Thomas Denzler aus Spiegelberg bewahrt das Wissen um das alte Waldglas – und lädt zum Süddeutschen Glassammlertag nach Murrhardt ein.

Rems-Murr: Chris Lederer (cl)

Ein kleines Stück Glas im Ackerboden – genauer gesagt: eine antike Beeren-Nuppe aus grünem Waldglas. Bei einem Spaziergang entdeckte Marianne Hasenmayer das winzige Fragment zufällig im Erdreich. Dieser unscheinbare Fund weckte in ihr eine Leidenschaft, die ihr Leben – und das ihres Partners Thomas Denzler – verändern sollte: die Liebe zum Waldglas.

 

Was mit diesem kleinen Glasfragment begann, wurde zu einer gemeinsamen Spurensuche. Hasenmayer und Denzler begannen zu recherchieren, zu sammeln, sich in alte Karten und Fachbücher zu vertiefen. Bald fanden sie heraus, dass im Schwäbisch-Fränkischen Wald zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert Dutzende Glashütten existierten – Orte, an denen Holz, Feuer und Sand zu funkelnden Kostbarkeiten verschmolzen. „Aktuell sind hier 27 Glashütten nachgewiesen, es waren sicherlich deutlich mehr“, sagt Denzler.

Beeren-Nuppen: Mit einem Glasfragment wie diesen fing alles an. Foto: Gottfried Stoppel

Aus dem Zufallsfund im Acker wurde ein Lebensprojekt: die Suche nach den Spuren der Waldglasmacher. Nach Marianne Hasenmayers Tod im Jahr 2023 führt Thomas Denzler diese Arbeit weiter – als Sammler, Bewahrer und Chronist einer fast verschwundenen Kunst. Zwischen 2005 und 2022 betreuten Hasenmayer und Denzler ehrenamtlich das Glasmuseum Spiegelberg. Daneben betrieben sie das Glashaus Spiegelberg – eine kleine, privat eingerichtete Ausstellung, in der sie Stücke ihrer Sammlung präsentierten und Besucher empfingen. Zwischen Vitrinen mit Waldglasflaschen, Millefiori-Schalen und historischen Fragmenten entstand dort ein Ort des Austauschs für Sammler, Fachleute und Neugierige.

Wo Glas aus Holz entstand – und eine Sammelleidenschaft wuchs

Im Schwäbisch-Fränkischen Wald war Glas einst ein Werkstoff aus Feuer, Geduld und Wald. Tief im Forst glühten die Öfen der Waldglashütten, einfache Bauten aus Lehm und Stein. Hier verschmolzen Sand, Kalk und Pottasche bei 1200 Grad zu jener zähen, glühenden Masse, aus der Trinkgefäße, Butzenscheiben und Fensterglas entstanden. Zunächst für Adlige und Kirchenfürsten, später auch für das Bürgertum und die einfachen Leute.

Holz war der entscheidende Rohstoff – es lieferte Energie und Asche zugleich. Allein die Hütte von Spiegelberg verbrauchte laut Denzler jährlich mehrere Zehntausend Festmeter Holz, um genug Pottasche zu gewinnen. Wenn der Wald ringsum abgeholzt war, zogen die Glasmacher weiter, errichteten neue Öfen, gründeten neue Siedlungen. So entstanden Orte wie Althütte, Cronhütte oder Neufürstenhütte bei Großerlach – Namen, die das alte Handwerk bis heute im Gedächtnis halten.

Das typische Waldglas jener Zeit schimmerte in allen Nuancen von Grün – vom tiefen Tannenton bis zum hellen, fast olivfarbenen Licht. Das Eisen im Sand färbte die Masse, und die Glasmacher nahmen es als Charaktermerkmal hin. Erst mit dem Zusatz von Manganoxid, dem sogenannten Braunstein, gelang es im 18. Jahrhundert, die Färbung zu neutralisieren und Klarglas zu gewinnen, erklärt Denzler.

„Jedes Glas erzählt seine eigene Geschichte“

Diese Vielfalt, die Farbspiele, die unperfekten Blasen und Schattierungen – genau das fesselte Thomas Denzler. „Mich fasziniert, dass jedes Glas Spuren trägt – vom Feuer, vom Holz, von der Hand des Machers“, sagt er. In seiner Sammlung stehen unter anderem filigrane „Römer“ und kräftige Waldglasflaschen, aber auch leuchtende Millefiori-Stücke sowie Gefäße aus seltenem Steinglas, dem sogenannten Lithyalin, das wie Halbedelstein wirkt.

Rund 300 Objekte umfasst seine Sammlung heute, plus ungezählten weiteren aus dem Nachlass seiner Partnerin. Denzler selbst hat neben dem Waldglas auch ein Faible für Glaskunst aus der italienischen Glasmacher-Hochburg Murano bei Venedig. „Ich habe mich in die Millefiori-Gläser verliebt – bunt, komplex, jedes Stück anders.“ Für Denzler ist jedes Glas mehr als ein Schaustück: Es erzählt vom Verhältnis des Menschen zur Natur, von Wissen, das mit den Öfen erlosch, und von einer Handwerkskunst, die aus dem Einfachen das Kostbare schuf.

Erbe und Zukunft

Nach dem Tod seiner Partnerin führt Thomas Denzler ihr Werk fort – nicht nur als Sammler, sondern auch als Vermittler.

Er plant eine Dauerausstellung im Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald, möglicherweise im Rems-Murr-Kreis, und will den Verein „Waldglas im Schwäbischen Wald“ gründen. Ziel ist es, Wissen zu sammeln, Netzwerke zu stärken und Begeisterung weiterzugeben.

„Nachwuchs ist ein Thema“, sagt Denzler nachdenklich. „Wie bei den Briefmarkensammlern – man muss junge Leute für Geschichte begeistern.“

Dass diese Begeisterung weiterlebt, zeigt sich auch bei den Glassammlertagen, die nach längerer Pause wieder stattfinden – diesmal in Murrhardt, eröffnet von Bürgermeister Armin Mößner.

Denn das, was Marianne Hasenmayer einst im Acker fand, glänzt bis heute – nicht nur im Glas, sondern in den Augen derer, die hinschauen.

10. Süddeutsche Glassammlertage

Ausstellung und Börse
Der 10. Süddeutsche Glassammlertag ist am Samstag, 25. Oktober, von 14 bis 18 Uhr und am Sonntag, 26. Oktober, von 10 bis 14 Uhr geöffnet. 15 Ausstellerinnen und Aussteller aus Deutschland präsentieren ihre Schätze in der Festhalle Murrhardt, Helmut-Götz-Straße 3, bieten sie zum Kauf an und beantworten Fragen. Besucher können mitgebrachte antike Gläser unverbindlich begutachten lassen. Der Eintritt ist frei.