Ein solches Fahrzeug mit einer Rundum-Kamera ist derzeit im Rems-Murr-Kreis unterwegs. Foto: Syna
Wer derzeit im Rems-Murr-Kreis unterwegs ist, begegnet unter Umständen ungewöhnlichen Autos mit Kameratürmen auf dem Dach. Dahinter steckt mehr als nur Technikspielerei.
Ein weißer Wagen rollt langsam über das Kopfsteinpflaster vor einem historischen Gebäude. Auf dem Dach thront ein metallener Aufbau, bestückt mit mehreren Kameras und Sensoren, die wie ein technisches Auge in alle Richtungen blicken. Passanten bleiben stehen, schauen neugierig hinterher. Was genau macht dieses Fahrzeug hier?
Wie der Stromnetzbetreiber Syna mitteilt, steckt hinter den Fahrten ein groß angelegtes Projekt zur digitalen Erfassung von Straßen und Infrastruktur im Rems-Murr-Kreis. Die Fahrzeuge gehören zur Cyclomedia Deutschland GmbH und sind derzeit in zahlreichen Städten und Gemeinden unterwegs. Ihr Auftrag: hochauflösende 360-Grad-Panoramabilder aufnehmen – und damit eine digitale Grundlage für Verwaltung, Planung und Infrastruktur schaffen.
Rollendes Messlabor: Cyclomedia erfasst Umgebung in 360 Grad
Das Auto selbst wirkt wie ein rollendes Messlabor. Auf dem Dach sitzt ein Gestell mit mehreren Kameramodulen und Laserscannern, die während der Fahrt permanent ihre Umgebung erfassen. Jede Bewegung wird mit GPS-Daten verknüpft.
Die Bilder entstehen also nicht nur in alle Richtungen gleichzeitig, sondern sind später auch exakt verortet. Auf der Seite des Fahrzeugs prangt der Schriftzug „Cyclomedia“, daneben der Slogan „Visualize a better world“. Ein kleiner Aufkleber verrät außerdem den Zweck der Fahrt: „Vermessung“.
Die Aufnahmen entstehen nicht aus Neugier oder touristischem Interesse. Sie sind Teil eines größeren Digitalisierungsschritts, der im Hintergrund vieler Kommunen läuft. Hochauflösende Straßenbilder sollen Verwaltungen dabei helfen, Situationen vor Ort besser zu verstehen, ohne sofort einen Termin im Gelände organisieren zu müssen. Bürgeranfragen – etwa zu Baustellen, beschädigten Gehwegen oder Infrastruktur – lassen sich anhand der Bilder leichter nachvollziehen.
Die Syna betreibt vor allem im nördlichen Rems-Murr-Kreis Strom- und Gasnetze. Foto: Syna
Auch für die Syna, die im Rems-Murr-Kreis Strom- und Gasnetze betreibt, sind diese Daten wertvoll. Der Netzbetreiber will die Bilder als Grundlage für Planungen im Stromnetz nutzen. Leitungen, Verteilerkästen oder mögliche Baustellen lassen sich damit schon am Bildschirm analysieren. Projekte könnten so früher vorbereitet und effizienter umgesetzt werden, heißt es in einer Mitteilung der Syna.
Die Datensammlung passt zu einer Entwicklung, welche die Energiebranche derzeit stark prägt: die Digitalisierung der Netze. Durch Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen und Ladesäulen für Elektroautos wächst der Strombedarf – gleichzeitig speisen immer mehr Haushalte selbst erzeugte Energie ins Netz ein. Für Netzbetreiber wird es deshalb wichtiger, ihre Infrastruktur möglichst genau zu kennen.
Die Syna setzt dafür zunehmend auf digitale Werkzeuge. Ein zentraler Ansatz ist der sogenannte digitale Zwilling des Stromnetzes – ein virtuelles Modell, das reale Daten über Auslastung, Verbrauch und Netzstruktur zusammenführt. „Die Echtzeitbewertung des Netz-Zustands hilft uns, Probleme frühzeitig zu erkennen“, erklärte der Produktmanager Tim Plößer bereits in einem früheren Bericht über die Digitalisierung der Netze.
Visuelle Datenbasis erleichtert Bauplanung aus der Ferne
Die Kamerafahrten liefern dafür ein weiteres Puzzlestück. Sie schaffen eine visuelle Datenbasis, mit der Planer Straßenräume und Infrastruktur aus der Ferne analysieren können. Gerade bei der Vorbereitung von Bauarbeiten kann das entscheidend sein: Wo stehen Laternen? Wie breit ist die Straße? Welche Hindernisse gibt es?
Ganz ohne Sensibilität geht das nicht. Deshalb würden Gesichter und Autokennzeichen automatisch unkenntlich gemacht. Wie die Syna betont, dienten die Panoramabilder ausschließlich internen Zwecken und würden nicht öffentlich gemacht. Cyclomedia sei außerdem Mitglied im Verein Selbstregulierung der Informationswirtschaft und Mitunterzeichner des Geodatenkodex.
Kameraautos erfassen Rems-Murr-Kreis bis Mitte Mai
Die Fahrten laufen seit Anfang März und sollen voraussichtlich bis Mitte Mai dauern. In dieser Zeit durchqueren die Kameraautos das gesamte Gebiet, das erfasst werden soll.
Wer also in den kommenden Wochen einen solchen Wagen entdeckt, sieht nicht nur ein ungewöhnliches Fahrzeug. Er blickt auf ein Stück Infrastruktur der Zukunft – ein rollendes Auge, das Straßen, Häuser und Netze in digitale Daten verwandelt, um die Energieversorgung und Verwaltung ein Stück effizienter zu machen.