Religionen in Deutschland Gereizte Gemüter

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Wie wollen wir mit dem Islam in unserem Land umgehen? Zwischen Maßlosigkeit auf der einen und fremden feindlichen Parolen auf der anderen Seite spielen sich darüber nur noch Scheindebatten ab.

Aus Protest  versammeln sich Anfang Juni Gläubige zum Freitagsgebet vor der Technischen Universität in Berlin. Dort waren die Gebetsräume Anfang März geschlossen worden. Foto: dpa
Aus Protest versammeln sich Anfang Juni Gläubige zum Freitagsgebet vor der Technischen Universität in Berlin. Dort waren die Gebetsräume Anfang März geschlossen worden. Foto: dpa

Stuttgart - Es ist Freitagmittag, die jungen Männer haben ihre Schuhe ausgezogen. Sie knien in Reihen mitten auf einer Wiese vor der Technischen Universität Berlin und legen die Hände vors Gesicht. Die Muslime verrichten ihr Freitagsgebet.

Hier wird nicht nur gebetet. Das ist eine politische Demonstration. Der Protest richtet sich gegen Christian Thomsen, den TU-Präsidenten. Denn sein Präsidium hat entschieden, dass an der Universität kein eigener Gebetsraum für Muslime existieren soll – nicht mehr. Thomsen argumentiert: „Eine staatliche Universität ist ein weltanschaulich neutraler und unparteiischer Ort, an dem der wissenschaftliche Diskurs und die Lehre im Mittelpunkt stehen. Er ist kein Ort für die Religionsausübung. Religion ist Privatsache.“

Der Studentenprotest ist erwartbar – und legitim

Christian Thomsen ändert damit eine Tradition an der TU. Die Hochschule hat schon lang einen hohen Anteil an muslimischen Studierenden, gebetet wurde bisher immer freitags in der Turnhalle. Die Zahl der Betenden wuchs, weil universitätsfremde Muslime hinzukamen. Zuletzt wurde bekannt, dass Imame von außerhalb die Halle zur Moschee umfunktioniert hatten. Einer der Prediger war der radikale Imam Kamouss, der auch in der Neuköllner Al-Nur-Moschee vorbetete.

Ein Studentenprotest gegen die Präsidiumsentscheidung ist so erwartbar gewesen, wie er legitim ist. Das Geschehen vor der Universität erscheint darüber hinaus wie ein Sinnbild der aktuellen Schwierigkeiten und der Sprachlosigkeit dieser Gesellschaft in der Auseinandersetzung mit „dem Islam“.

Wachsendes Misstrauen gegenüber Muslimen

Männer knien, die Frauen abseits. Ein Vorbeter schreit ins Megafon: „Herr Thomsen, würden Sie den Juden das Beten auch verbieten?“ Ein Sprecher der Initiative erklärt, seine Glaubensgeschwister fühlten sich von der deutschen Gesellschaft ausgeschlossen. Sie seien so verängstigt, dass einige „nur noch im Keller beten“. Mehrere Passanten artikulieren derweil scharf ihren Überdruss, die Grenzen zum fremdenfeindlichen Ressentiment sind fließend. Die taz zitiert wiederum später eine muslimische Studentin, die sagt, sie fühle sich immer öfter von muslimischen Kommilitonen bedrängt, ein Kopftuch zu tragen.

Das Bild spiegelt den akuten Reizzustand der Republik wider, der sich verknüpft mit der Angst- und Hassvokabel des Jahrzehnts: Islam. Der politischen Debatte täten Aufklärung, Sachlichkeit und Genauigkeit gut. Stattdessen verharren Politiker in populistischen Forderungen wie jener nach einem Burkaverbot oder einer Deutschpflicht in Moscheen. Dadurch wachsen Ängste. Die Politiker treffen mit solchen Aussagen folglich die Falschen, nämlich die große Mehrheit der Muslime, die sich als Teil dieser Gesellschaft empfindet und mit wachsendem Misstrauen leben muss.

Muss man zum Beten an die Uni gehen?

Tatsächlich schiebt die Gesellschaft die Aufgabe vor sich her, verschiedene Fragen auszuhandeln: Wie ernst meinen wir es mit der Gleichberechtigung der Religionen? Müssen wir über die konsequentere Trennung von Kirche und Staat nachdenken, gerade jetzt, da die Vertreter muslimischer Gemeinschaften sich vernehmlicher artikulieren? Sind wir nicht so tolerant, wie wir dachten? Oder haben wir es mit einem „politischen Islam“ zu tun, der die Utopie einer islamischen Gesellschaft, der „Umma“, verfolgt – und dem Werte wie Gewaltenteilung, Gleichberechtigung, individuelle Freiheit nichts bedeuten?

Auf der Wiese vor der Uni heißt es, die Studenten demonstrierten für einen Gebetsraum. Das könnte man aber in einer Kundgebung tun. Die Muslime wählen bewusst eine andere Form: die spirituelle Handlung des Gebets, eigentlich ein Akt der inneren Einkehr. Sie wird hier poli­tisch  aufgeladen. Vorgeblich kämpfen die Demonstranten für ihre im Grundgesetz festgeschriebene Religionsfreiheit. Nur: Dieses Recht spricht ihnen gar niemand ab. Berlin ist voller Moscheen, man muss zum Beten nicht an die Uni gehen.

Die Politik meidet einen offenen Diskurs

Wie maßlos die Forderung der Protestierer ist, wird deutlich, wenn man sie konsequent zu Ende denkt. Danach wäre Religionsfreiheit erst dann gewährleistet, wenn überall in öffentlichen Einrichtungen ein Gebetsraum zur Verfügung stünde. Auffällig ist zugleich die inszenierte Opferhaltung: Die Protagonisten erwecken den Eindruck, Muslime würden in Deutschland unterdrückt. Sie beklagen wachsende Islamfeindlichkeit. Und sie nennen die Medien als Mitschuldige. Man kennt diese Mischung aus aufsehenerregender Aktionsform, Medienschelte und der Klage über eingeschränkte Grundrechte und politische Verfolgung auch von ganz anderer Stelle. Die Journalistin Sineb El Masrar hat auf die Parallelen zwischen dem Auftreten von Salafisten und dem der Pegida verwiesen.

Aber in der jeweiligen gesellschaftlichen Debatte existiert ein großer Unterschied: Anders als mit Pegida findet mit legalistischen Islamisten so gut wie keine politische Auseinandersetzung statt. Ein Grund dafür mag sein, dass die Islamisten sich nicht in einer offenen politischen Bewegung zusammenfinden, sich nicht einmal mit ihren Zielen in der Öffentlichkeit zeigen. Ein anderer Grund ist paradoxerweise gerade das Erstarken der islamfeindlichen AfD. Die unsachliche Zuspitzung der Konflikts aus dem rechten Lager erschwert den etablierten Parteien einen kritischen, offenen Diskurs zum Thema Islam. Man will weder als Populist noch als Islamfeind wahrgenommen werden, und wo es so kompliziert geworden ist, schaut man lieber weg.




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