Ein im Rems-Murr-Kreis bislang einzigartiges Projekt will bei Teenagern die psychische Gesundheit stärken – weil es immer öfter zu Mobbing, Magersucht und Angststörungen kommt.

Rems-Murr: Sascha Schmierer (sas)

Wenn sich Daniel Barschtipan und sein Team mit einer seelischen Notlage befassen, ist das Kind normalerweise schon längst in den Brunnen gefallen. Denn der sportlich-aktiv wirkende Pflegedienstleiter zeichnet beim Zentrum für Psychiatrie im Schloss Winnenden (Rems-Murr-Kreis) für die Erstaufnahme von Patienten und den Fachbereich Entwicklungsverzögerung verantwortlich.

 

Wer Barschtipan und seine Leute kennenlernt, hat in aller Regel bereits mit massiven psychischen Schwierigkeiten zu kämpfen – und hofft, in der ZfP-Klinik einen Weg aus dem immer tiefer werdenden Sumpf seiner Probleme zu finden. Magersucht und Depressionen, Selbsthass und Vereinsamung, Alkoholprobleme und Drogenabhängigkeit sind in dieser Phase längst zu einer akuten und den Alltag komplett bestimmenden Wirklichkeit geworden.

Patienten mit psychischen Problemen werden immer jünger. Foto: Nicolas Armer/dpa

Psychische Probleme: Statt Lebensberatung hilft nur noch Therapie

Statt Lebensberatung hilft dann nur noch Therapie – und neben einem möglicherweise stationären Aufenthalt Gespräche mit Betroffenen und ihren Angehörigen. Ein im Rems-Murr-Kreis bislang einzigartiges Projekt soll den üblichen Ablauf jetzt ein Stück weit auf den Kopf stellen – und in einem Alter ansetzen, in dem sich persönliche Krisen erst zum Problemfall auswachsen.

„Laut aktueller Statistiken leidet jeder dritte Mensch an einem psychischen Problem – und die Patienten beim sozialpsychiatrischen Dienst werden immer jünger“, weiß Klaus Kaiser, der Leiter des Zentrums für Psychiatrie. Der Pflegedirektor sieht auch wegen der hohen Fallzahlen einen steigenden Bedarf für Präventionsarbeit. „Wir müssen vor die Krise kommen“, sagt er.

Psychische Probleme bei Jugendlichen aus der Tabuzone holen

Auch deshalb will das Zentrum für Psychiatrie künftig in die Schulen gehen – und sich mit Teenagern beiderlei Geschlechts über seelische Notlagen unterhalten. „Verrückt? Na und!“ ist das Programm betitelt, das vom Kreisjugendring und dem Diakonieverband Rems-Murr als Kooperationspartnern mitgetragen und unterstützt wird. Neben der Förderung der psychischen Gesundheit geht es bei den geplanten Workshops auch darum, seelische Probleme im Schulalltag aus der Tabuzone zu holen. „Wer, wenn nicht Jugendliche weiß, was eine Krise ist“, sagt Klaus Kaiser.

Tatsächlich stehen Teenager oft nicht nur wegen der verstörenden Veränderung des eigenen Körpers in der Pubertät unter Druck. Die Suche nach der eigenen Rolle kann eine Belastung darstellen, der Wunsch nach Anerkennung und Versagensangst im Schulalltag das soziale Verhalten prägen. Allein das Thema Mobbing, dank Social Media längst nicht nur auf dem Pausenhof präsent, wächst sich für eine steigende Zahl junger Menschen oft zu einem nicht mehr überschaubaren Problemberg aus.

Depressionen, Sucht und Angststörungen beginnen oft im Teenie-Alter

„Ausgerechnet in dieser für die Zukunft der Jugendlichen so wichtigen Lebensphase beginnen psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und Suchterkrankungen so häufig wie in keinem anderen Lebensabschnitt“, heißt es beim Verein „Irsinnig menschlich“, der sich seit einem Vierteljahrhundert mit Präventionsprogrammen für die Psyche befasst und auch das Format „Verrückt? Na und!“ entwickelt hat.

Laufen sollen die Workshops in der achten Klassenstufe, statt an Frontalunterricht ist an Gesprächsarbeit in der Kleingruppe gedacht. Das vom Zentrum für Psychiatrie umgesetzte Konzept sieht vor, dass neben einem fachlich kompetenten Experten immer auch ein „Genesungsbegleiter“ mit in die Schulen kommt – als Betroffene können sie nicht nur lebensnah schildern, welche Probleme eine Ess-Störung oder der Hang zum Konsumrausch im Alltag auslöst, sondern auch ein positives Beispiel für die Überwindung einer Krise sein. „Dass es bei jeder Krise auch die Hoffnung auf Heilung gibt, das ist uns besonders wichtig“, sagt Klaus Kaiser.

Psychische Gesundheit: Mehr Aufklärung im Vorfeld

Allerdings: Mehr als ein Pilotprojekt ist das Programm bisher nicht, von einem flächendeckenden Präventionskonzept für den Rems-Murr-Kreis kann keine Rede sein. Gestartet wird die Workshop-Reihe in der Geschwister-Scholl-Realschule in Winnenden, eine Handvoll weiterer Bildungseinrichtungen rund um die Klinik im Winnender Schloss steht auf der Warteliste. Für ein in großem Maßstab ausgerolltes Angebot mit Schulbesuchen fehlt es aktuell an Personal und Geld. Der über den Kreisjugendring erschlossene Fördertopf ist laut Valeria Bieder mit gerade mal 90 000 Euro gefüllt.

Dass das nicht mehr als eine Anschubfinanzierung sein kann, ist auch Matthias Hefker vom Kreisdiakonieverband klar. Zum Kerngeschäft allerdings gehört der präventive Einsatz für die psychische Gesundheit für alle drei beteiligten Institutionen nicht – auch wenn Aufklärung im Vorfeld helfen könnte, Behandlungskosten zu senken. „Eine Krankenkasse müsste ein originäres Interesse an der Früherkennung seelischer Erkrankungen haben“, bringt es Pflegedirektor Klaus Kaiser auf den Punkt.