Rekordtemperaturen und die Folgen Warum Hitze aggressiv macht
Sommer, Sonne, Hitze: Wenn die Temperaturen steigen, freuen sich viele Menschen. Doch nimmt auch Gewalt zu? Experten geben Auskunft.
Sommer, Sonne, Hitze: Wenn die Temperaturen steigen, freuen sich viele Menschen. Doch nimmt auch Gewalt zu? Experten geben Auskunft.
Stuttgart schwitzt. Die hohen Temperaturen locken aber nicht nur viele Menschen ins Freibad – sie bergen auch Risiken. „Von Hitzeperioden fühlen sich rund zwei Drittel der Menschen gesundheitlich zumindest mittelmäßig belastet“, fasst das Umweltbundesamt die Ergebnisse eine Umfrage aus dem Jahr 2024 zusammen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schreibt hohen Temperaturen jährlich 490 000 Tote weltweit zu.
Mehrere Studien belegen einen Zusammenhang zwischen hohen Temperaturen und erhöhtem Aggressionspotenzial. Eine Untersuchung aus Südkorea, die sich über 29 Jahre erstreckte, kam zum Ergebnis, dass sich das Risiko eines gewalttätigen Todesfalls pro ein Grad Temperaturanstieg um 1,4 Prozent erhöht.
Auch ein Experiment der University of Berkeley in Kalifornien mit 2000 Teilnehmenden zeigte einen Zusammenhang: Die Gruppe, die sich in Zimmern mit zwischen 30 und 31 Grad aufhielt, hatte eher aggressive Gedanken, die direkt auf Hitze zurückzuführen waren, als die Kontrollgruppe. So gab es bei einem Spiel Gewinne – und die hitzeexponierten Gruppe zerstörte die Gewinne der anderen Gruppe eher: 22 Prozent der Hitzegestressten war destruktiv im Vergleich zu 14 Prozent in der Kontrollgruppe.
Doch woher kommt der Zusammenhang zwischen Hitze und Aggression? Was sind die Ursachen? Der Umweltpsychologe Gerhard Reese sieht zum einen biologische Faktoren als mögliche Erklärung. „Wenn Hitze unsere Wohlfühltemperatur überschreitet, dann weiten sich die Blutgefäße, unser Puls wird stärker – und das spüren wir dann“, so der Wissenschaftler von der Universität Koblenz-Landau. „Vielleicht werden wir dadurch nervöser und reizbarer“, fügt er hinzu.
Es gebe auch Hinweise auf ein Hormon namens Vasopressin: „Es wird bei Hitze verstärkt ausgeschüttet und fördert wohl Aggressionen.“ Die Wut ist das eine, aber auch eine verminderte Leistungsfähigkeit kann zu Frust führen – man denkt und handelt etwa langsamer: „Unsere kognitiven Funktionen sind bei Hitze eingeschränkter, was ebenfalls nerven kann.“
Ein weiterer Faktor ist wohl Dehydration: Mehr als 50 Prozent des menschlichen Körpers bestehen aus Wasser. Ein Mangel dieses lebenswichtigen Elements hat Folgen. Zwei Studien aus China und den USA, die im „Journal of Nutrition“ und „International Journal of Environmental Research and Public Health“ erschienen, brachten Flüssigkeitsmangel mit Stimmungsschwankungen und Konzentrationsstörungen in Verbindung. Das stresst den Körper und kann das Aggressionspotenzial erhöhen.
Da Menschen im Sommer öfter draußen sind, kommt es zudem auch zu mehr Kontakten – und zu Konflikten. „Menschen interagieren häufiger und können damit auch häufiger in Streitsituationen geraten“, erklärt Nadja Hirsch, Diplom-Psychologin am Institut für Klimapsychologie in München.
Allerdings gibt des weitere Erklärungsmuster, wie Reese bestätigt. So zeigten Untersuchungen, dass Eigenschaften wie Alter und sozioökonomische Ungleichheit mit darüber entscheiden, wie jemand auf Stressoren wie Hitze reagiert. Auch das Innenministerium Baden-Württemberg, das für die Polizei im Land verantwortlich ist, bestätigt auf Anfrage, „dass immer multikausale Faktoren im Spiel sind, wenn es um Gewalt im öffentlichen Raum geht“. Pauschale Antworten zum Zusammenhang zwischen steigenden Temperaturen und Gewalt seien nicht möglich, so Pressereferentin Katharina Lutz-Schädler.
Die Reaktion auf Hitze scheint daher auch charakterabhängig. „Man kann sich Hitze vielleicht wie einen Katalysator vorstellen, der bestehende Tendenzen nochmal verstärkt – etwa im Zusammenhang mit Alkohol, überfüllten Orten oder dem ewigen Warten in der Schlange vor der Eisdiele“, so Reese. Wenn eine Person aufgrund von Emotionen wie Trauer oder Frustration vorbelastet ist, kann die Hitze folglich den Geduldsfaden reißen lassen.
„Das heißt allerdings nicht, dass es bei Hitze immer zu Aggression kommt. Manche lässt die Hitze auch völlig kalt. Bei ihnen führt sie stattdessen eher zu Abgeschlagenheit“, sagt Reese. Auch Hirsch meint, dass Hitze allein nicht zu Gewalt führt: „Man sollte eher von einem dynamischen Risikofaktor sprechen, nicht von einem simplen Ursache-Wirkung-Prinzip.“
In eine ähnliche Richtung argumentiert Dr. Christoph Wasser, Ärztlicher Leiter der Abteilung Notfallmedizin im Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart: „Wenn es vermehrt Aggression gibt, dann hat das nichts mit den Sommermonaten zu tun.“ Vielmehr könne Schlafmangel – begünstigt durch hohe Temperaturen – ebenfalls als Katalysator wirken und so Konflikte indirekt verstärken.
Und was können Betroffene im Alltag tun, wenn ihnen die Hitze zu Kopf steigt? Professor Reese rät vor allem eines: „Einen kühlen Kopf bewahren – das trifft es wohl ganz gut.“ Daher gilt: „Viel trinken, schattige oder klimatisierte Orte aufsuchen, wenn möglich insgesamt eine ruhige Kugel schieben und Stressoren wie volle Räume und Zeitdruck soweit möglich vermeiden.“