Renningen Ein Urgestein des Punk sammelt Ammoniten

Von Florian Heide 

Oliver Schmidt ist jahrelang in der Szene unterwegs gewesen, kreiert Schallplatten-Cover für Musiker und ist ein anerkannter Experte für Muschelkalk-Versteinerungen. Ein Besuch in seinem Eigenheim, in dem er ziemlich bürgerlich lebt.

Oliver Schmidt steht zu seiner Vergangenheit als Punk und hat schon 3000 Versteinerungen gesammelt. Foto: factum/Granville
Oliver Schmidt steht zu seiner Vergangenheit als Punk und hat schon 3000 Versteinerungen gesammelt. Foto: factum/Granville

Renningen - Auf den Kommoden neben dem Schlangenterrarium liegen Tierschädel, unzählige CDs sind in den Regalen verstaut, dazwischen das gemalte Kinderbild einer schlafenden Katze. „Charismatisch“: das Wort fällt einem ein, wenn man das alte Haus betritt und durch die verwinkelten Gänge ins Wohnzimmer gelangt. Der Hausherr selbst ist schwarz gekleidet, an beiden Armen tätowiert, hat auffällige Piercings im Gesicht – seinen Kopf ziert eine schwarze Baseball-Kappe mit der Aufschrift „Viet nam“, darüber ein roter Stern eingenäht.

Oliver Schmidt ist Punk seit seinen frühen Jugendtagen, war viel unterwegs und ein bekannter Szene-Mensch. Heute lebt er mit seiner Partnerin und Tochter zurückgezogen in seinem Haus in Renningen, verlegt und verkauft Schallplatten. Und er sammelt Muschelkalk-Versteinerungen.

Punk-Karriere mit 14 Jahren begonnen

Seine Karriere als Punk begann im Alter von 14 Jahren, klassisch mit Nietenjacke und Irokesenschnitt. Anfänglich ging es ihm dabei darum, „einfach anders zu sein“, politische Motive waren damals noch nebensächlich. Einfacher wurde sein Leben durch Punkrock nicht: „Ich hatte die Wahl, mir die Haare abzuschneiden und so für den Schüleraustausch zugelassen zu werden, oder zuhause zu bleiben. Ich bin geblieben.“

Seine Schullaufbahn beendete er dennoch, verließ das Gymnasium nach der 13. Klasse und zog durchs Land. Über Bremen kam Schmid nach Frankfurt am Main, wo er den Zivildienst in einem Pflegeheim absolvierte, danach trieb es ihn nach Berlin. Ein dreiviertel Jahr war der Punker dort, verbrachte seine Tage mit Szene-Leuten.

Die unzähligen besetzten Häuser und die vielen alternativen Lebensmodelle waren politisch für ihn eine starke Inspiration. Kurz vor dem Mauerfall 1989 kehrte Schmidt zurück nach Stuttgart, wollte alte Bekannte besuchen. Er ist geblieben. Seine damalige Partnerin arbeitete in einem Betrieb für Offset-Reproduktionen, durch ihn bekam sie zusätzliche Aufträge aus der Punkrock-Musikszene.

Im Jahr 1990 machten sich die beiden selbstständig, betrieben gemeinsam ein Unternehmen für Druckvorlagen. Die Spezialisierung lag auf Schallplattencovern für Punkbands. Lange beließen sie es aber nicht beim bloßen Designen, parallel dazu entstand das Schallplattenlabel „Skuld Releases“. Die Bands der bis heute 92 Produktionen kamen von überall her, von Griechenland bis Venezuela, Spanien, Großbritannien und aus den Vereinigten Staaten.

Die Musiker kümmerten sich um die Aufnahmen, das Label um die Herstellung der Tonträger sowie den Vertrieb. „Die Basis dafür, dass das alles funktioniert, ist das gegenseitige Vertrauen und nicht irgendwelche Verträge“, sagt Oliver Schmidt. Es läuft alles mehr nach dem „Do-It-Yourself“-Prinzip, über Tauschgeschäfte, die Kooperation mit Gleichgesinnten. Und vor allem ohne „kapitalistische Gedanken oder Gewinnmaximierung“, wie er sagt. Das alles hat Oliver Schmidt immer gut sieben Tage die Woche beschäftigt.

Bis vor zwölf Jahren ging das so, verändert hat sich seitdem einiges: „Meine Überzeugung lebe ich heute immer noch. Nur nicht mehr so aktiv.“ Nach und nach zog sich Schmidt aus der Szene zurück. Der Wandel kam auch durch die Geburt seiner heute elfjährigen Tochter. „Es war eine Umstellung, aber ein Verzicht war es nie“, sagt der Vater, „sie ist ein völlig normales Mädchen mit einem durchgeknallten Papa.“ Mit 30 Jahren hörte er auf, Alkohol zu trinken, das Rauchen lässt er mittlerweile seit zwei Jahren bleiben. Seine heutige Partnerin, die er ebenfalls vor zwölf Jahren kennenlernte, lebt bis heute gemeinsam mit ihm und der Tochter in einem Eigenheim in Renningen. Sie ist beruflich oft unterwegs, deshalb kümmert Oliver Schmidt sich hauptsächlich um das Zuhause, die gemeinsame Tochter.

Und seine Fossilien. Ja, eine Geschichte über Oliver Schmidt wäre nicht vollständig ohne Fossilien. Und zwar solche des Oberen Muschelkalkes. Seit er sich aus dem Szene-Leben zurückgezogen hat, sind sie sein Hobby geworden. „Das liegt an einem Kindheitstrauma“, erzählt er, „mein Spielplatz war früher eine Straßen-Baustelle direkt vor meinem Elternhaus.“ Jahrelang hat er dort Fossilien und Steine einer bestimmten Epoche gesammelt. Der Obere Muschelkalk ist ein Schichtglied des Erdmittelalters Trias und hat seinen Ursprung vor rund 240 Millionen Jahren. In den Gesteinen sind vielfältige versteinerte Überreste einstigen Lebens enthalten, Seelilien, Haizähne, Fische, Nautiliden, Muscheln, aber auch Ceratiten, eine Gattung der Ammoniten des Erdmittelalters. Mehr als 3000 Stück dieser „Schnecken“ befinden sich mittlerweile in seinem Archiv, genauestens dokumentiert und aufgegliedert in Zonen und Sedimentationszyklen zugeordnet.

Bedeutendster Fund: Skelett eines Urzeit-Reptils

Sein bisher bedeutendster Fund ist ein annähernd vollständiges Skelett eines Urzeit-Reptils, eines Nothosaurus. Dieser liegt jetzt im Löwentormuseum in Stuttgart aus. „Ich habe im richtigen Moment die Schachteln meiner Fossiliensammlung aus Kindertagen geöffnet. Danach kam eins zum anderen“, erzählt er.

Heute bezeichnet sich der Fossilienexperte trotz seines Aussehens selbst nicht mehr als Punk, die Gesinnung lebt dennoch in ihm weiter. „Punkrock bedeutet für mich den Weg dagegen, alles in Frage zu stellen und den Dingen auf den Grund zu gehen. Meine anarchistische Überzeugung müsste man mir schon rausoperieren“, sagt er über sich selbst. Und wenn Oliver Schmidt über sein Leben spricht, fällt ihm nur eine wirklich wichtige Sache ein: „Jeden Morgen nach dem Aufstehen muss ich in den Spiegel schauen können.“