Sandy Kaiser hat gehörlose Eltern. Ihre Kindheit waren blinkende Telefone, Fernsehen mit Untertitel und eine Geheimsprache, mit der man durch geschlossene Fenster reden kann. Nun zeigt sie Babys die Gebärden zum Kommunizieren.
Wenn Sandy Kaiser spricht, dann nutzt sie dazu nicht nur Wörter. Sie redet auch mit ihrem Gesicht und mit den Händen. „So untermale ich meine Worte. Der ganze Körper ist in Bewegung“, sagt Sandy Kaiser und fügt gleich noch an, dass das auch einen entscheidenden Nachteil mit sich bringe. „Ich habe absolut gar kein Pokerface. Alles, was ich sage, zeigt sich auch in meiner Mimik, da kann ich nichts verheimlichen, was nicht immer von Vorteil ist“, sagt die 33-Jährige und lacht. Sie nimmt es mit Humor und erinnert sich auch an viele Momente, in denen ihr die Sprache ihrer Eltern viele Vorteile gebracht hat.
Denn Sandy Kaiser ist mit gehörlosen Eltern aufgewachsen. Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) bezeichnet sie deshalb als ihre Muttersprache. „Wir konnten uns zum Beispiel super verständigen, wenn meine Eltern mich zum Zug brachten, ich kurz vor der Abfahrt schon im Abteil saß und sie mir noch was Wichtiges sagen wollten.“
Gebärdensprache für Babys als Kursangebot
Mittlerweile ist die Frau, die in Backnang wohnt, selbst Mutter. Ihr kleiner Junge kam 2023 zur Welt, ist jetzt eineinhalb Jahre alt und lernt sowohl Gebärden als auch Wörter. „Er lernt die Gebärdensprache begleitend. Sie soll die Sprache nicht ersetzen, aber sie gehört zu unserer Familie. So kann seine Oma, die ausschließlich gebärdet, sich mit ihm unterhalten, was mir sehr wichtig war.“ Sandy Kaiser nutzt beim Üben immer das Schlüsselwort eines Satzes, das sie dann sowohl spricht als auch gebärdet. Auf diese Weise hat der Kleine schon Gebärden für „raus“, „Musik“, „Licht“ oder „Essen“ gelernt.
Weil sie so eng mit der Gebärdensprache verbunden ist, hat Sandy Kaiser in der Elternzeit beschlossen, sich mit Kursen für Baby-Gebärdensprache selbstständig zu machen. „Zeichen Zauber Babygebärden“ hat sie das Angebot genannt. „Diese Gebärden hören im Unterschied zur richtigen Gebärdensprache wieder auf, wenn das Baby anfängt zu sprechen.“ Doch bis dahin könne es gut zum Kommunizieren sein, um Frustration und Wutanfälle zu vermeiden. „Wenn ich Babys Gebärden zeige, klappt es besser mit der Verständigung“, erklärt die 33-Jährige, die die Welt von klein auf durch Gebärden erlebt hat. „Kommunikation war immer mehr als nur Worte.“
Sandy Kaiser ist eng mit der Gebärdensprache verbunden
In den Babygebärden-Kursen nutzt die gelernte Erzieherin Wörter aus der Deutschen Gebärdensprache. Dabei ist es ihr wichtig, zu betonen, dass sie keine Deutsche Gebärdensprache unterrichtet, da die eine vollständige Sprache mit eigener Grammatik und Struktur ist. „Ich verwende nur Gebärden, die für die Kommunikation mit Babys geeignet sind.“ Es seien Handzeichen, die die Kinder darin unterstützen, sich ohne Worte mitzuteilen.
Sandy Kaiser selbst hat schon im Alter von zwei bis drei Jahren gebärdet, weil sie mit ihren Eltern nur in Gebärdensprache sprechen konnte. „Meine Mama hatte zwar ein Hörgerät und hört Geräusche, könnte bei einer Unterhaltung aber nicht das Richtige herausfiltern. Mein Vater war komplett taub.“ Für den Alltag bedeutete das spannende Technik: „Wir hatten Faxgerät, Schreibtelefon und Bildtelefon.“ Das Highlight sei gewesen, wenn es bei ihnen geklingelt habe und als Zeichen für die Eltern das Licht aus und angegangen sei. „Ich hatte deshalb früh ein Handy. Wenn ich meinen Eltern eine Nachricht geschrieben hatte, ließ ich es klingeln. Durch das blinkende Licht wussten meine Eltern, dass sie auf ihr Handy schauen mussten.“
Beim Ausgehen mit Freunden war die Gebärdensprache für die heute 33-Jährige wie eine Art Geheimsprache. Ihre Freundinnen beherrschten damals – genau wie ihr Mann Nikolai heute – auch einige Gebärden. Was den Vorteil hatte, dass sich die Mädels nicht lautstark zurufen mussten, wenn eine zur Toilette wollte. Schwieriger war es, wenn ihre Eltern daheim Fernsehen schauen wollten, denn es gab erst spät Untertitel, erinnert sich Sandy Kaiser und ergänzt, dass sie der Meinung sei, dass bis heute zu wenig getan werde. „Nur selten werden Nachrichten mit einem Gebärdendolmetscher ergänzt. Da müsste mehr getan werden“, sagt die Frau, deren Eltern es immer wichtig war, dass ihre Kinder nicht fürs Übersetzen ausgenutzt werden. „Wenn es mal nicht geklappt hat, haben sie auf einen Dolmetscher oder Papier und Stift bestanden.“
Wenn der Bass im Auto wummert, regt sich Sandy Kaiser auf
Doch obwohl alles gut und wie bei anderen geklappt hat, konnte sich die 33-Jährige manchmal auch über die spezielle Situation aufregen. Beispielsweise dann, wenn sie zu ihrer Mutter ins Auto stieg und ihr ein Song in Maximal-Lautstärke entgegen wummerte. „Sie dreht die Musik gerne bis zum Anschlag, damit sie den Bass fühlt. Meine Ohren haben das immer kaum ausgehalten.“ Vielleicht hat ihr Sohn von der Oma seine Liebe zur Musik geerbt. Denn nur, wenn sie ihm eine Tonie-Figur mit Liedern anmacht, lässt er sich wickeln. „Das hat er mit Gebärden gezeigt, und es gab fortan keinen Stress mehr.“
Genauso würde es auch Lisa Butzeck beschreiben, die mit ihrer einjährigen Tochter Alma bei Sandy Kaiser Gebärden lernt. „Die Beziehung zum Kind wird intensiver, der Frust weniger“, sagt die 30-Jährige. So habe Alma beim Aufstehen mal nur geweint. Doch dank Gebärden konnte sie ihrer Mutter mit den Zeichen für Schlafen und Singen signalisieren, dass sie gerne noch weiterschlafen will und ihre Mama sie in den Schlaf singen soll. „Genau darauf arbeiten wir hin. Der Durchbruch bei den Gebärden ist bei den Kleinen etwa mit zwölf Monaten“, freut sich Sandy Kaiser.
Gebärden – eine anerkannte Sprache
Gebärdensprache
Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist ein Zusammenspiel von Bewegungen mit den Händen, Mimik, Kopf- und Körperhaltung sowie Mundbewegungen – eine bildhafte und lebendige Sprache. Die Gebärden sind nicht international – innerhalb eines Landes- beziehungsweise Sprachgebietes gibt es auch Dialekte. Seit 2002 ist die Deutsche Gebärdensprache gesetzlich anerkannt. Die Gebärden folgen einer komplexen, eigenständigen Struktur und Grammatik und müssen wie jede andere Fremdsprache erlernt werden. Mit Gebärdensprachen lassen sich auch beliebige komplexe Sachverhalte differenziert ausdrücken, heißt es beispielsweise auf der Homepage des Bundesverbands der Dolmetscher und Übersetzer https://bdue.de/gebaerdensprache
Sandy Kaiser gibt auch Einblicke auf Instagram unter zeichenzauber_backnang sowie auf ihrer Homepage https://zeichen-zauber.de