Remstal-Winzer für ein Jahr Meditatives Erlebnis in der grünen Hölle

Wo jetzt genau? Und wie genau? Learning by doing in Strümpfelbach. Foto: Gottfried Stoppel

Beim Heften und Einschlingen steht für die Kursteilnehmer des Weinbau-Lehrgangs in Strümpfelbach schweißtreibende Handarbeit auf dem Programm – zumindest bis man den Bogen richtig raus hat.

Rems-Murr: Sascha Schmierer (sas)

Was haben Geiztrieb, Wasserschoss und Fruchtrute gemeinsam? Sie alle können aus einem Rebhang im Frühsommer eine grüne Hölle machen – und die Wengerter gehörig ins Schwitzen bringen. Denn spätestens nach der Traubenblüte zeigt sich die botanische Verwandtschaft zwischen Weinrebe und Urwald-Liane. Die noch vor wenigen Wochen nur mit ein paar kleinen Blättchen besäumten Triebe sind in Rekordzeit in die Höhe geschossen, das Wachstum der Pflanzen kennt im Juni schier keine Grenze – ob nun in flachen Lagen oder im Steilhang mit Steigungen noch jenseits der 50-Prozent-Marke.

 

Beim von der Volkshochschule Unteres Remstal veranstalteten Weinbau-Seminar mit Weinmacher Claus Mannschreck und seiner Frau Martina wünscht sich manch ein Teilnehmer deshalb eine Heckenschere herbei. Heften und Einschlingen steht hoch über dem Weinstädter Teilort Strümpfelbach auf dem Programm, die mit Vorliebe kreuz und quer wachsenden Triebe müssen sorgsam ins Drahtgeflecht eingefädelt werden.

„Mein Respekt wächst von Rebe zu Rebe“, stöhnt ein Kursteilnehmer

Das ist Handarbeit und schweißtreibend dazu, auch wenn das Thermometer jetzt am Abend nur noch bei erträglichen 25 Grad Celsius steht. Dennoch denkt manch einer der weinbautechnischen Frischlinge mit Schrecken daran, sich bei hektargroßen Weinbergen womöglich ganztags die Sonne aufs Hirn brennen lassen zu müssen. „Mein Respekt wächst von Rebe zu Rebe“, stöhnt ein Kursteilnehmer, als er mit seiner Reihe fertig ist – und die Ausputzarbeit nach dem Wechsel in die nächste Rebzeile wieder von vorn beginnt. Den wunderschönen Ausblick, das beginnen die nicht nur von Rems und Murr, sondern auch vom Rand der Ostalb oder aus dem Landkreis Ludwigsburg zum Lehrgang ins Remstal gereisten Wengerter-Novizen zu ahnen, können die Erzeuger im Arbeitsalltag nur allzu selten genießen.

Wengerter Claus Mannschreck ist als Kursleiter seiner Devise vom „Einfach mal machen lassen“ treu geblieben: Ohne den Start mit allzu viel Theorie zu überfrachten hat er die Kursteilnehmer in die Rebzeilen geschickt, in Strümpfelbach ist „learning by doing“ angesagt. Die Erklärungen gibt es erst nach und nach, wenn die Weinbau-Novizen sich mit der Materie ein wenig vertraut gemacht haben. Tatsächlich fällt mit der Zeit auf, dass der Lemberger deutlich üppiger ausgebildete Geiztriebe entwickelt als der Regent im Nachbarweinberg. Und nicht zu übersehen ist auch, dass bei den aus dem Stämmchen wachsenden Wasserschossen oft schon ein leichter Fingerdruck genügt, um sie brechen zu lassen – die Rebe ist offenbar schlau genug, Frucht tragende Triebe mit mehr Widerstandskraft auszustatten als die letztlich unerwünschten Emporkömmlinge.

Nur bei einer ordentlichen Laubwand kommt der Schlepper beim Spritzen durch

Wichtig ist die Arbeit an der Laubwand, um für die im Juni und Juli wichtigen Spritztouren gegen die Pilzkrankheiten Mehltau und Peronospora halbwegs ordentlich in die Höhe wachsende Triebe vorzubereiten. Bei kreuz und quer hängenden Fruchtruten kommt der Schlepper nicht ungestreift durch die Fahrgassen, bei nestartig geballten Trieben ist eine ungehinderte Verbreitung der Sporen quasi vorprogrammiert. Luftig leicht soll die Laubwand sein, damit beim Pflanzenschutz die Blätter überhaupt durch die Präparate benetzt werden können – und die Rebe auch nach einem Regenguss möglichst schnell wieder abtrocknen kann.

Bei der Frage, wie sorgsam die Weinbau-Frischlinge mit den wuchernden Trieben umgehen sollten ist der Strümpfelbacher Wengerter übrigens erstaunlich entspannt. „Ab und zu bricht einer ab, das ist halt so“, sagt Claus Mannschreck schulterzuckend. Bemerkenswert ist das schon deshalb, weil die Frostnächte im April das erst 2019 gegründete Weingut schwer gebeutelt haben. Den unter den Gefrierpunkt gerutschten Temperaturen ist ein guter Teil der erhofften Ernte zum Opfer gefallen, der Wengerter schätzt die zu erwartenden Einbußen auf gut die Hälfte des Normalertrags.

Eine Versicherung gegen die Frostschäden haben die wenigsten Erzeuger

Das tut schon deshalb weh, weil die Arbeit im Weinberg trotz geschrumpfter Menge gleich bleibt. Heften und Einschlingen ist bei den frostgeschädigten Rebhängen ebenso wichtig bei den von der Kälte verschonten Anlagen, auch auf den Pflanzenschutz können die Wengerter nicht verzichten. Noch größer ist das Problem mit dem Frost nur für Erzeuger, die bei der Vermarktung auf den Einzelhandel setzen. Wer die geforderten Mengen nicht liefern kann, schaut nicht nur finanziell in die Röhre. Er läuft auch Gefahr, mit seinem Produkt dauerhaft aus dem Regal zu fliegen. Aufräumen lässt sich auch mit einem durchaus relevanten Missverständnis: Wegen der hohen Prämienzahlungen haben nicht die meisten, sondern die wenigsten vom Weinbau lebenden Erzeuger eine Versicherung gegen Frost abgeschlossen – von den im Nebenerwerb arbeitenden Feierabendwengertern ganz zu schweigen.

Doch zurück zur Laubarbeit. Wer beim Heften und Einschlingen den Bogen raus hat, darf sich auf eine fast schon meditative Tätigkeit freuen. Rebe um Rebe geht es den Berg entlang, die von den allermeisten Zeitgenossen wohl gar nicht als in voller Blüte stehend erkannten Pflanzen verströmen am Abend einen fast schon betörenden Duft. Kaum ein Kursteilnehmer merkt nach den drei Stunden, wie schnell die Zeit verflogen ist. Eine schönere Erkenntnis lässt sich wohl selten über ein Hobby haben.

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