Rems-Murr-Landrat Richard Sigel „Riesige Welle über das gesamte Remstal“ verhindert

, aktualisiert am 06.06.2024 - 14:49 Uhr
Landrat Richard Sigel (hinten, Mitte) führt der Umweltministerin und der Regierungspräsidentin die Dramatik der Ereignisse bei Winterbach vor Augen. Foto: Gottfried Stoppel

Trotz zum Teil verheerender Schäden haben die Abläufe des Katastrophenschutzes nach Ansicht des Landrats Richard Sigel gut funktioniert. Ein Ereignis indes habe man nicht vorhersehen können.

Rems-Murr : Frank Rodenhausen (fro)

Drei Tage nach den verheerenden Ereignissen zieht der Rems-Murr-Landrat im Gespräch mit unserer Zeitung ein erstes Fazit.

 

Herr Sigel, mit drei Tagen Abstand – wie hat aus Ihrer Sicht der Katastrophenschutz funktioniert?

Ich denke, dass wir den Katastrophenschutz gut gemanagt haben. Dafür haben wir uns in der Vergangenheit auch kontinuierlich aufgestellt, und uns insbesondere nach der Katastrophe im Ahrtal intensiv vorbereitet, Szenarien durchgespielt, Abläufe trainiert. Das und unser neues Führungs- und Lagezentrum, das wir im Landratsamt neu eingerichtet haben, hat sich absolut ausgezahlt. Als sich in der zweiten Nacht in der Dimension und Geschwindigkeit völlig unerwartet eine Starkregenzelle entladen hat, sind auch erfahrene Einsatzkräfte, die innerhalb von Sekunden von Wassermassen umzingelt wurden und sich erst einmal selbst auf die Dächer ihrer Fahrzeuge retten mussten, kurzfristig buchstäblich ins Schwimmen geraten. Aber auch hier vor Ort in den betroffenen Gebieten hat die Koordination dank aller Einsatzkräfte schnell gut funktioniert.

Ist das blaue Auge, mit dem man sich am Montagmittag noch davongekommen wähnte, durch die spätere Nachricht zweier Todesopfer nicht dunkelblau geworden?

Die Folgen des nächtlichen Starkregenereignisses sind gravierend. Die riesigen Schäden, die im Wieslauftal und in anderen Bereichen entstanden sind, und erst recht zwei Todesopfer, sind ein Riesenunglück und eine Katastrophe. In Bezug auf das, was uns bei der extremen Hochwasserlage im Remstal drohte, sind wir allerdings vergleichsweise glimpflich davongekommen. Der Bürgermeister von Winterbach hat von Tausenden Schutzengeln gesprochen, hinzu ist insbesondere viel Steuerung und Einsatz der Verantwortlichen gekommen, dass sich nicht eine riesige Welle über das gesamte Remstal ergossen hat.

Ist am Sonntagabend nicht voreilig Entwarnung gegeben worden?

Nein, zum einen ist ja keine Entwarnung gegeben, sondern kommuniziert worden, dass wir die Hochwasserlage im Griff haben. Und darauf haben alle Fakten hingedeutet. Die Überlaufbecken im Remstal waren wieder geleert, eigentlich genug Retentionsräume vorhanden. Eine solche rasante Entwicklung eines partiellen Starkregens, wie wir sie dann erlebt haben, hat niemand erwarten können – und so etwas ist auch von keinem Wetterdienst prognostiziert worden. Ich bin der Meinung, dass wir faktenbasierte Katastrophenwarnungen machen müssen, statt die Menschen in Aufruhr zu versetzen, damit diese die Ansagen auch ernst nehmen. Und das haben wir gemacht.

Welche Hilfe benötigen Betroffene jetzt und wie kann man helfen?

Wer mit anpacken möchte, sollte dies am besten über seine persönlichen Netzwerke anbieten. Wir können etwa die Leute zurzeit nicht ins Wieslauftal schicken, weil dort noch zu viel an Aufräumarbeiten an den Zufahrtsstraßen erledigt werden muss. Darüber hinaus haben wir ein zentrales Spendenkonto eingerichtet, auf dem jeder Cent willkommen ist, um Betroffenen beim Verlust ihrer Sachwerte helfen zu können.

Was muss aus Ihrer Sicht getan werden, um in der Zukunft für solche Ereignisse noch besser gewappnet zu sein?

Auf Kurs bleiben. Katastrophenschutz ist eine Daueraufgabe, und ist und bleibt Top-Thema. Auf schlimme Ereignisse vorbereitet zu sein, ist zentral wichtig. Der bauliche Hochwasserschutz muss noch weiter vorangetrieben, die Genehmigungen müssen an einigen Stellen beschleunigt werden. Zudem halte ich es für eine hervorragende Idee, einen allgemeinen Fonds für Elementarschäden einzurichten, über den dann im Katastrophenfall schnell und unbürokratisch Gelder fließen könnten und nicht im Zweifelsfall die Kommunen das Land und das Land den Bund anbetteln muss.

Sie führen gerade einen Politiker nach dem anderen durch die Katastrophengebiete...

Ja, ich denke, das ist wichtig und berechtigt, damit der Politik der Ernst der Lage vor Augen geführt wird.

Welche Konsequenzen erhoffen Sie sich?

Im konkreten Fall, dass die finanzielle Hilfe für die Betroffenen schnell ankommt. Allgemein, dass die Politik das Thema Katastrophen- und Klimaschutz weiter ernst nimmt und priorisiert weiterverfolgt. Wir jedenfalls werden die jüngsten Ereignisse zum Anlass nehmen, um in beiden Bereichen weiter voranzutreiben und die Klimaschutzziele als Landkreisverwaltung bis 2030 zu realisieren.

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