Renningen Kostbares Gut am Ende der Abwasserleitung

Von Kathrin Klette 

Phosphor ist die Basis für Düngemittel und ein grundlegender Baustein für alles, was lebt. Und er lässt sich nicht künstlich herstellen. Das städtische Klärwerk bekommt deshalb eine Anlage, die das wertvolle Element aus dem Klärschlamm holt.

So sieht sie aus, die neue Halle für die Anlage zur Phosphorgewinnung auf dem Gelände der Kläranlage. Foto: factum/Bach
So sieht sie aus, die neue Halle für die Anlage zur Phosphorgewinnung auf dem Gelände der Kläranlage. Foto: factum/Bach

Renningen - Neue Wege beschreitet die Stadt Renningen mit ihrem Klärwerk. Dort entsteht für 1,4 Millionen Euro eine Anlage zur Gewinnung von Phosphor – genauer: mineralischem Phosphordüngergranulat – aus dem Klärschlamm. Diesen Monat nimmt das Aggregat den Probebetrieb auf. Dabei wird die Maschine auf Herz und Nieren geprüft, damit im neuen Jahr der Automatikbetrieb starten kann. Die Investition wird zu 30 Prozent vom Bund gefördert.

„Phosphor – das hat doch irgendwas mit Dünger zu tun . . .“, denkt sich nun vielleicht der eine oder andere Nicht-Chemiker. Tatsächlich wird der größte Teil von Phosphaten für die Herstellung von Dünger verwendet. Doch das kostbare Element wächst nicht auf Bäumen, sondern kommt in der Natur nur in Mineralien vor, die es wiederum hauptsächlich in weit entfernten und nur wenigen Ländern in Afrika oder in China gibt. Phosphorverbindungen sind essenziell für jedes Lebewesen und finden sich auch in dem, was die Menschen tagtäglich die Toilette herunterspülen.

Phosphor aus Klärschlamm gewinnen

Anstatt also den kostbaren Phosphor aus anderen Ländern zu importieren, sind manche Betreiber von Kläranlagen inzwischen dazu übergegangen, den „eigenen“ Phosphor aus dem Klärschlamm herauszuholen und weiter zu verarbeiten. „Denn wenn wir das, was wir haben, einfach auf die Deponie werfen, ist es verloren“, erklärt Hartmut Marx, Leiter des Fachbereichs Planen-Technik-Bauen im Renninger Rathaus. „Also versuchen wir, es zu erhalten.“ In großen Klärwerken gebe es dieses Prozedere schon länger, „so gesehen ist das nichts Neues mehr“. In kleineren Einrichtungen ist das bislang aber nicht üblich, vor allem wegen der Frage, ob sich das Ganze rentiert. Somit übernimmt die Stadt – erneut – eine Vorreiterrolle.

Denn das hiesige Klärwerk besitzt schon seit etwa zehn Jahren eine Anlage zur solaren Klärschlammtrocknung. „Damals war das noch ein Prototyp“, sagt Marx. „Mittlerweile ist das Gang und Gebe.“ Mit dieser Anlage wird, der Name sagt es bereits, der Klärschlamm, der im Werk zusammenkommt, entwässert, erklärt Marx.

Von 70 auf 20 Prozent

Der Schlamm besteht bis dahin zu etwa 70 Prozent aus Wasser, nach der Trocknung sind es noch 20 Prozent. „Das bedeutet, dass wir erheblich weniger Klärschlamm deponieren müssen.“ Im Prinzip funktioniert das Ganze wie in einem Gewächshaus, der Schlamm wird auf einem Betonboden ausgebreitet, Sonnenlicht fällt herein, zugleich wird das Gemisch von Ventilatoren angeblasen und immer wieder gewendet und aufgelockert. Das Endprodukt ist nun deutlich leichter. Das heißt: geringere Entsorgungskosten und weniger Lastwagen auf dem Weg zur Deponie. Auch die abschließende Verbrennung des Schlamms ist einfacher, wenn er trockener ist.

Mit der Maschine zur Phosphorgewinnung möchte die Stadt Renningen nun einen Schritt weitergehen. Ziel ist es, einerseits den Restanteil des Klärschlamms noch weiter zu reduzieren, andererseits an den wertvollen Phosphor zu gelangen.

Und so geht’s:

Das funktioniert folgendermaßen: Nach der Trocknung kommt der Klärschlamm in einen Reformer und wird dort bei 180 Grad Celsius vergast – „nicht verbrannt“, betont Marx. „Das wären dann Temperaturen von über 1000 Grad, dabei ginge auch der Phosphor verloren.“ Das Endprodukt bei der Vergasung sehe zwar auch aus wie Ruß und Asche, „aber die Stoffe, die erhalten bleiben, sind andere als bei der Verbrennung“. Der Unterschied sei ähnlich wie der zwischen nützlicher Holzkohle und unbrauchbarer Holzasche.

Die nützliche Asche aus dem Klärschlamm besteht nun hauptsächlich aus Phosphor. Die Maschine gibt nun wieder etwas Wasser hinzu und formt aus dem Gemisch kleine Kügelchen – und fertig. „Der reine Vorgang ist recht unkompliziert“, meint Marx. Allerdings seien noch weitere Aspekte zu beachten, zum Beispiel muss das Gemisch wieder abgekühlt werden, und es muss sichergestellt sein, dass keine gefährlichen Stoffe in die Luft gelangen.

Gut für die Pflanzen?

Die Kügelchen gelten bereits als Monodünger, „theoretisch könnte man den so, wie er ist, auf die Felder bringen“. So unbearbeitet brauchten die Pflanzen aber lange, um ihn aufnehmen zu können. „Eine Alternative wäre, ihn der Kunstdünger-Industrie zu verkaufen“, so Marx. Dann käme aber wieder das Transportproblem hinzu.

Also entwickelte sich die Idee, in einem gemeinsamen Projekt mit der Uni Stuttgart direkt vor Ort Phosphordünger zu erzeugen. Dieser letzte Schritt, die Zusammenarbeit mit der Uni, ist allerdings noch Zukunftsmusik. „Erst muss es hier mal losgehen“, meint Marx. Sollte das Vorhaben, die Produktion von hochwertigem Dünger made in Renningen, aber tatsächlich funktionieren, sei die Frage nach der Amortisierung der Anlage spätestens geklärt.




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