René Pollesch im Stuttgarter Schauspielhaus Tanz der Anführungszeichen

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Im Stuttgarter Schauspielhaus zeigt René Pollesch sein neuestes Diskurs-Stück „Was hält uns zusammen wie ein Ball die Spieler einer Fußballmannschaft?“. Die überhitzte Partie dauert keine neunzig Minuten, ist aber trotzdem ermüdend.

Im Seminar der Oberschlauen (von links): Julischka Eichel, Astrid Meyerfeldt und der Chor der jungen Frauen Foto: Thomas Aurin
Im Seminar der Oberschlauen (von links): Julischka Eichel, Astrid Meyerfeldt und der Chor der jungen Frauen Foto: Thomas Aurin

Stuttgart - Pollesch-Inszenierungen folgen der Dramaturgie eines Kindergeburtstags: Bevor sie langweilig werden, hören sie auf – und keiner der Festgäste findet beim Kehraus einen Grund zum Quengeln und Nörgeln. Das hat die Arbeiten des Regisseurs, der sein eigener Autor ist, über die Jahre kurz und kürzer werden lassen. Auch im Schauspielhaus ist jetzt bereits nach 75 Minuten Schluss. Trotzdem lässt sich hier – jenseits der Dauer – die Ausnahme von der Regel besichtigen, denn selbst 75 Minuten können lang und länger werden, wenn den Theoriespaßmachern auf der Bühne schon zuvor der Saft ausgeht und sie ihre Texte in die Endlosschleife jagen müssen, um wenigstens die Kurzstrecke zu überstehen. Polleschs jüngstes Stück: schwach wie kaum eines zuvor, das er in den vergangenen fünfzehn Jahren in Stuttgart gezeigt hat.

Zum Ausgleich der fehlenden Substanz hat er immerhin einen genialen Titel für sein Werk gefunden: „Was hält uns zusammen wie ein Ball die Spieler einer Fußballmannschaft?“ heißt das wie immer jede lineare Handlung verweigernde Diskurstheater, das sich auf die Suche nach dem einigenden Band der Menschheit machen will – wobei dieses Band, wie dem Publikum unzählige Male um die Ohren gehaunen wird, meistens ein MacGuffin ist. Der Begriff, einst geprägt von Alfred Hitchcock, bezeichnet einen Gegenstand, „der die Handlung eines Films vorantreibt, aber selbst vage und bedeutungslos sein muss“, wie einer der aufgedrehten Spieler erklärt, ein „Nichts mit irrsinniger Wirkung“, wie ein anderer, gleichfalls übertourter Mitspieler als Merksatz nachschiebt. Man merkt dabei aber auch noch etwas anderes: Pollesch bildet – und er bildet sogar ab und lässt in seinem Anschauungsunterricht den eigenen MacGuffin auftreten.

Wer ist hier am Grapschen?

Mehrmals fährt von der Bühnendecke ein meterlanges, mit samtrotem Stoff überzogenes Ding herab, das alle Kriterien des Nichts erfüllt. Bedeutungslos, aber mit irrsinniger Wirkung lagert das mal als Zunge, mal als Couch definierte Etwas in der Raummitte, bevor es ungenutzt wieder in die Höhe steigt. Freilich ist auch die wieder Couch-Zungen-freie Bühne von Janina Audick nichts als ein einziger MacGuffin. Zwei Tribünen beiderseits einer aufgefalteten Wand ergeben ein sinnfreies Arrangement, das von einer Sitzbank belebt wird, die aus einer präkolumbischen Maske herausgezimmert ist und auf Rollen durch den Raum geschoben wird – ein unansehnliches Setting, dem Pollesch den ersten Witz des Abends verdankt. Zum Show-Auftakt lässt er seinen fünfzehnköpfigen Chor junger Frauen deklamieren, was sich Audick dabei gedacht hat: „Janina meinte, das ist Pussy grabs back. So als Trump-Kommentar“ – und natürlich ist es das Gegenteil, ein hämischer Kommentar des Regisseurs zum Theater jener Kollegen, die nach Empörung grapschen, vorgetragen mit schaler Ironie.

Von Trump und Weinstein zu MacGuffin, von der Popmusik der achtziger Jahre zu Hollywoodfilmen aus allen Jahrzehnten, die sich Pollesch reinzieht wie Nikotin und Koffein – das Stück mäandert von Thema zu Thema, bringt kühne Verknüpfungen hervor, stellt steile Thesen auf und verrutscht dabei in eine oberschlaue Selbstzufriedenheit. Polleschs Gestus dabei: Hört, was ich euch zu lehren habe! Sensationelles, Revolutionäres, Unerhörtes! Drunter macht er es nicht, wobei seine Haltung umso überheblicher wirkt, je weniger man als Zuschauer die Plausibilität der behaupteten Zusammenhänge erkennt. Kapiert man einen Gedanken aber doch, erweist er sich als banal – und prompt entlarvt sich das Diskurstheater, das sich im vorliegenden Fall auf die Soziologen Diedrich Diederichsen und Bruno Latour stützt, als Bluff.

Ein Beispiel: Pollesch nimmt das aus dem Weltall geschossene, 1968 veröffentlichte und zur Ikone gewordene Bild von der Erde als Blauem Planeten zum Ausgangspunkt eines seiner Thesentrips. Die Expansion nach außen sei damals zu einem Ende gekommen, die Expansion nach innen habe begonnen. Statt die Welt zu verändern, habe sich der Mensch fortan damit beschäftigt, sich selbst zu verändern. Er reiste in die eigene Seele, mit Selbsterfahrung, Meditation, Yoga und all dem Kram, was Pollesch mit Hinweisen auf den Louis-Malle-Film „Mein Essen mit André“ ausführlich erörtert. Und ja, es stimmt: Die Innerlichkeit hat zur Entpolitisierung geführt, wie Pollesch sinngemäß feststellt. Aber es stimmt eben nicht, dass diese Erkenntnis brandneu ist, wie auf der Stuttgarter Bühne suggeriert wird, wenn die Seelenschau der vergangenen Jahrzehnte wichtigtuerisch einer Kritik unterzogen wird, wie sie – auch das wird suggeriert – in dieser Radikalität niemals zuvor formuliert worden sei. „Scheiß Hippie-Kultur“, brüllt der Schauspieler Christian Czeremnych.

Schlecht kaschierte Dressurakte

Aber da kann sich das Gedächtnis auch irren. Es könnte gerade auch jemand anders am Brüllen gewesen sein aus der Fünferkette der Ensemble-Spieler, die sich gemeinsam mit dem Frauenchor durch das Nichtfußball-Stück kämpfen. Die Dialoge sind mit der Gießkanne über die Akteure verteilt, jeder spricht alles, Charaktere gibt es nicht. Es ist wie immer bei Pollesch – und wie immer hat er seine Mannschaft auf ein druckvolles Pressing verpflichtet, weshalb das Tempo der Veranstaltung enorm ist.

Woran es aber hapert, ist die Wucht der Sätze. Neben Czeremnych stehen Christian Schneeweiß, Julischka Eichel, Abak Safaei-Rad und Astrid Meyerfeldt auf der Bühne – und nur sie, Meyerfeldt, hat den aberwitzigen Pollesch-Sprech drauf, der wie selbstverständlich aus einer im Körper versenkten Maschine aufzusteigen scheint und durch das Mundwerk nach außen explodiert. Meyerfeldt lässt sich von den Sätzen in tollste Hysterien treiben. Doch so weit sind die anderen Spieler nicht. Sie können den Dressurakt, den ihnen der Pollesch-Sprech abverlangt, noch nicht kaschieren.

Der Chor aber ist schon in Bestform. Er redet nicht nur verständlich, sondern tanzt auch vorzüglich immer dann, wenn die Regie dem Publikum eine Feuerpause gönnt. In diesen Momenten hält der Diskurs inne – und aus dem Off ertönt euphorisierender Pop, Soul und Jazz, der die Frauen zu hübschen Choreografien verführt. Und weil es von „Pussy grab“ zu „Pussycat“, von der Muschi zur Mieze nicht weit ist, sehen die jungen Damen mit ihren schwarzen Stiefeln, Strümpfen, Röcken wie Schmusekatzen in der Nacht aus. Aber natürlich dürfen sich die Pollesch-Cats den munteren Musicalnummern nicht ohne Anführungszeichen hingeben, weshalb die Ironie in den rudernden Armen, den zuckenden Beinen, den sich wiegenden Köpfen immer mitschwingt. So viel Distanz muss in einem Stück von René Pollesch schon sein. Er will sich und seiner Masche ja nicht untreu werden, weshalb er auch seine Selbsterstarrung als Subversiv-Denkmal in Kauf zu nehmen scheint.

Wobei: Dass in Stuttgart auch Anführungszeichen getanzt werden, stört die Freude am Entertainment nicht im Geringsten. An diesem Abend ist es der Chor, der uns 75 Minuten zusammenhält wie ein Ball die Spieler einer Fußballmannschaft.