Release-Party von Die Nerven in Stuttgart Immerhin wird niemand mehr beschimpft

Digital Unit: Jan Georg Plavec (jgp)
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Und dann: Die Nerven. Die Band tut sich, in Stuttgart zumindest, vor größerem Publikum schwer. Das hat sich etwa Anfang August bei der Eröffnung des Klinke-Festivals in den Wagenhallen gezeigt, wo sie mit dem ohnehin zu kleinen Publikum nicht wirklich warm wurden. In dem mittlerweile zerstörten Konzertwaggon am Nordbahnhof oder eben auf der kaum beleuchteten Bühne im Schocken-Keller hingegen fühlt die Band sich wohl und hat auch ein Publikum, das in der passenden Stimmung für so ein Konzert ist: gut, dass wir mal gemeinsam leiden können. Und: Alles so schön kaputt hier. Positiv: Anders als bei früheren Konzerten beschimpfen Die Nerven niemanden mehr, zumindest keinen der Anwesenden. Stattdessen gibt es die schon angedeutete nach innen gekehrte Wut über die Welt, wie sie eben ist.

Die Nerven haben diese Introvertiertheit nicht erfunden. Shoegaze- oder Dreampop-Bands wie Beach House, My Bloody Valentine oder Still Corners propagieren sie mit ihrer melancholisch dahinwogenden Musik seit Jahren. Verglichen mit Songs wie den mit zwei Bassgitarren gespielten Die-Nerven-Opener vom Donnerstag „Ich erwarte nichts mehr“ machen solche Gruppen aber weinerliche Teddybärenmusik. Die Nerven wollen aufwühlen, wollen raus oder es zumindest rauslassen: „Ich erwarte nichts mehr / Fühl’ mich nur verfolgt / Weil ich niemanden sehe / Und weil ich niemanden kenne“, singt Max Rieger auf einen wütend zusammengedroschenen Dreivierteltakt. Es folgt eine breiige Wand aus purem Lärm.

Das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Songs auf „Fun“ mehr Pop als das sind, was man vom ersten Nerven-Album „Fluidum“ kennt. Die Gitarrensounds sind ausgetüftelt und vermitteln eher eine triste Atmosphäre als bloßen Lärm; zwischenzeitlich spielen Gitarrist Rieger, Bassist Julian Knoth und Schlagzeuger Kevin Kuhn regelrecht tanzbare Musik. Und der Gesang von Julian Knoth klingt auch weniger kaputt als der von Max Rieger, von dem das Zitat überliefert ist „Es geht mir besser als ich ausseh’“.

Ein bisschen Pop wird ja noch erlaubt sein

Andererseits: Einer Band, die eine breitere Schicht von Zuhörern durch ihr Lana-del-Rey-Cover „Sommerzeit Traurigkeit“ für sich gewonnen hat, muss auch ein bisschen Pop erlaubt sein. Zumal live ja nochmal was ganz anderes ist. Im Schocken-Keller wird mehr gedröhnt als auf Platte. Der Sound klingt ein bisschen nach Jugendhaus-Konzert. Die Band bringt durch Wiederholung auf Wiederholung des Riffs ihren Song „Hörst du mir zu" auf die doppelte Länge – und sinkt dann erschöpft zusammen.

Eine Zugabe gibt’s: „Stuttgart Kaputtgart“, ein in der Szene legendärer Song der Band Ätzer 81“, vermutlich aufgenommen in eben jenem Jahr. „Betonstadt, Betonstadt / Ich hab deine Mauern satt“, schreien Die Nerven. Ja, manchmal scheint es tatsächlich, als habe sich nichts verändert.

Gut, wenn eine Band live nicht exakt dasselbe macht wie auf Platte. Wichtiger noch: Die Energie, die Die Nerven auf die Bühne bringen, ist auf dem Album „Fun“ eingefangen. Am wichtigsten: Man sollte, falls noch nicht geschehen, die derzeit relevanteste Band Stuttgarts mindestens ein Mal live gesehen haben.




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