Religionssoziologe zum Katholikentag „Kirche darf kein Einheitsmenü anbieten“

Der Religionssoziologe  Eberts lobt den Katholikentag und kritisiert die Kirche. Foto: dpa
Der Religionssoziologe Eberts lobt den Katholikentag und kritisiert die Kirche. Foto: dpa

Der Katholikentag sei vorbildlich, weil er wie der Papst Grenzen überwinde, sagt der Soziologe Michael Ebertz im Interview mit der Stuttgarter Zeitung. Das sei wichtiger als neue Kirchenlehren.

Politik: Michael Trauthig (rau)
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Regensburg - Herr Ebertz, die katholische Kirche begeht ihr Glaubensfest. Hat sie Grund zu feiern?
Schon, denn die Kirche ist zwar auch eine Gemeinschaft der Sünder, in der es Missbrauch oder einen Finanzskandal wie in Limburg gibt, doch dominieren die guten Seiten. Diese werden auf dem Katholikentag gefeiert. Es geht um die frohe Botschaft, dass wir Menschen angenommen sind von Gott. Dann gilt es herauszustreichen, dass das Christentum eine Macht des Friedens und der Nächstenliebe ist.
Garantiert der neue Papst, dass die Öffentlichkeit diese guten Seiten wieder stärker wahrnimmt?
Der neue Papst hat in der Tat eine Umakzentuierung in der öffentlichen Wahrnehmung erreicht. Er zeigt, dass die gute Botschaft alle mit einbezieht: die Kranken, die Schwachen, die Menschen mit Behinderung, die Armen, die Ausgegrenzten. Er lebt einen inklusiven Glauben vor.
Der Katholikentag bezieht ebenfalls viele verschiedene Gruppen ein. Was bewirkt er bei den Teilnehmern?
Das ist sehr unterschiedlich. Die Teilnehmer haben ja ganz verschiedene Motive: Neugierde, die Suche nach Sinn, der Wunsch, Gemeinschaft zu erleben, aber auch der Wille, über die Welt nachzudenken und sie mitzugestalten.
Unterhaltung und Kultur spielen aber eine große Rolle. Sind die Treffen nicht zunehmend unpolitisch?
Über die Jahre ist das Panorama der Katholikentage sicher breiter, sind die Treffen selbst „frommer“ geworden. Aber noch spielen politische Fragen bei der Gesamtkonzeption eine große Rolle. Es geht darum, nach innen wie nach außen zu wirken, die gesellschaftliche Verantwortung der Kirche zu unterstreichen und die Auseinandersetzung auch mit Kritikern zu führen. Insofern ist der Katholikentag auch ein Ort der Inklusion.
Kann der Katholikentag der Kirche helfen, den Mitgliederschwund zu bremsen?
Noch bleiben die meisten Katholiken in der Kirche. Das sollte man stärker beachten als den Mitgliederschwund, der vor allem demografische Gründe hat. Helfen würde es der Kirche allerdings, wenn sie sich dem Zeitgeist anpasst, ohne sich ihm anzugleichen. Das heißt: sie muss ihre Angebote stärker nach verschiedenen Zielgruppen differenzieren und so aus der Milieuverengung herauskommen. Hier ist der Katholikentag vorbildlich. Er bietet quasi jedem etwas. An diesem Beispiel sollte sich die Kirche orientieren. Sie darf kein spirituelles, religiöses Einheitsmenü mehr bieten, wenn sie Zukunft haben will.
Darf sie aber an überkommenen Vorstellungen etwa bei Ehe und Familie festhalten?
Natürlich leiden zum Beispiel diejenigen, die in zweiter Ehe verheiratet sind, darunter, dass die neue Ehe von der Kirche nicht anerkannt wird. Konfessionsverschiedene Paare leiden darunter, dass sie nicht zusammen zum Abendmahl gehen sollen. In der Praxis werden solche Vorschriften aber oft ausgehebelt. Auch kümmern sich die wenigsten um das Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung. Die meisten Katholiken haben vielmehr gelernt, in der Differenz zu offiziellen Positionen ihr Leben zu leben. Wegen der Lehre tritt man nicht aus. Neuerungen auf diesem Feld ändern also an der Basis nichts.
Welche Reformen erwarten Sie dann von Franziskus?
Ein Papst ist in einer schwierigen Situation. Er muss einen Global Player steuern, der sich eigentlich nicht steuern lässt. Er muss eine komplexe Kurie steuern, die sich eigentlich nicht steuern lässt. Dennoch wird Franziskus eine Selbstbesinnung der Kirche darauf bewirken, dass sie denen Heimat bietet, die sonst in der Gesellschaft außen vor bleiben. Ferner wird er versuchen, die Kurie zu reformieren. Vielleicht führt er im Vatikan so etwas wie eine Kabinettsdisziplin ein. Zudem kommt eine stärkere Kontrolle der kirchlichen Finanzen. Womöglich gibt er auch den örtlichen Bischofskonferenzen mehr Autonomie.
Bremsen Konservative dabei Franziskus’ Elan?
Der Papst irritiert Konservative. Manche von ihnen meinen, er sei dem Amt nicht gewachsen, er schade der Würde des Amtes durch seine demonstrative Bescheidenheit, oder er werde den rituellen Erwartungen nicht gerecht. Wenn Franziskus noch radikaler handelt, könnten sich die konservativen Kreise von ihm abwenden. Dann droht sogar eine Kirchenspaltung. Noch halten die Konservativen aber aus Loyalität zum Amt still und kritisieren ihn nur hinter vorgehaltener Hand.




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