Religiöser Richtungsstreit in Waiblingen Ist der Riss noch zu kitten?

Von Annette Clauß 

Die evangelische Gemeinde in Waiblingen-Hegnach ist gespalten: Der ultraevangelikale Kurs von Kirchengemeinderat und Pfarrer sagt nicht allen zu. Nach einer gescheiterten Schlichtung setzt der Dekan nun auf einen Versöhnungsprozess.

Gestritten wird auch darüber, wie   wörtlich  die Bibel ausgelegt werden kann. Foto: dpa
Gestritten wird auch darüber, wie wörtlich die Bibel ausgelegt werden kann. Foto: dpa

Waiblingen - Der Gottesdienst am zweiten Advent soll den Neuanfang markieren. Soll eine Brücke bauen über den Graben, der schon einige Zeit durch die evangelische Kirchengemeinde in Waiblingen-Hegnach verläuft. Denn seit der Pfarrer Bernhard Elser und sein Kirchengemeinderat das Schiff, das sich Gemeinde nennt, auf einen ultraevangelikalen Kurs gelenkt haben, fühlen sich etliche liberal gesinnte Gemeindeglieder in ihrer Kirchengemeinde nicht mehr zu Hause.

„Der Riss geht auch durch Familien“, sagt der Dekan Timmo Hertneck, der am Sonntag die Predigt in der Hegnacher Kirche gehalten hat. Den Gottesdienst habe er mit Bernhard Elser vorbereitet. In dessen Verlauf haben er und der Hegnacher Pfarrer „Friedensimpulse“ gesetzt und, so formuliert es Timmo Hertneck, „eine Basis geschaffen, auf der man aufbauen kann“. Auch Bernhard Elser sagt, es gehe nun darum, konstruktiv miteinander zu sprechen, sich „in persönlichen Gesprächen wieder zu verständigen“. Er habe am Sonntag den Eindruck gewonnen, dass viele dazu bereit seien: „Ich denke, das war ein gutes Signal für die Gemeinde.“

Einfluss der Gruppe „Bibel und Bekenntnis“

In letzterer sei die Lage im vergangenen Jahr eskaliert, sagt Timmo Hertneck im Rückblick. Der Dekan erzählt von Gesangbüchern, die abgeschafft wurden und von einer Orgel, die kaum noch zu hören war. Von technisch hochmodernen, inhaltlich superkonservativen Gottesdiensten. Einen hat der evangelische Theologe Ulrich Parzany gestaltet, der vor gut zwei Jahren das „Netzwerk Bibel und Bekenntnis“ initiiert hat, dessen Vorsitzender er ist.

Das Bündnis sieht die Grundlagen des Glaubens in Gefahr und bemängelt, es fehle „an deutlichem Widerstand gegen Entscheidungen von Kirchenleitungen und Synoden, die eindeutig Bibel und Bekenntnis widersprechen“. Ein Dorn im Auge ist der Bewegung „die Segnung und kirchliche Trauung von gleichgeschlechtlichen Paaren, die kirchliche Förderung der Gender-Ideologie und Verlautbarungen zum interreligiösen Dialog“. Timmo Hertneck wiederum sieht das Bündnis kritisch und sagt: „Wir dürfen bipolar orientierten Sonderlingen, Scharfmachern und Schwarz-Weiß-Malern nicht den Raum überlassen.“

Bernhard Elser macht keinen Hehl daraus, dass er „ein Mitglied der ersten Stunde“ im Netzwerk „Bibel und Bekenntnis“ ist. Seine Standpunkte hatte er im Oktober 2017, beim „Luther-Slam“, einer Veranstaltung zum 500. Jahrestag der Reformation im Waiblinger Kulturhaus Schwanen, deutlich formuliert. Es brauche mehr Menschen wie Luther, war da zu hören, um „diese irre Kirche aus den Angeln zu heben“. Von „schmallippigen Wortbürokraten und kirchenpolitischen Diplomaten“ war die Rede – und davon, „dass längst nicht alles wahr ist, was unter Kanzeln gehört wird“.

Hertneck: Die Leute sind erschöpft

Von dieser Behauptung hat sich Timmo Hertneck besonders angegriffen gefühlt, auch wenn, wie er sagt, in der evangelischen Kirche Kritik geübt werden darf: „aber das war kein Kabarett, bei dem die Obrigkeit durch den Kakao gezogen wurde“. In Hegnach gehe es um die Frage, ob man zu einer ultrakonservativen Richtungsgemeinde werde oder in der Landeskirche bleibe. Der Dekan erzählt von „zahllosen Gesprächen“, die er in der 1700 Mitglieder starken Kirchengemeinde geführt hat. „Die Leute sind erschöpft.“

Eine Mitte September begonnene Schlichtung mit dem vom Kirchengemeinderat vorgeschlagenen Gemeindeberater Hans-Martin Härter als Schlichter scheiterte, weil für den Kirchengemeinderat das Vertrauensverhältnis zum Schlichter nicht mehr gegeben war. Als das der Gemeinde mitgeteilt wurde, sei es zu „tumultartigen Vorgängen“ gekommen, sagt Hertneck, der bemängelt, dass „weite Teile der Gemeinde nicht mitgenommen worden sind“. Der Kirchengemeinderat sehe das anders: „Nach seiner Selbstwahrnehmung steht die große Mehrheit hinter ihm.“

Am Sonntag hat Timmo Hertneck einen Satz gleich drei Mal gesagt: „Wo Landeskirche draufsteht, muss auch Landeskirche drin sein.“ Und für diese, betont deren Sprecher Oliver Hoesch, sei eine Vielfalt bei den Zugängen zur Bibelauslegung typisch. Allerdings müssten sich diese verschiedenen Perspektiven auf die Bibel innerhalb gewisser Leitplanken bewegen. „Die Bibel ist ein antikes Schriftstück, das mit einer ganz anderen Gesellschaftsform im Hintergrund über eine Zeit von rund 1200 Jahren entstanden ist. Ich glaube nicht an die Bibel, sondern mit der Bibel“, hält Timmo Hertneck denen entgegen, die die Heilige Schrift wörtlich nehmen.

Ein Ringen um den Kurs der Gemeinde

Bernhard Elser sagt, beide Strömungen hätten ihre Standpunkte, beide könnten zeigen und theologisch begründen, wieso sie diese hätten. „Daraus ergibt sich eine Spannung und die Frage, wie diese moderiert wird. Es ist ein Ringen um den Kurs, den wir gehen wollen.“

Im neuen Jahr soll es ein Gemeindeforum mit einem externen Moderator als Vermittler geben. Für Hertneck ein letzter Versuch, den Streit vor Ort beizulegen. „Man wird sich auch danach nicht einig sein, aber mein Ziel ist, dass Menschen in Hegnach sagen: ,So wie ich bin, kann ich in die Kirche kommen’.“ Im Februar will er nachhaken und prüfen, wo die Gemeinde steht. Falls der Versöhnungsprozess scheitert, wird die Sache zur Angelegenheit für die Kirchenleitung in Stuttgart.

Im Zuge einer außerordentlichen Visitation werde geprüft, ob der Kirchengemeinderat seine Aufgaben wahrnehme. „Am Ende kann stehen, dass eine ortskirchliche Verwaltung bis zur nächsten Wahl im Dezember eingesetzt wird.“ Es bestehe auch die Möglichkeit, einen Pfarrer abzuziehen, sagt Hertneck. Doch im Moment stünden die Zeichen positiv: „Ich bin guter Dinge, dass es in Hegnach genügend Kräfte gibt, die sagen, wir wollen für die ganze Ortschaft da sein.“