Religion in Stuttgart Prediger provoziert Muslime in der Stadt

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Ein Mann predigt mitten auf der Königstraße, dass Muslime in die Hölle kommen. Seine Mitstreiter verteilen Bibeln auf Arabisch. Die Kirchen verurteilen das Schüren solcher Konflikte.

Ein aggressiver Prediger stiftet in der Königstraße Unfrieden Foto: Sascha Maier
Ein aggressiver Prediger stiftet in der Königstraße Unfrieden Foto: Sascha Maier

Stuttgart - Über mangelndes Publikum kann sich der Mann, der seit Montag in der Königstraße steht und predigt, nicht beschweren. „Allah schickt dich in die Hölle“, so der selbst ernannte Prediger, oder: „Alle sogenannten Muslime enden in der Hölle!“ Damit erregt er Aufmerksamkeit. Der Prediger ist Teil einer etwa zehnköpfigen, sektenähnlichen Gruppe.

Die Provokation zeigt bei einigen Muslimen Wirkung: Im Zehn-Minuten-Takt wird zurückgeschimpft. Am Donnerstag musste sogar die Polizei dazwischengehen, als eine junge Muslima, die ein Kopftuch trug, mit der Gruppe in heftigen Streit geriet.

Der Inhalt der Predigt hat offenbar Kalkül. Die religiösen Eiferer gehen gezielt auf Personen zu, die aus muslimischen Ländern zu stammen scheinen – und bieten Bibeln auf Arabisch feil. Geht die Strategie auf? „Wir haben heute schon 20 Bibeln auf Arabisch verteilt“, sagt ein Mann, der sich Johannes nennt, seinen richtigen Namen aber nicht preisgeben will.

Auch der Prediger sagt nicht, wie er heißt; keiner aus der Gruppe will sich fotografieren lassen. Die Männer gehören einem Missionsverbund an, der unter dem Namen „Werde Licht“ firmiert. Sie kommen aus Bielefeld und pilgern von Großstadt zu Großstadt. Außer gegen Muslime wenden sie sich gegen Homosexuelle, Buddhisten, Hindus. Auch die evangelische und katholische Kirche werden von ihnen scharf kritisiert. Widerstand gehöre zum Missionsalltag, sagen sie: „In Duisburg und in Hannover wurde ich geschlagen“, erzählt Johannes.

Prügel eingesteckt

Kirchenvertreter und Sektenbeauftragte haben eine klare Meinung zu der Gruppe, die den evangelikalen Freikirchen zuzurechnen ist. „Wenn man die Selbstdarstellungen im Internet und die Youtube-Filme zugrunde legt, ist das kaum kompatibel mit landeskirchlichem Verständnis von christlichem Glauben und dessen Weitergabe“, sagt Oliver Hoesch, Sprecher der evangelischen Landeskirche.

Auch das Kultusministerium hat die Prediger auf dem Schirm. „Die Königstraße ist zwar ein beliebter Ort für religiöse Gemeinschaften, die um neue Mitglieder werben“, sagt Michael-Cornelius Hermann, Leiter der Stabsstelle für Religionsangelegenheiten, „aber dass jemand sich auf einen Brunnen stellt und so aggressiv provoziert, haben wir noch nicht erlebt.“ Sein Büro befindet sich in Sichtweite, er hört die Predigt durchs geschlossene Fenster.

Polizei ermahnt Prediger

Da die einzelnen Personen aus unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften kämen und eher als loser Verbund agierten, sei das Ministerium als Religionsbehörde nicht zuständig. „Das ist eher eine ordnungsrechtliche Angelegenheit“, sagt Hermann.

Die Polizei beobachtet das Treiben auf der Königstraße nach dem Vorfall am Donnerstag mit Sorge. „Da keine Strafanzeige erstattet wurde, bleibt das aber ohne Konsequenzen“, sagt Polizeisprecher Stephan Wiedmann. Allerdings seien die Missionare von den Beamten ermahnt und aufgefordert worden, Provokationen zu unterlassen.

Johannes, der arabische Bibeln verteilt, lässt sich davon nicht beirren. „Wir bleiben hier, die ganze Woche noch“, sagt er. Außerdem dürfe man die Predigt auch nicht falsch verstehen: „Wir lieben alle Muslime“ – sobald sie erkannt hätten, dass es Rettung nur durch Jesus Christus gebe.

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