Die Nerven sind die aktuell wichtigste Band Stuttgarts. Am Donnerstag haben sie im Club Schocken ihr Album „Fun“ vorgestellt – in einem düsteren Keller. Doch der Raum passt gut zur Musik. Und man war schließlich nicht da, um gute Laune zu kriegen.

Digital Unit: Jan Georg Plavec (jgp)

Stuttgart - Warum nur? Warum feiern Die Nerven – also die derzeit am meisten (weil einzige?) im bundesdeutschen Pop-Feuilleton diskutierte Band Stuttgarts – ihre Album-Release-Party im Keller des Stuttgarter Clubs Schocken? Warum gehen sie in einen engen Raum mit schwarz angemalten Wänden und Löchern in der Decke, um ihr Album „Fun“ vorzustellen? Ein Album, das in der Popkritik als „eine der wichtigsten und besten deutschsprachigen Platten dieses Jahrzehnts“ („Spiegel Online“), „ehrlich und klug“ (plattentests.de), „pädagogisch wertvolles Ohrenbluten“ („Der Standard“),„eine prima ‚Fuck You’-Platte“ („Visions“), für die „Wirkung von unmittelbarer Kraft“ („Intro“) oder als „großartiges Epos spätadoleszenter Unsouveränität“ („Süddeutsche Zeitung“) gefeiert wird?

Darum. Und weil es zu Die Nerven passt.

Das Trio aus Stuttgart ist ja nicht angetreten, um den Leuten ein wohliges Gefühl im Bauch zu verschaffen. Zumindest nicht im herkömmlichen Sinn. Möglichst laut soll es zugehen, kaputt, düster und hoffnungslos. Man will sich nicht an Konventionen halten und – natürlich – auch niemandem gefallen, sich zumindest niemandem anbiedern. Insofern ist es konsequent, das besagte Album in einem dunklen Keller vorzustellen, in den siebzig Leute passen und auch nicht mehr reingelassen werden.

Außenseiter, Vertreter einer ganzen Generation?

Das klingt alles nach Punk, ist aber viel überlegter. Die Nerven werden mit ihrem „kaputt“ klingenden Noiserock gern als lärmende Außenseiter, zugleich aber typische Vertreter ihrer Generation wahrgenommen: Alles ist hin, keine Hoffnung, Wirtschaftskrise, aber wütend sind wir trotzdem. Es ist allerdings keine blinde Zerstörungswut, die da in zerhackten Gitarrenriffs und bohrendem Bass-Sound ausgedrückt wird; eher eine nach innen gekehrte, resignative Wut.

Das klingt dann so:

„Alles wie gehabt“, singt der Gitarrist und Sänger Max Rieger, „ich stehe morgens auf und gehe abends schlafen / Wolken versperren die Sicht“. Das klingt so dermaßen nach den Städten der betongrauen alten BRD, dass all das Gerede über revitalisierte Innenstädte, einen neuen Politikstil oder den allgemeinen Wohlstand nur noch wie bloße Propaganda klingt. „Nur für eine Minute schweben / alles wäre gut“, singt Rieger. Eine Drogenvision ist es nicht. Man will einfach mal wieder den Himmel sehen, die Sonne. Und Systemkritik steckt auch drin: „Nichts hat sich verändert / Alles wie gehabt /Ich liege gut, ich liege weich.“

Das ist also der Rahmen für den Donnerstagabend im Schocken-Keller, der von Angelo Fonfara eröffnet wird. Dem fällt gleich zu Beginn des Konzerts die Brille von der Nase und etwas später die Drummachine vom Ständer. Das macht die Solo-Show aber nur besser, zumal Fonfara inhaltlich mit Die Nerven voll auf Linie ist. „Die meisten Innenstädte sehen aus wie Vorstädte“, singt er zu monotonen Beats und zerhackten Gitarrenriffs.

Immerhin wird niemand mehr beschimpft

Und dann: Die Nerven. Die Band tut sich, in Stuttgart zumindest, vor größerem Publikum schwer. Das hat sich etwa Anfang August bei der Eröffnung des Klinke-Festivals in den Wagenhallen gezeigt, wo sie mit dem ohnehin zu kleinen Publikum nicht wirklich warm wurden. In dem mittlerweile zerstörten Konzertwaggon am Nordbahnhof oder eben auf der kaum beleuchteten Bühne im Schocken-Keller hingegen fühlt die Band sich wohl und hat auch ein Publikum, das in der passenden Stimmung für so ein Konzert ist: gut, dass wir mal gemeinsam leiden können. Und: Alles so schön kaputt hier. Positiv: Anders als bei früheren Konzerten beschimpfen Die Nerven niemanden mehr, zumindest keinen der Anwesenden. Stattdessen gibt es die schon angedeutete nach innen gekehrte Wut über die Welt, wie sie eben ist.

Die Nerven haben diese Introvertiertheit nicht erfunden. Shoegaze- oder Dreampop-Bands wie Beach House, My Bloody Valentine oder Still Corners propagieren sie mit ihrer melancholisch dahinwogenden Musik seit Jahren. Verglichen mit Songs wie den mit zwei Bassgitarren gespielten Die-Nerven-Opener vom Donnerstag „Ich erwarte nichts mehr“ machen solche Gruppen aber weinerliche Teddybärenmusik. Die Nerven wollen aufwühlen, wollen raus oder es zumindest rauslassen: „Ich erwarte nichts mehr / Fühl’ mich nur verfolgt / Weil ich niemanden sehe / Und weil ich niemanden kenne“, singt Max Rieger auf einen wütend zusammengedroschenen Dreivierteltakt. Es folgt eine breiige Wand aus purem Lärm.

Das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Songs auf „Fun“ mehr Pop als das sind, was man vom ersten Nerven-Album „Fluidum“ kennt. Die Gitarrensounds sind ausgetüftelt und vermitteln eher eine triste Atmosphäre als bloßen Lärm; zwischenzeitlich spielen Gitarrist Rieger, Bassist Julian Knoth und Schlagzeuger Kevin Kuhn regelrecht tanzbare Musik. Und der Gesang von Julian Knoth klingt auch weniger kaputt als der von Max Rieger, von dem das Zitat überliefert ist „Es geht mir besser als ich ausseh’“.

Ein bisschen Pop wird ja noch erlaubt sein

Andererseits: Einer Band, die eine breitere Schicht von Zuhörern durch ihr Lana-del-Rey-Cover „Sommerzeit Traurigkeit“ für sich gewonnen hat, muss auch ein bisschen Pop erlaubt sein. Zumal live ja nochmal was ganz anderes ist. Im Schocken-Keller wird mehr gedröhnt als auf Platte. Der Sound klingt ein bisschen nach Jugendhaus-Konzert. Die Band bringt durch Wiederholung auf Wiederholung des Riffs ihren Song „Hörst du mir zu" auf die doppelte Länge – und sinkt dann erschöpft zusammen.

Eine Zugabe gibt’s: „Stuttgart Kaputtgart“, ein in der Szene legendärer Song der Band Ätzer 81“, vermutlich aufgenommen in eben jenem Jahr. „Betonstadt, Betonstadt / Ich hab deine Mauern satt“, schreien Die Nerven. Ja, manchmal scheint es tatsächlich, als habe sich nichts verändert.

Gut, wenn eine Band live nicht exakt dasselbe macht wie auf Platte. Wichtiger noch: Die Energie, die Die Nerven auf die Bühne bringen, ist auf dem Album „Fun“ eingefangen. Am wichtigsten: Man sollte, falls noch nicht geschehen, die derzeit relevanteste Band Stuttgarts mindestens ein Mal live gesehen haben.