Rems-Murr-Kreis Neue Stiftung will sich gegen Kinderarmut engagieren

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Betroffene Mädchen und Jungen leiden oft unbemerkt: Kinderarmut ist ein Tabu, doch sie existiert auch im Rems-Murr-Kreis. Die Caritas und das katholische Dekanat suchen Partner, um das zu ändern.

Kinderarmut existiert auch in Baden-Württemberg. Foto: dpa/Archiv
Kinderarmut existiert auch in Baden-Württemberg. Foto: dpa/Archiv

Waiblingen - Funke“ lautet der Name der Kinderstiftung, welche die Caritas und das Katholische Dekanat Rems-Murr am Internationalen Tag der Kinderrechte im November gründen werden. Ihr Ziel: Kinderarmut zu bekämpfen. Denn von den 72 532 Kindern, die Ende 2016 im Rems-Murr-Kreis lebten (neuere Zahlen liegen noch nicht vor), wuchsen 6051 in Familien auf, die Hartz IV beziehen. Sie gelten als arm beziehungsweise als von Armut bedroht. Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, kämpfen sie mit schwierigen Bedingungen.

„Diese Kinder sind häufig benachteiligt und haben weniger Möglichkeiten, etwa weil das Geld für Nachhilfe oder den Sportverein fehlt“, erklärt Anja Keller, die bei der Caritas Ludwigsburg-Waiblingen-Enz für Fundraising und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Der Mangel an gesellschaftlicher Teilhabe wirkt sich laut einer Caritas-Studie oft negativ auf die körperliche, kognitive, soziale und kulturelle Entwicklung der Kinder aus. Auch Selbstachtung und Selbstwertgefühl der Betroffenen leiden – viele von ihnen sind weit mehr auf sich allein gestellt als ihre Altersgenossen aus wohlhabenderen Familien.

Caritas spricht von einem Skandal

„Kinderarmut in einem reichen Land halten wir für einen Skandal“, sagt Keller. Darum hat die Caritas anlässlich ihres 100-Jahr-Jubiläums in diesem Jahr das Thema auf die Tagesordnung gesetzt und die Initiative „Mach dich stark gegen Kinderarmut im Südwesten“ ins Leben gerufen. Im Zuge dessen werden regionale Stiftungen gegründet – eine davon ist „Funke“.

„Betroffene Familien können sich direkt an uns wenden, um finanzielle Unterstützung zu erhalten“, erklärt Anja Keller. Zudem wolle die Stiftung ein breites Netzwerk mit unterschiedlichsten Kooperationspartnern aufbauen. „Das können beispielsweise Schulen, Vereine oder Unternehmen sein, mithilfe derer man unter anderem Freizeitangebote realisiert.“ Wichtig ist den Machern der inklusive Gedanke: Jungen und Mädchen aller sozialen Schichten sollen bei den Aktionen zusammenkommen. Und: Die Kinder sollen selbst sagen, was sie brauchen und was ihnen fehlt. Dafür erarbeitet die Caritas derzeit einen Fragebogen, mit dem sie in Schulen und Kindergärten gehen will. Die Ergebnisse werden Keller zufolge als „Leitplanken“ des Projekts dienen.

Ein Euro pro Katholik

„Wir wollen für die Kinder Türen öffnen, die sie selbst nicht öffnen können“, beschreibt Keller den Ansatz der Stiftung. Dazu gehöre auch, in der Öffentlichkeit auf das Thema aufmerksam zu machen. Denn Armut ist mit Scham besetzt und wird tabuisiert. „Auch uns war nicht bewusst, dass so viele Kinder betroffen sind“, gibt Uli Häufele, der Geschäftsführer des Katholischen Dekanats Rems-Murr, zu.

Der Dekanatsrat habe einstimmig entschieden, sich an der Gründung der Stiftung zu beteiligen, und dafür 25 000 Euro zur Verfügung gestellt. Häufele hofft, dass sich zudem alle 27 katholischen Gemeinden im Kreis an der Aktion „Ein Euro pro Katholik“ beteiligen. Die Signale der jeweiligen Kirchengemeinderäte seien bislang positiv. Wenn alle Gremien zustimmen, pro Gemeindemitglied einen Euro aus dem Haushalt zur Verfügung zu stellen, würde sich das Startkapital der Stiftung um rund 89 000 Euro erhöhen – mit den 25 000 Euro, welche die Caritas beisteuert, läge es dann bei insgesamt knapp 140 000 Euro.

Der Name kommt von Studenten der HdM

Noch können Interessierte laut Keller Gründungspartner werden. „Im Rems-Murr-Kreis gibt es bisher keine derartige Kinderstiftung“, sagt Uli Häufele. „Wir wollen Anwalt für Kinder sein und nach der offiziellen Gründung in unseren Gemeinden verstärkt für das Thema Kinderarmut sensibilisieren.“ Dabei solle die Stiftung jedoch nicht im engeren Sinne katholisch sein, sondern unterschiedlichste Akteure miteinander verbinden, betont Häufele.

Ein erster Kooperationspartner sind Studenten der Hochschule der Medien in Stuttgart: Sie haben im Rahmen einer Vorlesung ein Kommunikationskonzept für die Kinderstiftung erarbeitet und den Namen „Funke“ entwickelt. „Dieser Name hat uns sofort überzeugt: ein Funke, der überspringt, Ideen entzündet und Lust auf Engagement für und mit Kindern entfacht“, sagt Uli Häufele.




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