Rems-Murr-Kreis Sonderpädagogische Schulen schlagen Alarm: „Wir brauchen Raum!“

In der Fellbacher Fröbelschule lindern seit März Container die allergrößte Not. Foto: Gottfried Stoppel

An den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren im Rems-Murr-Kreis herrscht akuter Raumnotstand und es fehlt an Personal. Eine Schulleiterin schlägt Alarm.

Rems-Murr : Frank Rodenhausen (fro)

„Unsere Raumnot lässt nicht länger auf sich warten“, ruft Katja Haßpacher, die Leiterin der Fröbelschule Schorndorf, den Mitgliedern im Schulausschuss des Kreistags entgegen. Es ist kein Hilferuf mehr, es ist eine Brandrede. Was als „kurzfristige Interimslösung“ begann, ist acht Jahre später zum Dauerprovisorium geworden – und das in einer Zeit, in der die Schülerzahlen an den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) des Rems-Murr-Kreises neue Rekorde erreichen.

 

Laut dem jüngsten Schulbericht werden aktuell 773 Kinder und Jugendliche an den SBBZ im Kreis betreut – Tendenz steigend. Schon 2023 war ein Höchststand erreicht worden. Gleichzeitig wird das Personal immer knapper, die Gebäude maroder, die Konzepte notdürftiger. Die SBBZ stehen exemplarisch für eine Bildungspolitik im Überlebensmodus – mit steigender Tendenz.

Fellbach: Container statt Klassenzimmer

Die Lage ist dramatisch – insbesondere in Fellbach-Schmiden. Dort platzt die Fröbelschule aus allen Nähten. Von 98 Schülern im Jahr 2016 ist die Zahl auf über 200 angewachsen. Laut Landratsamt fehlen mehr als 20 Klassenräume. Die Lösung? Container auf dem Parkplatz. „Wir sind sehr dankbar“, sagte die Schulleiterin Silke Lang bei der Einweihung im März. Die Monate zuvor seien für viele der Schülerinnen und Schüler eine harte Belastungsprobe gewesen. Ein Anbau? Nicht möglich. Der Kreis setzt stattdessen auf eine Lösung, die man als Modellprojekt deklariert: Ab 2026 soll eine Außenstelle der Fröbelschule in einem umgenutzten Gebäude an der Stuttgarter Straße in Waiblingen starten – ein pragmatischer Kompromiss.

Landrat Richard Sigel, Schüler Robert und die Schulleiterin Silke Lang haben im März die Interimslösung an der Fellbacher Fröbelschule eingeweiht. Foto: Landratsamt Rems-Murr-Kreis

Landrat Richard Sigel verkauft das als kreative Lösung: „Andere Kreise bauen für Millionen. Wir nutzen, was da ist.“ Doch selbst wenn die Räume stehen, bleibt ein anderes Problem ungelöst: das Personal.

Schorndorf: Hoffnung auf den Bildungscampus Rainbrunnen

In Schorndorf schleppt sich die Lage ähnlich zäh dahin. Seit 2017 wird mit Containern gearbeitet – auch hier war das einst „vorübergehend“ gedacht. Die Entwürfe für den „Bildungscampus Rainbrunnen“ machen Hoffnung: Ein moderner Neubau, der die verschiedenen sonderpädagogischen Einrichtungen der Stadt bündeln und aufwerten soll. Es gibt vielversprechende Entwürfe, aber die Realisierung liegt noch in weiter Ferne. Immerhin: ein Projektsteuerer ist beauftragt.

Für den Bildungscampus in Schorndorf gibt es immerhin eine Vision. Foto: Landratsamt

Murrhardt: Notlösungen ohne Vision

Am schlechtesten steht es wohl um Murrhardt. An der Bodelschwinghschule wurde zwar eine Containeranlage angebaut, doch eine langfristige Perspektive fehlt. Was bleibt, sind Behelfslösungen in der Bücherei und anderen städtischen Einrichtungen – und das Gefühl, von der Entwicklung überrollt zu werden. Die Schülerzahlen steigen, der Raumbedarf wächst, aber die Antworten bleiben vage.

System am Limit – und kein Ende in Sicht

Was die Lage noch verschärft: der Fachkräftemangel. Sonderpädagogen, Heilpädagogen, Betreuungspersonal – überall fehlen Hände und Köpfe. Im Schulbericht ist von einer „herausfordernder werdenden Schülerschaft“ die Rede – mit neuen Krankheitsbildern, stärkerem Förderbedarf und gestiegenem Aufwand. Dazu kommt der Druck des Ganztagsförderungsgesetzes, das neue Raum- und Betreuungskonzepte erzwingt.

Im Schulausschuss wird zwar betont, dass die SBBZ mit ihren Problemen nicht alleinstehen – auch die Nachbarkreise müssten investieren, zum Teil im dreistelligen Millionenbereich. Doch das ist ein schwacher Trost. Die Raumnot ist da. Sie lässt sich nicht vertagen, nicht vertuschen.

Die Schülerzahlen steigen dramatisch

Die Zahlen sprechen für sich: Bis 2028 rechnet man an der Fröbelschule Fellbach mit bis zu 250 Schülern. Inzwischen sind es schon über 200 – aber nur eine halbe Stelle für zusätzliche Betreuung wurde bisher genehmigt. Auch das nur befristet. „Wir brauchen Raum, um uns zu bewegen, um uns auszuruhen, um lernen zu können“, zitiert Katja Haßpacher eindrucksvoll ihre Schüler im Schulausschuss. Sie spricht von Servern, die in Klassenräumen stehen, von fehlenden Lagerräumen für Hilfsmittel – von einem System, das an seine Grenzen stößt.

Das sonderpädagogische System droht zu kippen. Was die Verantwortlichen als pragmatische Lösungen präsentieren, sind oft nur Symptome eines größeren Problems: einer strukturellen Vernachlässigung. Die Kinder an den SBBZ brauchen mehr als Container, mehr als improvisierte Rückzugsräume. Sie brauchen Raum – ganz real und ganz dringend. Und sie brauchen Menschen, die diesen Raum mit Leben und Lernen füllen können. Solange das fehlt, bleibt der Appell von Katja Haßpacher nicht nur ein Ruf nach Hilfe – sondern eine Anklage.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Rems-Murr-Kreis Murrhardt Fellbach