Rems-Murr-Kreis Warum das Remstal beim Tourismus-Marketing auf Künstliche Intelligenz setzt

, aktualisiert am 18.12.2025 - 17:21 Uhr
Vorbereitung ist alles: Ein Chat mit Lisa kann den Weg für einen Ausflug ins Remstal ebnen. Foto: Jan Potente

Ein ambitioniertes KI-Projekt bringt den Remstal-Tourismus landesweit an die Spitze. Der Chat mit den virtuellen Gastgebern steht und fällt aber mit dem hinterlegten Datensatz.

Rems-Murr: Sascha Schmierer (sas)

Naturbursche Noah hat neben einem zünftigen Vesper auch gute Tipps für Wanderausflüge und Mountainbike-Touren im virtuellen Rucksack. Kulturfreund Kai-Alexander weiß, was in den Museen und Galerien läuft. Weinexpertin Vera kann bei Genießern mit Charme und Fachkompetenz die Lust auf gute Tropfen aus dem Remstal wecken. Und Familienmensch Franzi hat von der Schorndorfer Forscherfabrik bis zur herzoglichen Kugelbahn in Stetten viele Empfehlungen parat, die nicht nur Eltern, sondern auch Kinder begeistern.

 

Wer das Wissen der vier neuen Ratgeber fürs Ausflugsziel Remstal anzapfen will, muss sich durch die Homepage des Marketingvereins Remstal-Tourismus klicken und per Computer-Mikrofon mit ihnen sprechen. Denn bei Naturbursche Noah, Kulturfreund Kai-Alexander, Weinexpertin Vera und Familien-Fachfrau Franzi handelt es sich nicht um Menschen aus Fleisch und Blut, sondern um virtuelle Beratungs-Avatare. Weihnachtsurlaub brauchen die rund um die Uhr verfügbaren digitalen Dienstleister ebensowenig wie einen Überstunden-Ausgleich. Und: Ein Monatsgehalt fällt bei Noah, Franzi, Vera und Kai-Alexander ebenfalls nicht an.

Urlaub fällt bei den digitalen Gastgebern ebenso wenig an wie ein Gehalt

Gesteuert von künstlicher Intelligenz und gefüttert aus einer Datenbank mit Detailfragen, sollen sie als digitale Gastgeber durch die touristische Welt des Remstals führen – und 24 Stunden am Tag, mehrsprachig und barriereararm alle Hürden für einen Ausflug aus dem Weg räumen.

Sogar eine schwäbische Sprachversion ist für die digitale Gastgeberin Remstal-Lisa und ihre vier Kollegen vorgesehen – mit ein Grund, weshalb die Führungsspitze des Vereins mächtig stolz auf den KI-Coup für den runderneuerten Internet-Auftritt ist.

„Mit unseren virtuellen Avataren läuten wir die Zukunft der touristischen Beratung ein. Lisa und ihre Avatar-Kollegen informieren und beraten 24/7, mehrsprachig, in Echtzeit“, schwärmt Weinstadts Oberbürgermeister Michael Scharmann als Vorsitzender des Tourismusvereins von der Eigenentwicklung. Und Geschäftsführer Werner Bader betont, dass es sich beim KI-gesteuerten Infoteam keineswegs um herkömmliche Chatbots, sondern um auch technisch innovative Charakterköpfe mit klar definierten Rollen und einem demnächst auch lippen-synchronen Auftritt handelt.

Erdacht und gemacht hat die KI-Plattform, die hinter der neuen Ära der digitalen Gästekommunikation steht, der Künstler und Mathematiker Bernd Bartolome. Mit seiner im Fellbacher Kunst-Werk ansässigen Stiftung hat der Mann, der in Schorndorf die weltweit erste KI-Skulptur geschaffen hat und der Stadt Winnenden eine mit künstlicher Intelligenz verfasste Geschichte vom treuen Mops bescherte, ein System geschaffen, das seiner Aussage nach weit über klassische digitale Assistenten hinausgeht. „Wir haben das geschafft, von dem andere nur reden“, sagt Bartolome, Jahrgang 1966.

Die Plattform ermöglicht digitale Beratung, die Planung und Unterstützung von Marketingkampagnen, die Optimierung von Verwaltungsabläufen sowie Text- und Bildgenerierung. Die gut 280 Partner des Tourismusvereins – Betriebe aus Weinbau, Gastronomie, Freizeit, Kultur und Handel sowie die Remstal-Kommunen – erhalten einen vergünstigten Zugang zu dem System.

Unterhaltung mit den virtuellen Charakterköpfen ist noch ein Zeitfresser

Exakt dieser Mehrwert könnte dem Remstal-Tourismus den Schub geben, den sich der Verein von der KI-Plattform erhofft. Die virtuellen Charaktere auf der Homepage sind ein innovatives Element, das das Marketing für Mitgliedskommunen und Betriebe zweifelsohne auf eine neue Stufe hebt – weil sich mit dem hinter Lisa und Kollegen steckenden System von der Abwicklung von Bauanfragen bis zum Hotel-Check-in auch noch ganz andere Funktionen umsetzen lassen.

Allerdings: Wer ein virtuelles Gespräch mit Noah, Vera, Franzi und Kai-Alexander beginnt, stellt schnell fest, dass eine Unterhaltung mit den digitalen Charakterköpfen einen beachtlichen Zeitfresser darstellen kann – und viele Informationen über das Remstal mit ein paar Mausklicks deutlich schneller abrufbar gewesen wären. Das liegt nicht zuletzt an der Tatsache, dass auch eine Künstliche Intelligenz nur das wissen kann, was in der Datenbank auch als Info hinterlegt und verfügbar ist.

Die Folge zeigt sich beispielsweise bei der Suche nach Restaurant-Experte Gero, der einem von seinen virtuellen Kollegen bereits als kompetenter Ansprechpartner in Gastro-Fragen ans Herz gelegt wird. Erreichbar ist er über die Chat-Funktion aber zumindest bisher nicht – weil sein KI-Training noch nicht abgeschlossen ist. Laut Bernd Bartolome wurde für Remstal-Tourismus eine ganze Reihe von Themen-Avataren entwickelt, die aber erst sukzessive aktiviert werden können. „Das ist kein Systemfehler, sondern eine Zeitfrage“, sagt der KI-Tüftler übers Freischalten zusätzlicher Funktionen.

Auch dass die Remstal-Werbung gerade bei der Gastronomie merklich an Grenzen stößt, liegt laut Bartolome nicht an der KI, sondern am verfügbaren Datensatz. Weil der Verein Remstal-Tourismus nur auf lokale Lokale hinweisen will, die auch in der Liste der Partnerbetriebe stehen, fällt die Auswahl für Besucher bescheiden aus. 

In Fellbach beispielsweise sind mit dem Waldschlössle, dem CBC, der Weinstube Moiakäfer, der Schmitte in Schmiden und dem Kellerbesen der Familie Schmieg in Oeffingen gerade mal fünf Lokale gelistet. In Waiblingen sind es immerhin sechs Standorte, in Schorndorf mit dem Kesselhaus und dem Lamm in Schornbach nur zwei Lokale. Just die Gasthaus-Tradition im Lamm ist inzwischen übrigens Geschichte – vom Datensatz unbemerkt hat die Wirtschaft ihren Betrieb eingestellt.

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