Licht der untergehenden Sonne oder der taufrische Morgen, die entspannten gleichgesinnten Individualisten als Nachbarn, mit denen man Zeit verbringt und die zu Freunden werden. Diese Momente gibt es, sie halten den Mythos wach. Und entschädigen für viele Frusterlebnisse, die eben diesen Mythos oft zu einer Karikatur werden lassen.