Renningen: Mahnung und Gedenken „Haare, Mund und Nase gemessen“ – wie eine Sinti-Familie die NS-Zeit überlebte

Dieses Foto einer – damals gestellten – Polizeirazzia bei Sinti in Renningen im Winter 1937/38 findet sich in vielen Geschichtsbüchern über die NS-Zeit. Foto: Bundesarchiv

Zwei alte Fotos aus dem Bundesarchiv zeigen eine Razzia bei Sinti in Renningen. Der Stadtarchivar recherchierte die Geschichte der Familie Kreuz und ihre Verfolgung in der NS-Zeit.

Zwei Fotos im Bundesarchiv stehen als dokumentarische Zeugnisse für die Verfolgungen, denen Sinti und Roma in der Zeit des Nationalsozialismus ausgesetzt waren. Sie zeigen eine Polizeirazzia bei zwei Schäferwagen im winterlichen Schnee. Männer in Uniform auf der einen Seite, eine anonyme Familie auf der anderen Seite.

 

Zu finden sind die Fotos unter der Beschreibung „Renningen, O(ber) A(mt) Leonberg – Polizei bei gestellter Razzia von Sinti- und Roma-Wohnwagen im Winter 1937/1938“. Inzwischen ist bekannt, dass auf den Fotos die Wagen und die Winterbaracke der Familie Kreuz am Kindelberg bei Renningen von der Polizei durchsucht wurde.

Dieses Wissen um das Schicksal der Renninger Familie Kreuz und besonders das von Franz Kreuz (1912 bis 1965) ist der akribischen Forschung des Stadtarchivars Steffen Maisch zu verdanken. Als er im Mai 2021 die Stelle antrat, gab das örtliche Gymnasium zwei Akten aus dem Archiv zurück. Gymnasiasten hatten sie gesichtet, um einen Beitrag zum Thema Sinti in der NS-Zeit für die Schülerzeitung zu verfassen. Fazit des damaligen Lehrers: Von den Akten habe man sich mehr erhofft.

„Beeindruckt vom Umfang und den zahlreichen Informationen“

Diese Akten sollten zum ersten großen Recherche-Thema des neuen Archivars werden. „Es bedurfte schon viel Fachwissen, um diese Dokumente einzuordnen, deshalb haben die Jugendlichen ihre Bedeutung nicht erkannt“, sagt Steffen Maisch im Rückblick.

Franz Kreuz als kleiner Junge mit seiner Familie: links sein Vater Christian Kreuz und rechts neben ihm sein Großvater Foto: Stadtarchiv Renningen

Zwei Namen ließen den Fachmann aufhorchen. Der des für Süddeutschland zuständigen „Rassenforschers“ Adolf Würth, der zwei Mal nach Renningen gekommen war, um die hier ansässigen Sinti zu erfassen, und der von Robert Ritter, dem Leiter der „Rassenhygienischen Forschungsstelle“. Ritter hatte 1941 in einem Gutachten die Rassediagnose „Zigeuner“ für die Familie Kreuz gestellt. Schon 1933 war er von der Idee besessen, versteckte „Zigeunerpopulationen“ in Württemberg aufzudecken.

„Ich war beeindruckt vom Umfang und den zahlreichen Informationen, die sich den Akten entnehmen ließen – es waren sogar Fotos dabei“, sagt der Stadtarchivar. Steffen Maisch recherchierte, sprach mit älteren Bewohnern Renningens und erfuhr unter anderem, dass auf dem Friedhof der Grabstein von Franz Kreuz und seiner Ehefrau Maria (1914 bis 1994) steht.

Zudem konnte er Bildmaterial und Dokumente sichten, die sich in der Familie erhalten haben, denn Nachfahren des Paares leben in Renningen. Eine weitere ergiebige Quelle war die Wiedergutmachungsakte von Franz Kreuz, mit der er finanzielle Entschädigung für die Zeit der Verfolgung eingefordert hatte.

Die Familie Kreuz – Vater Christian, Mutter Magdalene und die Kinder Franz, Katharina, Heinrich und Ludwig – war 1928 von Warmbronn nach Renningen gezogen. Sie handelte mit Pferden, später auch mit Musikinstrumenten. 1939 war die im Gewand Staig wohnhafte Familie die letzte noch in Renningen verbliebene Sinti-Familie.

Die Geschwister Kreuz werden zur Zwangsarbeit verpflichtet

Christian Kreuz betrieb 1942 eine Altmaterialhandlung in Renningen. Seine Kinder Heinrich, Ludwig und Katharina waren zum Arbeitseinsatz bei verschiedenen Firmen verpflichtet worden. Eine Zeitzeugin beschrieb Christian Kreuz als stattlichen, stolzen Mann, der im Ort voll akzeptiert war und einen guten Leumund genoss.

Wie es zur Verhaftung von Franz Kreuz kam, ist seinem Antrag auf Wiedergutmachung zu entnehmen, den er nach dem Krieg gestellt hat: „Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob ich Vollzigeuner bin oder Zigeuner-Mischling. Aber meines Wissens waren nicht nur meine beiden Eltern, sondern auch meine Großeltern und Urgroßeltern Zigeuner. Ich habe die Volksschule besucht und kann schreiben und lesen“, schildert er darin.

Einen Beruf habe er keinen erlernt und mit dem Vater einen Handel betrieben. „Zur Zeit meiner Verhaftung am 18. Juni 1938 hatte ich keine reguläre Unterkunft. Ich bin mit der Firma Kirchhoff im Straßenbau gewesen und habe jeweils an Ort und Stelle genächtigt. Vorbestraft war ich nicht. Ich kam ins Gefängnis nach Horb. Dort ist ein Forscher gekommen, der Untersuchungen an uns vorgenommen hat. Haare, Mund und Nase wurden gemessen und untersucht. Gesagt wurde uns nichts“, schildert Franz Kreuz.

Seine Mutter, die damals noch in Renningen wohnte, habe sich nach ihm erkundigt und die Auskunft erhalten, dass ihn die Geheime Staatspolizei (Gestapo) verhaftet habe. „Dann bin ich ins KZ Dachau verschubt worden. Im Frühjahr 1939 kam ich von dort nach Mauthausen, wo ich dann bis Mai 1945 geblieben bin. Vernommen wurde ich in der ganzen Zeit überhaupt nicht“, so Franz Kreuz in seinem Antrag.

Im Februar 1943 war Franz Kreuz nach Gusen, einem Zweiglager von Mauthausen, überstellt worden. Hier war er bis September 1943 einem Holzfällerkommando zugeteilt. Darauf war er im „Bahnhof Mayrhof“ tätig. Das war ein wichtiger logistischer Punkt für den Transport von KZ-Häftlingen, Baumaterialien und Maschinen für die Rüstungsindustrie. In Gusen wurde er am 6. Mai 1945 von amerikanischen Truppen befreit.

Rückkehr nach Renningen, Hochzeit und Bau einer Unterkunft

Nach seiner Befreiung kehrte er am 22. Mai 1945 nach Renningen zurück und lebte zunächst in der Baracke seiner Eltern. Nach seiner Hochzeit am 15. März 1947 mit Maria, geborene Reinhardt, baute er sich eine eigene Baracke im Steinbruch am Kindelberg.

22. Mai 1940: In Asperg war eines von drei Sammellagern, von denen aus Sinti und Roma nach Südpolen deportiert und dort in Konzentrationslagern ermordet wurden. Foto: Bundesarchiv

Beruflich war er während der milden Jahreszeit mit seiner Familie unterwegs und betrieb ein Hausierer- und Händlergewerbe. Mit Beginn der kalten Jahreszeit kehrten sie wieder zurück und blieben den Winter über in der Baracke. Zwischen März 1953 und Oktober 1959 arbeitete er für die Gemeinde Renningen als Arbeiter im Tief- und Wasserbau, anschließend bis zu seiner Rente bei verschiedenen Firmen im Ort.

Der damalige Renninger Bürgermeister Gottfried Bauer bescheinigte dem Gemeindearbeiter Franz Kreuz bei seinem Ausscheiden in einem Zeugnis im Oktober 1959, dass er stets ein fleißiger, gewissenhafter, arbeitsfreudiger und williger Mann gewesen sei. „In den vielfältigen und oft schweren Arbeiten der Gemeinde im Tief- und Wasserbau hat er Sauberes und Gutes geleistet.“

In einem Artikel der Leonberger Kreiszeitung vom 30. Juni 1954 über die Eröffnung des Naturtheaters Renningen und auf einem Foto, auf dem das gesamte Ensemble abgelichtet ist, ist dokumentiert, dass die Familie Kreuz mit Kind und Kegel mitgespielt hat. „Die Familie Kreuz war im Ort recht angesehen, die Kinder besuchten die Schule und man ging in die Kirche“, hat der Stadtarchivar aus Gesprächen erfahren.

Alle Familienmitglieder haben die NS-Zeit überlebt

In seinen Antrag auf Wiedergutmachung hat Franz Kreuz angeführt: „Von meiner Familie bin nur ich verhaftet worden, meine Geschwister nicht. Sie konnten den ganzen Krieg über ihre Arbeit verrichten, durften aber ihren Wohnort nicht verlassen. Auch meine Eltern sind nicht verhaftet worden, aber es ist mir bekannt, dass sie schon auf der Transportliste gestanden haben.“ Alle ursprünglich in Renningen ansässigen Mitglieder der Familie Kreuz überlebten die Verfolgung, sie blieben in Renningen und Umgebung.

Franz Kreuz starb am 23. Oktober 1965 im Krankenhaus in Sindelfingen. Er wurde in Renningen beerdigt. In Gedenken an die Verfolgung der Familie in der NS-Zeit wurde auf Anregung von Steffen Maisch 2025 der Grabstein der Familie an die Friedhofsmauer versetzt, wo die letzten Ruhestätten anderer verdienter Bürger der Stadt sind. Dazu wurde ein Gedenkstein für Franz Kreuz gesetzt. „Ein sichtbares Zeichen für das erlittene Unrecht ist hier wichtig“, sagt der Archivar.

Weitere Themen