InterviewReligionsunterricht an Schulen „Beim Ostereiersuchen anknüpfen“

Von  

Immer weniger Menschen bekennen sich zu einer der beiden großen christlichen Kirchen. Viele Kinder an Stuttgarter Schulen haben einen Migrationshintergrund und einen anderen Glauben. Ist Religionsunterricht da noch sinnvoll?

Ostern ist mehr als bunte Eier und süße Häschen. Foto: dpa/Patrick Pleul
Ostern ist mehr als bunte Eier und süße Häschen. Foto: dpa/Patrick Pleul

Birkach - Die Teilnahme am Religionsunterricht ist freiwillig. Eltern bringt das teils in eine Zwickmühle. Sollen sie ihr Kind für den Religionsunterricht anmelden? Stefan Hermann, Direktor des Pädagogisch-Theologischen Zentrums der Evangelischen Landeskirche in Birkach, erklärt seine Sicht der Dinge.

Herr Hermann, warum sollten Kinder den Religionsunterricht besuchen, auch wenn sie selbst keiner Religion angehören?

Der evangelische Religionsunterricht steht allen offen. Etwa 30 Prozent der Schüler, die am evangelischen Religionsunterricht teilnehmen, gehören nicht der Evangelischen Landeskirche an. Das spricht auch für die Attraktivität des Unterrichts. Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Religion. Denn sie stellen sich existenzielle Fragen, dies ist Teil ihrer natürlichen Entwicklung und ihrer Erfahrungswelt. Der Umgang mit religiösen Fragen ist deshalb, so auch die Überzeugung maßgeblicher Bildungsforscher, Teil von Allgemeinbildung. Denn religiöse Fragen sind neben naturwissenschaftlichen Zugängen ein wesentlicher Horizont, sich die Welt zu erschließen.

In Stuttgart leben immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund. Wie kann der christliche Religionsunterricht auch für Kinder zum Beispiel muslimischen Glaubens interessant gestaltet werden ?

Nehmen Schüler anderer konfessioneller Prägung am evangelischen Religionsunterricht teil, legt der evangelische Religionsunterricht größten Wert darauf, die religiösen Überzeugungen dieser Schüler aufzugreifen und explizit zu Wort kommen zu lassen. Auch die Zusammenarbeit mit offiziellen Vertretern dieser Religionen wird angestrebt. Zu beobachten ist, dass Eltern muslimischer Schüler, sofern kein islamischer Religionsunterricht und kein Ethik angeboten wird, oft bewusst im evangelischen Religionsunterricht angemeldet werden.

Warum ist Religionsunterricht für die Evangelische Kirche wichtig?

Der Religionsunterricht ist der Kirche nicht um der Kirche selbst willen wichtig, sondern weil Glaube Bildung braucht und Bildung die Beschäftigung mit Religion. Glaube macht, so ein wichtiger Kernsatz der Evangelischen Kirche von ihrem Ursprung an, gerade nicht blauäugig und blind, im Gegenteil: Glaube sucht das Verstehen. Jeder Christ sollte sagen können, was er glaubt. Er sollte auch anhand der Bibel prüfen können, ob die kirchliche Lehre damit übereinstimmt. Von der Reformation ging auch deshalb ein wichtiger Bildungsimpuls aus, bis hin zur Gründung von Schulen für Jungen und Mädchen. Eine solche Bildung, die alles andere als Belehrung ist oder gar Indoktrination, sondern Selbstbildung, hat nicht die Kirche im Blick, sondern die Menschen.

Will die Kirche im Religionsunterricht missionieren und Mitglieder rekrutieren?

Kirche macht den Religionsunterricht nicht, um Mitglieder zu halten oder zu rekrutieren. Für die interne Bildungsarbeit hält die Kirche eigene Bildungsmöglichkeiten, beispielsweise in der Kinder- und Jugendarbeit oder der Erwachsenenbildung, vor. Der Religionsunterricht ist – wie die kirchliche Trägerschaft von Kindertagesstätten – bewusst Teil des zivilgesellschaftlichen Engagements der Kirche, ihr Beitrag zum allgemeinen Bildungs- und Erziehungsauftrag.

Was tut die Evangelische Kirche, um zu verhindern, dass immer weniger Kinder den Religionsunterricht besuchen?

Religionsunterricht muss ansprechend sein. Er muss die Wahrnehmungen und Fragen der Schülerinnen und Schüler aufgreifen. Im Fachbegriff heißt dies Subjektorientierung. Religionsunterricht erfolgt also von Schülern aus, aus deren Perspektive. Es geht also weder um eine bloße Vermittlung von Inhalten, obwohl diese wichtig sind. Es geht vielmehr darum, sich gemeinsam mit Schülern auf den Weg zu machen, Antworten auf existenzielle Fragen zu finden, ohne immer und für alles eine Antwort parat zu haben – beispielsweise bei der oft gestellten Frage: Warum lässt Gott das zu?

An vielen Schulen gibt es konfessionell-kooperativen Religionsunterricht. Was ist damit gemeint?

Das bedeutet, dass evangelische und katholische Schüler zusammen nach einem gemeinsam vereinbarten Bildungsplan ein Jahr von einer evangelischen und ein Jahr von einer katholischen Lehrkraft unterrichtet werden. Diese Form ist insbesondere in den ersten beiden Grundschulklassen sehr beliebt, weil die Schüler dann weitgehend im Klassenverband unterrichtet werden können.

Bald ist Ostern. Wie machen Religionslehrer Kindern klar, dass hinter dem Fest mehr steckt als die Suche nach bunten Eiern?

Warum nicht am Ostereiersuchen anknüpfen? Es gibt dazu eine schöne Geschichte: Ein Herrscher, der den Christen alles andere als wohlgesonnen war, zweifelte daran, dass Jesus von den Toten auferstanden sein sollte: „Das will ich dir erst glauben, wenn du aus einem toten Stein neues Leben erwecken kannst.“ Die Christin kaufte bei einem Bauern ein fast ausgebrütetes Entenei und hielt es dem Kaiser entgegen. Da riss die Eierschale einen Spalt breit auf, bis ein Küken zum Vorschein kam. Auch das Thema Suchen bietet eine Anknüpfungsmöglichkeit. Schließlich haben die Frauen am Ostermorgen Jesus am Grab gesucht. Von solchen und anderen Punkten aus lässt sich die Geschichte von Jesu Passion und Auferweckung gut erzählen – So wie sich die ersten Christen diese Geschichte auch erzählt haben, als Glaubens- und Ermutigungsgeschichte, die ihnen geholfen hat.

Die Ostergeschichte ist recht grausam. Ist sie Kindern im Grundschulalter schon zuzumuten?

Nicht die Ostergeschichte ist problematisch, sondern die Frage, wie man mit Kindern das Leiden und Sterben Jesu bespricht. Hier geht der Bildungsplan sehr behutsam vor. Dabei ist theologisch wichtig: Das Leiden Jesu geschieht nicht, wie vielfach und in langer Tradition missverstanden, weil Gott ein Opfer bräuchte, um aus einem zornigen wieder zu einem lieben Gott zu werden. Im Gegenteil: Die Auferweckung Jesu zeigt: Gottes Liebe ist stärker als alle Mächte der Welt. Das ist die Botschaft. Gerade am Beispiel des Jüngers Petrus wird deutlich, dass Gottes Liebe uns auch dann gilt, wenn wir uns selbst überschätzen, scheitern und schuldig werden. So erzählt, ist die Passions- und Ostergeschichte alles andere als eine Zumutung, sondern vielmehr eine Mutmachgeschichte, die zum und im Leben hilft.




Unsere Empfehlung für Sie