Berlin - Es ist Tag zwei nach der Bundestagswahl, und hier im Parlament liegt der Zauber des Neuen über allem – wenigstens ein bisschen. Frisch gewählte Abgeordnete kommen an, auf alle wartet eine kleine Willkommensmappe, vielleicht schon ein Mitarbeiter, ein Schlüssel zum Büro.
Dieser Dienstag könnte etwas Feierliches haben, schließlich treffen sich einige der Fraktionen zum ersten Mal und konstituieren sich. Am Nachmittag ist auch die Union dran. Aber vor dem Europasaal herrscht um die Mittagszeit eher gedrückte Stimmung. Für die CDU kommt die Landesgruppe Baden-Württemberg zum ersten Mal zusammen, neue Gesichter und alte Hasen. Natürlich, man gratuliert einander zum Mandat. Vielleicht haben die FFP2-Masken an diesem Tag einen Vorteil: Sie sind Pokerface-Ersatz, verbergen die Anspannung, wenn man über das Thema Nummer eins spricht. Darüber, was wird – an der Spitze der Fraktion, der Partei, des Landes.
In der CDU hat man sich diesen Tag anders vorgestellt
Es ist noch nicht so lange her, da hatten sich viele diese Tage ganz anders vorgestellt. Als Siegertage der Kanzlerpartei. Dem Mann, der kurz vor zwölf aus dem Aufzug des Paul-Löbe-Hauses kommt, geht es nicht anders. Für ihn hätte das hier das große Finale sein sollen. Wolfgang Schäuble verlässt den Fahrstuhl und hält einen Moment inne.
Er sieht aus wie immer, streng, die Augen voller Energie. Aber dies hier dürfte einer der schwereren Momente in den mehr als 50 Jahren seiner beispiellosen Karriere als Abgeordneter sein. „Herr Präsident“, ruft freudig ein Fraktionskollege. Schäuble nimmt die Anrede dankbar wahr, grüßt zurück. Allerdings: Dieser Titel wird bald Geschichte sein.
Der Vielfach-Minister wird einfacher Abgeordneter
Denn der 79-Jährige wird, ausgerechnet jetzt, in der Schlussrunde seiner politischen Laufbahn nicht das Amt innehaben können, das er so gern ausübt: Bundestagspräsident kann er nicht werden. Das zweithöchste Amt im Staat besetzt prinzipiell die stärkste Fraktion. Die Union ist raus. Und für Schäuble heißt das: In seiner 14. Legislaturperiode wird er – der Ex-Kanzleramtsminister, Ex-Fraktionschef, Ex-Innenminister, Ex-Finanzminister, Ex-Bundestagspräsident – einfacher Abgeordneter sein.
„Es ist nicht so, dass er daran keinen Anteil hat“, sagt ein alter Weggefährte Schäubles. In der Union wird der inoffizielle Parteiälteste in diesen Tagen vor allem als derjenige wahrgenommen, der vielleicht die Kanzlerschaft seiner Partei verhindert hat.
Die CSU ist schlecht auf Schäuble zu sprechen
Denn Schäuble gilt als derjenige, der im Machtkampf um die Kandidatur im entscheidenden Moment das Pendel in Richtung Laschet geschubst hat. In jenen Tagen – und Nächten – im April, als Markus Söder und Laschet miteinander rangen, war es Schäuble gewesen, der auf Laschet gedrungen hat – vielleicht nicht, weil er von dem Aachener so überzeugt war, sondern um die CDU gegen die bayerische Schwester zu behaupten. Als die Kontrahenten sich in Berlin zu den entscheidenden Verhandlungen trafen, saß man im Büro Schäubles – mit ihm zusammen. In der CSU nehmen sie ihm seine Einflussnahme übel. Von Hinterzimmerpolitik wie vor hundert Jahren spricht die 34-jährige Erststimmenkönigin, Emmy Zeulner.
Nun hat die Union mit Laschet die Wahl verloren – und Schäuble sein Amt. Dabei schien die Sache so sicher, als er entschied, noch einmal zur Wahl anzutreten – trotz seiner 79 Jahre, trotz der Belastung, trotz der inzwischen 49 Jahre als Abgeordneter des Bundestages. Die CDU lag in den Umfragen stabil bei um die 38 Prozent. Schäuble muss siegesgewiss gewesen sein.
Fragt man Weggefährten aus der Fraktion, dann weisen sie auf einen anderen Teil der Geschichte hin, der auch dazugehört: Es ist der vom Aufhörenkönnen. „Isch over“ – diesen Ausdruck hat Schäuble selbst erfunden. Damals ging es um Hilfen für die Griechen. Nicht um ihn selbst. Mehr als einer hat ihm jetzt vor der Wahl geraten, es doch vielleicht gut sein zu lassen. Er wollte es anders. Der Reiz des Amtes als Parlamentspräsident war groß – Schäuble hat in den vergangenen vier Jahren, den ersten mit einer radikal rechten Partei im Parlament, wichtige, beachtete Reden gehalten.
Abschied vom Amt des Parlamentspräsidenten
Schäuble ist schon so lange dienstältester Abgeordneter, dass sein Rekord sogar über die bundesrepublikanische Geschichte in die Vergangenheit schwappt. Erst hat er August Bebel im Bewerberfeld hinter sich gelassen. Jetzt hat jemand in aller Präzision eine neue Rekordformulierung für Wikipedia gebastelt, wonach er der am längsten amtierende Abgeordnete der deutschen Parlamentsgeschichte seit der konstituierenden Sitzung des Parlaments in der Paulskirche 1848 sei.
Es waren hochpolitisierte Zeiten, als Schäuble 1972 zum ersten Mal in den Bundestag einzog. Damals gaben 91 Prozent der Wähler ihre Stimme ab, so viele wie nie zuvor und nie danach – die Republik erlebte vorgezogene Neuwahlen, Kanzler wurde Willy Brandt. Ganz nebenbei ging es auch um Erneuerung und Aufbruch: Erstmals durften damals Menschen ab einem Alter von 18 Jahren wählen. Schäuble holte damals das Direktmandat für Offenburg, genau wie die 13 Male danach. Am Sonntag hat er 34,9 Prozent der Stimmen bekommen. Und damit auch sein persönliches Ergebnis um mehr als 13 Punkte verschlechtert.
Zwei Tage später tut er im Bundestag, was er immer tut: weitermachen. Wie geht es ihm, da er weiß, dass er nicht Präsident wird? „Gut“, antwortet Schäuble. „Es ist ein Amt auf Zeit, ich habe es gerne gemacht“, sagt er. Und nach einer Pause: „Jetzt ist es vorbei.“