Stadtdekan Hermes legt ein millionenschweres Sparkonzept vor. Geplant ist die Konzentration auf zwölf Großeinheiten. Auch die Immobilien stehen auf dem Prüfstand. Dagegen soll die Zahl der Pfarrstellen bleiben. Und es soll auch Neues entstehen.

Lokales: Viola Volland (vv)

Stuttgart - Die katholische Kirche reagiert auf den beständigen Mitgliederschwund mit einem Konzept, das Stadtdekan Christian Hermes zufolge „Signalwirkung“ für die gesamte Diözese hat. So verbindet das Konzept „Aufbrechen“ eine Neuausrichtung, wie sich die Kirche in Stuttgart aufstellt, mit der Haushaltskonsolidierung. „Ich mag keine halben Sachen – wenn, dann wollen wir es gleich richtig machen“, sagt Hermes.

Der Vorlage zufolge sollen die Gemeindegrenzen verändert werden und die 46 Gemeinden in zwölf Großgemeinden aufgehen, um Verwaltungskosten zu sparen. Dem untergeordnet stehen die „Teil-Kirchengemeinden“. Das bedeutet: das Seelsorgeangebot bleibt erhalten, die Verwaltungen werden zusammengelegt. Außerdem will sich die Kirche von Immobilien trennen. Die Kosten für den Unterhalt der Immobilien sollen um 40 Prozent, die Personalkosten um zehn Prozent bis 2018 reduziert werden.

Investitionen sind geplant

Das Konzept sieht durchaus auch vor, dass investiert wird: So sollen neue Zentren entstehen. Hermes nennt diese Zentren „neue pastorale Orte“, mit denen die Kirche im Stuttgarter Stadtleben präsent sein will. Zwei Beispiele solcher Zentren gebe es bereits mit dem Haus der Katholischen Kirche in der Königstraße und dem Hospiz St. Martin in Degerloch. Hermes schweben zudem Zentren für Kinder und Familien vor, ein jugendpastorales sowie ein spirituelles Zentrum, aber auch die Einrichtung eines sogenannten Kolumbariums: eine Kirche würde als Bestattungsort für Urnenbestattungen genutzt. Eine Zielgruppe seien beispielsweise Menschen ohne Angehörige.

Vorerst handele es sich bei „Aufbrechen“ um eine „Beratungsvorlage“, betont der Stadtdekan, dieses werde nun in den Gemeinden beraten – die letzten Beschlüsse sollen Ende 2013 fallen. „Es ist uns wichtig, die Menschen in Stuttgart zu beteiligen“, betont Hermes. „Es gibt so viel Beteiligung wie möglich und so viele Vorgaben wie nötig“, verspricht der Stadtdekan, der auch der Projektleiter von „Aufbrechen“ ist. Wobei eine Vorgabe für ihn unmissverständlich klar ist: zu sparen. Das Einsparziel von „Aufbrechen“ beträgt knapp vier Millionen Euro pro Jahr.

Am Dienstag hat Hermes die Beratungsvorlage an die Gemeinden geschickt. Bisher habe es keinen Sturm des Protests gegeben. Nun seien die Gemeinden gefordert. Sie sollen ein Profil bilden, das zu ihrem Umfeld passt. „Dieses Profil macht die Gemeinde erkennbar und unterscheidbar im gesellschaftlichen Umfeld“, steht in der Beratungsvorlage.

Verwaltungskosten sparen

Der Stadtdekan betont auch, dass es darum gehe, Verwaltungskosten zu sparen, nicht, die Seelsorge einzuschränken. So sei nicht vorgesehen, Pfarrstellen zu streichen. Die Sekretariate sollen zusammengelegt werden, es solle nur einen Kirchengemeinderat pro Gemeinde geben.

Was die Immobilien angeht, hat Hermes keine Liste vorgelegt, welche Gemeindegebäude und Kirchen aufgegeben werden sollen. Aber es sei ein Bewertungsinstrument entwickelt worden mit einem Punktesystem, das alle Gebäude durchlaufen. Am Ende dessen steht auch, „Standorte ohne kirchliche Funktion“ aufzugeben. Hermes kann sich aber auch vorstellen, auf großen Grundstücken kleinere Neubauten zu errichten, die der Zahl der Gemeindemitglieder angemessen ist – und den Rest des Grundstücks zu verkaufen.

Freiräume für die Seelsorge

Bei seinen Vorhaben weiß er Bischof Gebhard Fürst hinter sich. „Manches, was in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen und uns lieb und teuer geworden ist, wird so nicht fortgesetzt werden können“, schreibt der Bischof in einem aktuellen Brief an die „Schwestern und Brüder im Stadtdekanat Stuttgart“. Einfachere und modernere Verwaltungsstrukturen würden gebraucht, um Freiräume für eine Seelsorge zu schaffen, die den Menschen nahe ist, so Fürst weiter in seinem Brief.

Bei der evangelischen Kirche ist nicht geplant, mit einem ähnlichen Konzept nachzuziehen. Natürlich seien auch ihnen die sinkenden Mitgliederzahlen bewusst, sagt Klaus Käpplinger vom evangelischen Stadtdekanat. In 20 Jahren hätten sich die Gemeindemitgliederzahlen halbiert. „Aber wir sind gut aufgestellt“, befindet Käpplinger. Das eigene Konsolidierungsprogramm laufe seit 1999 – man habe sich bereits von Gebäuden getrennt, Pfarrstellen reduziert, Gemeinden zusammengelegt. Und der Prozess geht weiter: So werden die Heilandskirchengemeinde und die Gemeinde Stuttgart-Berg fusionieren. „Was die katholische Kirche plant, kommt mir alles sehr bekannt vor“, meint Käpplinger.

Konfessionen im Wandel

Entkirchlichung: Das Statistische Amt der Landeshauptstadt hat in einer Studie die rückläufige Bindung der Menschen in Stuttgart belegt. Die evangelische wie die katholische Kirche verzeichnen hohe Mitgliederverluste. 2011 gehörten mehr als 46 Prozent keiner der beiden Volkskirchen an und knapp 29 Prozent der evangelischen Kirche. In einigen Jahren sei damit zu rechnen, dass es mehr Stuttgarter ohne Zugehörigkeit zu den großen christlichen Konfessionen gebe als Katholiken und Protestanten zusammen.

Demografie: Als Ursache für den Mitgliederschwund gelten der Studie zufolge weniger die Austritte. Stattdessen wird der demografische Wandel verantwortlich gemacht. Menschen aus der Generation mit hoher Kirchenbindung gibt es immer weniger. Zudem verlassen viele kirchlich Gebundene Stuttgart in Richtung Umland. Gleichzeitig stellt die Studie einen verstärkten Zuzug von Menschen nach Stuttgart fest, die einer anderen christlichen Konfession oder einer nicht-christlichen Religionsgemeinschaft angehören.

Neue Formen: Der abnehmende Einfluss der katholischen und der evangelischen Kirche geht einher mit einer Pluralisierung des Glaubens. Eine totale Verweltlichung ist der Studie zufolge nicht festzustellen. So gibt nur jeder Dritte in der Studie an, sich selten oder nie mit religiösen Fragestellungen zu beschäftigen. Ein Viertel derjenigen, die keiner Religionsgemeinschaft angehören, bestätigt dennoch einen starken Glauben an Gott. Gleichzeitig sinkt gerade bei Anhängern der Traditionskirchen die Bereitschaft, religiöse Rituale wie den regelmäßigen Kirchenbesuch zu befolgen. Menschen mit Migrationshintergrund sind dabei häufiger religiös, wenn sie den deutschen Volkskirchen angehören. 77 Prozent der nichtdeutschen, aber nur 67 Prozent der deutschen Katholiken glauben an Gott.

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