Renaturierung in Fellbach Endlos-Projekt erreicht das Neckarufer

Von Harald Beck 

Im Weidachtal plätschert künftig ein kleiner Bach gen Neckar. Das neue Biotop ist ein kleiner Teil der Ausgleichsmaßnahmen für den seit 1992 befahrbaren Kappelbergtunnel. Unter anderem Probleme beim nötigen Grunderwerb haben die Realisierung verzögert.

Knapp 30 Jahre nach dem Kappelbergtunnel werden auch die dafür angeordneten  Ausgleichsmaßnahmen fertig. Foto: Patricia Sigerist
Knapp 30 Jahre nach dem Kappelbergtunnel werden auch die dafür angeordneten Ausgleichsmaßnahmen fertig. Foto: Patricia Sigerist

Fellbach - Das Gesamtprojekt Renaturierung hat sich ziemlich in die Länge gezogen. Im Oeffinger Weidachtal unterhalb der ehemaligen Kläranlage entsteht derzeit der vorläufig letzte Schritt der seit Jahrzehnten andauernden Neugestaltung des einst multipel genutzten Täles hin zum Neckar. Im unteren Bereich wird ein neues Biotop angelegt, so berichtet die Stadtverwaltung und damit neuer Lebensraum für Insekten und Amphibien.

Dazu wurden die Wiesenflächen aufgewertet und drei kleine Teiche als sogenannte Stillwasserbiotope geschaffen. Ihr Wasser bekommen sie aus dem Ruckgraben. Damit im Oeffinger Weidachtal wieder richtig Wasser plätschert, musste die Rohrleitung verändert und ein kleiner, in Windungen natürlich anmutender Bachlauf geschaffen werden.

Winterwetter sorgt für Stillstand

Die Erdarbeiten für diese jüngste Etappe der Weidachtalgestaltung haben bereits Mitte Januar dieses Jahres begonnen. Rund 1800 Kubikmeter Erde mussten bewegt werden, um Platz für die drei kleinen Gewässer zu schaffen sowie Wälle, Dämme und Mulden zu modellieren. Zunächst sorgte dann das nasse Winterwetter für eine Arbeitspause. Die durch Dauerregen aufgeweichte Erde machte den Einsatz schwerer Baumaschinen unmöglich. Dem wetterbedingten Stillstand folgte schließlich auch noch ein krankheitsbedingter. Wegen der Corona-Pandemie musste die Baustelle dann zeitweise komplett ruhen. Die Erdarbeiten konnten laut dem Bericht der Stadt aus diesen Gründen erst im Laufe des Sommers fertiggestellt werden. Die Pflanzungen für das neue Biotop im unteren Weidachtal verzögerten sich denn auch entsprechend.

Nun seien die Arbeiten auf der Zielgeraden, berichten die Renaturierer. Die Baustelleneinrichtungen sind weitgehend abgebaut. Nur noch ein Absperrband trennt aus Sicherheitsgründen und um ein ungehindertes Wachstum zu gewährleisten die Biotopfläche vom Weg hinab zum Neckar. Bei niedrigem Wasserstand werden nur die Unterwasserpflanzen gesetzt. Ist dies abgeschlossen, werden die Teiche fertig befüllt. Für den September ist dann noch die Pflanzung von Röhricht und Hochstauden vorgesehen. Im Oktober folgt die Pflanzung von Büschen und Gehölzen. Ebenfalls angelegt wurde ein kleiner Aussichtspunkt mit Sitzbank. Von hier aus, so die Idee für Naturliebhaber, kann später das „Naturleben“ im gesamten Biotop beobachtet werden.

Die Verzögerungen bei der Renaturierung dieses unteren Talabschnittes sind im bereits einige Jahre andauernden Gesamtprojekt Weidachtal nicht die ersten. Denn der Anlass für die Arbeiten an dem kleinen „Naturparadies“ ist bereits einige Jahre her: In den 1980er Jahren wurden beim Bau des Kappelbergtunnels verschiedene Ausgleichsmaßnahmen für den Neubau der Bundesstraße vereinbart. Im Zuge der Flächenprüfungen wurde auch das Gebiet unterhalb der ehemaligen Kläranlage im Weidachtal als Ausgleichsfläche ausgewiesen.

Der Kappelbergtunnel selbst ist als Teil der neuen B 14 bereits im Jahr 1992 für den Verkehr freigegeben worden. Die genannten Ausgleichsmaßnahmen waren bereits im 1986 abgeschlossenen Planfeststellungsverfahren festgeschrieben worden. „Sie konnten freilich nur zum Teil umgesetzt werden“, erinnerte sich im Jahr 2012 Gundis Steinmetz, die damalige Umweltbeauftragte der Stadt Fellbach, bei einer Sitzung des Bauausschusses damals. In einigen Fällen habe der zur Umsetzung der anvisierten Maßnahmen erforderliche Grunderwerb nicht getätigt werden können, – so hieß es damals. Zweifel des Stuttgarter Regierungspräsidiums am ökologischen Gehalt des Projekts taten ein Übriges.

Zusammen mit dem 13 Hektar großen, weitgehend rekultivierten Oeffinger Steinbruch sollte dort trotzdem nach und nach entsprechend der Pläne des Landschaftsarchitekten Hermann Eisele ein attraktives Erholungsgebiet, eine echte Oase der Natur, geschaffen werden. „Klein- und Kleinstquellen sollen im Weidachtal erschlossen und mit einem Aufkommen von bis zu 15 Liter Wasser in der Sekunde wieder einen sichtbaren Bachlauf bilden“, hieß es erläuternd schon damals dazu.

Die Kläranlage wird aufgegeben

Schon in den 1990er Jahren war außerdem im mittleren Bereich des Weidachtals das Klärwerk für die Abwässer aus Schmiden und Oeffingen in die Jahre gekommen. Mit dem anno 2000 vollendeten Bau eines Kanals unter dem Neckar hindurch zum Klärwerk Mühlhausen samt Übergabepumpwerk wurde es komplett obsolet. Zuletzt dienten dort die auffallend rot bemalten Überbleibsel als mythisch anmutende Kulisse für vielerlei Kulturveranstaltungen während der Remstal-Gartenschau im vergangenen Jahr. Die Stadt hatte sich den Anschluss der Abwasserleitungen aus den nördlichen Stadtteilen ans Hauptklärwerk Mühlhausen knapp neun Millionen Euro kosten lassen.

Ganz oben im Weidachtal hatte die Renaturierung des intensiv genutzten Stücks Natur mit dem Areal des einstigen Steinbruchs begonnen. 12,5 Hektar groß ist dieses Gelände, für das 1997 die Firma Karl Epple die Genehmigung zum Auffüllen mit 210 000 Kubikmetern Bauschutt und Erde beantragt hat. Es brauchte, so lauten die Berichte der Fellbacher Zeitung von damals, drei Anläufe und einen Widerspruch gegen einen Gemeinderatsbeschluss durch den damaligen Oberbürgermeister Friedrich-Wilhelm Kiel, bis man sich auf einen Vertrag einigte. Nach den ebenfalls von Architekt Eisele stammenden Plänen wurden dort bis zu 100 Meter hoch Bauschutt und Erde aufgeschüttet. Dafür hat Oeffingen am Rande des Weidachtals einen kleinen Berg bekommen, von dem aus, so schwärmten damals die Landschaftsgestalter, „Besucher einen herrlichen Ausblick über das Neckartal und hinüber zum Kappelberg haben“.




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