René Sydow klärt im Renitenztheater auf Der Unterschied zwischen Wissen und Bildung

Von Cornelius Oettle 

Die Zeit der großen Kabarettisten ist vorbei? Wer das beklagt, der kennt René Sydow nicht. Mit seinem Programm „Die Bürde des weisen Mannes“ beweist er das Gegenteil.

Ihm gelingt ein Plädoyer für echte Bildung mit moralischer Komponente: René Sydow Foto: Steffen Baranski
Ihm gelingt ein Plädoyer für echte Bildung mit moralischer Komponente: René Sydow Foto: Steffen Baranski

Stuttgart - „Zwei Stunden Kabarett“, sagt René Sydow zu Beginn, dann sei’s auch wirklich vorbei. Er hält Wort. Dem Applaus zufolge, den er am Samstag im Renitenztheater nach der Premiere seines neuen Programms „Die Bürde des weisen Mannes“ erhielt, hätten es wohl gerne fünf Stunden werden können.

Und das, obwohl Bildung das zentrale Thema dieses Programms ist. Der 37-Jährige weiß aber erfreulicherweise, dass Bildung eben nicht nur Angelegenheit der Schule sein kann, sondern politische, ökonomische und kulturelle Aspekte hat. So stellt er Fragen zu alten Religionen, neuen Technologien und sich wiederholender Geschichte: Der verstorbene FPÖ-Politiker Jörg Haider etwa initiierte 1992 ein Volksbegehren namens „Österreich zuerst!“. 25 Jahre später wird man mit ähnlich plump geartetem Nationalismus US-Präsident. „Nehmen Sie noch einen aufgeplatzten Staubsaugerbeutel als Frisur dazu“, so Sydow.

Er unterhält sich mit dem Teufel

Theatralische Elemente bietet der Abend ebenfalls. Einmal unterhält sich der Kabarettist mit dem Teufel, der daran erinnert, dass die meisten Kriege nicht seinetwegen, sondern im Namen seines Gegenspielers, im Namen Gottes geführt wurden und werden. Zuvor schlüpft Sydow in die Rolle seines durchoptimierten Nachbarn, ein Karrierist, der sich mittels Fitness-Tracker überwachen und Algorithmen sein Leben bestimmen lässt: „Die Welt besteht bald nur noch aus Einsen und Nullen. Fragen Sie sich, was Sie sein wollen, Herr Sydow!“

Zwischen vielen klugen, geschliffen zum Vortrage gebrachten Analysen blitzt immer wieder Sydows Hang zu Kalauern und Wortspielen auf: „Wenn der Schoßhund auf dem Schoß liegt, wo liegt dann der Schäferhund?“ Lacht das Publikum, und das tut es häufig, entschuldigt er sich mit beruhigenden Gesten. Mit dieser Mischung gelingt ein so unterhaltsames wie überzeugendes Plädoyer für echte Bildung mit moralischer Komponente und wider bloßes Wissen respektive das Wissen-wo’s-steht, welches letztlich nur kapitalismustaugliche Arbeitskräfte hervorbringe: „Wenn Sie Wissen anhäufen, dann können Sie eine Steuererklärung machen. Wenn Sie gebildet sind, können Sie dabei bescheißen.“

Per se ist „Die Bürde des weisen Mannes“ ein herausragendes Politkabarettprogramm, weil sich zu rhetorischer Brillanz nicht nur Kenntnis, sondern auch wahrnehmbare Leidenschaft gesellt, die es mitunter selbst abgehärteten Zynikern verwehrt, den festen Glauben an die Notwendigkeit der Selbstzerstörung der Menschheit aufrechtzuerhalten. Falls die Altvorderen unter den Kabarettgängern mal wieder beklagen, die Zeit der großen Kabarettisten sei vorbei - René Sydow beweist das Gegenteil.