Der Verkehrsdezernent des Rems-Murr-Kreises, Stefan Hein, spricht von einem Meilenstein: Der geplante Radschnellweg im Remstal nehme endlich Konturen an. „Die Linienfindung in Zusammenarbeit mit allen Städten und Gemeinden entlang der Strecke ist nun abgeschlossen“, heißt es in einer Pressemitteilung des Landratsamts. Nach mehreren Abstimmungsrunden mit den Verwaltungen der Anliegerkommunen sowie den jeweiligen Gemeinderäten stehe der Verlauf des Radschnellwegs nun fest. Der letzte nötige positive Gemeinderatsbeschluss sei in Weinstadt erfolgt. Das freilich entspricht noch nicht ganz der vollen Wahrheit, denn eine Kommune plant die Radlerautobahn in eigener Verantwortung – und hat ihre Linie noch nicht gefunden. Eine Bestandsaufnahme.
Was ist der Remstal-Radschnellweg?
Der geplante Radschnellweg mit der Bezeichnung RS 5 soll auf 22 Kilometern Länge im Remstal von Schorndorf über Winterbach, Remshalden, Weinstadt, Waiblingen und Kernen bis nach Fellbach verlaufen. Die Grundvoraussetzungen für einen Radschnellweg sind eine Mindestbreite von vier Metern und die exklusive Nutzung von Fahrradfahrern. Ein Radschnellweg sollte außerdem kreuzungsfrei sein, eine Beleuchtung haben und im Winter geräumt werden.
Was kostet der Radweg und wer bezahlt ihn?
Insgesamt werden die Kosten für die Verbindung derzeit auf 32 Millionen Euro geschätzt. Für den Abschnitt Fellbach – Weinstadt trägt das Land die Baulast und damit auch die Planungs- und Baukosten. Für diesen Abschnitt ist das erwartete Potenzial am höchsten. Die Baulast im Abschnitt Weinstadt – Schorndorf liegt beim Landkreis. Für Fellbach ist die Stadt selbst zuständig. Die Fördermöglichkeiten sind aber in allen Bereichen attraktiv: Wie für die Planung können auch für den Bau bis zu 87,5 Prozent der Kosten durch Fördergelder von Bund und Land abgedeckt werden.
Wer soll darauf fahren?
Laut einer Machbarkeitsstudie, die vor fünf Jahren in Auftrag gegeben wurde, wird mit 2800 Radfahrenden in 24 Stunden gerechnet. Im Bereich Waiblingen und Fellbach werden Nutzerzahlen von bis zu 4000 Radfahrern pro 24 Stunden prognostiziert. Man geht von einem Großteil von Arbeitspendlern aus.
Warum ist für Fellbach noch keine Linienführung festgelegt?
In Fellbach sind mehrere Varianten untersucht worden, letztlich sind zwei mögliche Routen übrig geblieben. Sie sollen laut einer Stadtsprecherin „wenn es optimal läuft“ noch vor der Sommerpause, spätestens aber danach im Gemeinderat eingebracht werden. Eine passende Route zu finden, sei in Fellbach schwierig, weil drei Kilometer mitten durch die Innenstadt geführt werden müssten und eine vier Meter breite Schneise nur zulasten anderer Verkehrsteilnehmer oder von Grünanlagen angelegt werden könne. „Wir brauchen stadtverträgliche Kriterien“, sagt die Stadtsprecherin. Da das Projekt im Gemeinderat umstritten ist, könnte auch beschlossen werden, auf den Schnellweg zu verzichten und stattdessen das bestehende Radwegenetz zu verbessern.
Ist Fellbach der einzige Unsicherheitsfaktor?
Die Stadt Weinstadt hat ihre Entscheidung zur Linienführung mit einer Ausstiegsklausel versehen. Massiven Protest gibt es zurzeit vor allem von Einzelhändlern aus Endersbach. Sie rechnen mit einer erheblichen Beeinträchtigung für den Autoverkehr – und damit für ihre Kundschaft.
Wie soll es insgesamt weitergehen?
Nun sollen die Bürger die Möglichkeit erhalten, sich über das Ergebnis der Linienfindung zu informieren und Anregungen einzubringen. Der Kreis will im Internet ein digitales Meldeportal freischalten, das sich bereits bei der Beteiligung zum Radwegenetz des Rems-Murr-Kreises bewährt habe. Über eine interaktive Karte könnten die Planungen zu den einzelnen Streckenabschnitten ein- und ganz einfach mit Kommentaren versehen werden. Diese würden im Nachgang ausgewertet und im Zuge der weiteren Entwurfsplanung berücksichtigt, die noch in diesem Jahr angegangen werden soll. Ergänzend ist angedacht, dass im Rahmen von Präsenz-Veranstaltungen die Möglichkeit zum persönlichen Austausch und Gespräch mit den Fahrradexperten des Landkreises geboten wird, so etwa beim Radsonntag am 3. Juli in Winnenden. Bis zur baulichen Umsetzung wird dann noch einige Zeit vergehen. Das Landratsamt strebt für den ersten Abschnitt das Jahr 2025 an.
Gibt es weitere konkrete Radschnellweg-Projekte im Kreis?
Der Rems-Murr-Kreis hat als einer der Ersten im Land bereits 2017 zwei Förderanträge für Machbarkeitsstudien eingereicht. Außer für den RS 5 wurde auch für den RS 8 das für eine Radschnellverbindung geforderte Potenzial nachgewiesen, nämlich mehr als 2500 Radler pro Tag. Letzterer soll auf 14,6 Kilometern von Waiblingen über Remseck am Neckar nach Ludwigsburg führen. Laut dem Landratsamt stehe auch hier die Linienfindung vor einem erfolgreichen Abschluss. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt des Rems-Murr-Kreises mit dem Landkreis Ludwigsburg, der Stadt Ludwigsburg, der Stadt Waiblingen und der Stadt Remseck am Neckar. Die Landkreise und Städte werden die Abschnitte in ihrer Zuständigkeit eigenständig planen. Auch hier werden die Planungskosten des Rems-Murr-Kreises zu 87,5 Prozent gefördert. Die Gesamtkosten werden bei dieser Verbindung aktuell auf rund 31 Millionen Euro geschätzt. Hier könnte die Umsetzung schneller gehen als beim RS 5. Die Planungspartner wollen bereits im kommenden Jahr die Bagger anrollen lassen.
Ist sonst noch etwas angedacht? Der dritte geplante Radschnellweg soll von Backnang über Winnenden nach Waiblingen führen und dort an die geplante Radschnellverbindung Schorndorf – Fellbach anschließen. Dafür gibt es bereits jetzt eine Fördermittelzusage einer Machbarkeitsstudie. Die Ausschreibung und Vergabe der Machbarkeitsstudie soll noch in diesem Jahr erfolgen. Ob auch dieser Weg realisiert wird, hängt vom Ergebnis ab, insbesondere von der geschätzten Nutzung.
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