Dass die Lesehelfer bereits im August in die Rebhänge ausschwärmen, ist kein ungewohntes Bild mehr. Verantwortlich dafür sind der Klimawandel – und veränderte Vorlieben beim Wein.
Wenn es ein untrügliches Zeichen für den Klimawandel gibt, dann ist es der Starttermin für die Weinlese. Denn auch im Remstal ließen die Wengerter ihre Trauben noch vor wenigen Jahrzehnten oft bis weit in den Oktober am Rebstock hängen, um auch noch das kleinste bisschen Sonnenschein auszukosten.
Das hat sich geändert: Inzwischen schwärmen die Erntehelfer spätestens Anfang September mit der Schere und dem Eimerchen in die Rebhänge aus. Und: Gerade bei vielen frühen Rebsorten beginnt die Weinlese mittlerweile oft sogar noch ein, zwei Wochen früher.
Mehr Sonne müssen die Trauben gar nicht mehr bekommen
Dass der Erntestart in den August fällt, mitten in den heißen Sommer statt in den goldenen Herbst, ist auch jetzt wieder der Fall. Die Weingüter Häußermann, Heid, Karl Haidle, Klopfer und Schweikart haben bereits die ersten Trauben in den heimischen Keller geholt, viele Kollegen stehen in den Startlöchern.
Der Grund: Nach den starken Regenfällen im Juli und der Hitze im August haben sich die Trauben rasant entwickelt, die Vollreife ist abhängig von der Rebsorte nur noch eine Frage von Tagen. Mehr Sonne ist gar nicht nötig, um optimales Erntegut einzufahren – im Trend bei vielen Verbrauchern liegen gerade in der Sommerzeit schließlich vor allem leichte und alkoholreduzierte Tropfen, nicht mehr der abendfüllende Kaminwein mit der betörenden Wucht.
Die kühlen Nächte bringen die gewünschte Aromareife
Fast wichtiger als Zuckergehalt und Oechslegrade sind deshalb einst weniger beachtete innere Werte – gerade die momentan kühleren Nächte bescheren den Trauben durch den Wechsel mit warmen Tagestemperaturen die gewünschte Mineralik und Aromareife.
Und: Auch beim Wein kommt es darauf an, was man draus macht. Die Chardonnay-Trauben, die das Großheppacher Weingut Klopfer am Sonntag mit knapp 80 Grad Oechsle und toller Säure eingefahren hat, sind beispielsweise für die Sektherstellung gedacht, ebenso wie der frisch gelesene Schwarzriesling des Strümpfelbacher Weinguts Schweikart.
Der Fellbacher Weinmacher Markus Heid wiederum ist in die Lese gestartet, um den Bedarf für den alkoholfreien „Perlino“ zu decken – ein zu hoher Zuckergehalt wäre da sogar kontraproduktiv. Moritz Haidle aus Stetten möchte am Mittwoch ebenfalls für Sekt in seine Spätburgunder-Weinberge. Und das Weingut Häußermann aus Waiblingen hat sich bereits beim Acolon für den Neuen Wein bedient.
Dass die Lese-Teams bereits im August ausströmen, ist also ein immer weniger ungewöhnliches Bild. Allerdings sind die Erntehelfer oft schon am frühen Morgen unterwegs. Gezückt wird die Rebschere teilweise bereits um 7 Uhr, oft endet der Ernteeinsatz dafür schon um die Mittagszeit. Dann nämlich wird es im Sommer oft zu warm – und Temperaturen über 30 Grad tun dem Lesegut überhaupt nicht gut.