Ein Brief aus dem russischen Partnerlandkreis Dmitrow bringt selbst den sonst höchst sanftmütigen Waiblinger Landrat Richard Sigel in Rage. Nun werden die Beziehungen erst einmal auf Eis gelegt.
Die ungewohnte Schärfe im Ton des sonst eher auf Harmonie gepolten Rems-Murr-Landrats lässt aufhorchen. Nachdem Richard Sigel die Räte in der Sitzung des Kreistags in der Auenwaldhalle auf den neusten Stand der Ukraine-Flüchtlingshilfe gebracht hat, kommt er zu einem Schreiben aus dem russischen Partnerlandkreis Dmitrow. „Unerträglich zu lesen“ sei das, was sein Amtskollege da verfasst habe, mindestens aber „harter Tobak“, sagt Sigel.
Erster Brief am Einmarschtag der russischen Truppen
Es ist bereits das zweite Mal innerhalb weniger Wochen, dass sich der Leiter der rund 70 Kilometer nördlich von Moskau gelegenen Verwaltungseinheit, zu welcher der Rems-Murr-Kreis seit mehr als 30 Jahren freundschaftliche Beziehungen pflegt, an Richard Sigel gewandt hat. Schon das erste Mal ist das Schreiben bei dem Rems-Murr-Verwaltungschef nicht besonders gut angekommen, obgleich es eine Zusage für den Besuch einer russischen Delegation in Waiblingen enthielt, der für den Sommer avisiert war. Eingegangen aber war der Brief am 24. Februar – und damit just an jenem Tag, an dem russische Truppen schwer bewaffnet in der Ukraine einmarschiert waren.
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Richard Sigel hatte darauf zwar ausdrücklich mit Verwunderung über den Zeitpunkt geantwortet, aber dennoch höflich dankend diplomatische Etikette gewahrt. Allerdings: So wichtig ihm die partnerschaftlichen Beziehungen zu Russland seien, ob das Treffen im Sommer stattfinde, müsse von der weiteren Entwicklung in der Ukraine abhängig gemacht werden, so der Rems-Murr-Landrat vor fünfeinhalb Wochen.
Man wolle selbst die schnellste Beilegung des Konflikts, heißt es nun in der mit einiger Verzögerung abgesandten Replik aus Russland. Und: Der Waiblinger Landrat könne „in dieser Hinsicht eine unschätzbare Hilfe gewährleisten“, so das von I.I. Ponochevnyy unterzeichnete Papier. Wie? „Wenn Sie die aus den Massenmedien erhaltene Information vom Standpunkt der Logik und Vernunft wahrnehmen. Unterstützen Sie die Faschisten nicht in ihrer Propaganda, sonst wird sich die Nazi-Regierung in der Ukraine noch mehr Straffreiheit fühlen und weiterhin das Leben wehrloser Zivilisten für ihre eigenen Zwecke nutzen“, so der Leiter des Rayons, der rund 160 000 Einwohner umfasst.
„Nazi-Regierung in der Ukraine“
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Richard Sigel hat die Partnerschaft nun zumindest vorerst auf Eis gelegt. Ob oder wie es mit den freundschaftlichen Beziehungen zum Großraum Moskau weitergehen soll, damit werde man sich erst nach Beendigung des Konflikts mit der Ukraine auseinandersetzen. „Jetzt“, sagt Landrat Sigel, „werden wir erst einmal mit Funkstille reagieren.“