Gerhard Kicherer scheidet nach 23 Jahren aus dem Gemeinderat Renningen aus. Vor allem für die Belange von Jugendlichen und Kindern hat er sich eingesetzt.

Renningen - Man muss kein „Eingeborener“ sein, um sich mit ganzem Herzen für seine Stadt einzusetzen. Ein gutes Beispiel dafür ist Gerhard Kicherer. Vor 33 Jahren ist er nach Renningen gekommen als Schulleiter der Friedrich-Schiller-Schule – was umso faszinierender ist, als er nach eigener Aussage doch erst 29 Jahre alt ist. Bald darauf begründete er mit anderen Beteiligten die Aktion Notnagel, die Menschen in finanzieller Not schnell und unbürokratisch hilft und deren Vorsitz er wenig später übernahm. Im Jahr 1999 kandidierte der überzeugte Sozialdemokrat für den Gemeinderat. Er wurde auf Anhieb gewählt und war seither stets ein Mitglied des Gremiums. Nun hat er aus gesundheitlichen Gründen seinen Sitz im Gemeinderat vorzeitig abgegeben.

 

Willy Brandt war seine Ikone

„Der Hauptgrund, warum ich damals kandidiert habe, war meine politische Überzeugung“, erzählt der in Wahrheit 69-Jährige. „Das hat schon sehr früh angefangen. Mein Großvater mütterlicherseits saß schon im Gemeinderat und war ein echter Ur-Sozi.“ Hier liegen Kicherers politische Wurzeln, „Willy Brandt war meine Ikone“.

Seit fast 50 Jahren ist er nun schon Mitglied bei der SPD. Und nach zehn Jahren in Renningen erschien ihm der Weg in den Gemeinderat als der richtige Schritt. „Ich hatte außerdem den Eindruck, dass es sinnvoll wäre, wenn jemand mit Verbindung zum Schulwesen im Gremium sitzt“, sagt Gerhard Kicherer. Zwei andere Schulleiter hatten den Gemeinderat zuvor verlassen. „Das war aber nicht das Ausschlaggebende.“

Eine aufregende Zeit im Gemeinderat

Die Anfangszeit im Gremium hat er als eine aufregende in Erinnerung. „Die Berührung mit der Verwaltung war als Schulleiter für mich ja nichts Neues, und ich war auch schon gut verankert in Renningen zu der Zeit.“ Trotzdem sei es etwas Besonderes gewesen, mit wie vielen Interna man als Gemeinderat plötzlich in Berührung kam. Allen voran war da die Ansiedlung des Bosch-Campus, von der zunächst außerhalb der Verwaltung und des Gemeinderats niemand etwas wissen durfte. Von diesem Projekt ist er bis heute überzeugt, „da stehe ich auch dahinter“.

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Natürlich waren es insbesondere die Schulprojekte und Projekte für Kinder und Jugendliche, die ihm besonders am Herzen lagen. „Der Einsatz einer Jugend- und Schulsozialarbeit war mir zum Beispiel sehr wichtig. Inzwischen ist das glücklicherweise ein Selbstläufer, aber gerade am Anfang gab es da richtige Widerstände im Gemeinderat, überhaupt einen ersten Jugendsozialarbeiter einzustellen.“ Dass es noch während seiner aktiven Zeit im Gremium gelungen ist, die Riedwiesensporthalle, die wegen der Kosten so oft aufgeschoben wurde, auf den Weg zu bringen, freut ihn sichtlich.

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„Die Krönung wäre ja noch das Lehrschwimmbecken gewesen“, sagt er. „Aber da hätte ich noch einige Jahre dranhängen müssen“, ergänzt er mit einem Augenzwinkern, aber auch mit spürbarer Enttäuschung. „Das Thema habe ich immer wieder eingebracht.“ Dass er den Antrag am Ende jedes Mal wieder zurückziehen musste, sei schon zum Running Gag geworden. „Mir ist klar, dass das ein Heidengeld kostet. Und damit meine ich nicht mal die Baukosten, sondern vor allem die Folgekosten. Aber wir haben die Aufgabe, Kindern das Schwimmen beizubringen. Da kommt der Schulleiter in mir durch.“ In der Zwischenzeit sei die Riedwiesensporthalle aber wichtiger gewesen, „es ist schön, dass wir da noch einen Deckel draufmachen konnten“.

Die Kollegen im Gremium wird er am meisten vermissen

Die positivsten Erinnerungen an seine Zeit im Gemeinderat verbindet er vor allem mit den Menschen. „Das ist schon eine Renninger Besonderheit, dass es im Rat nie irgendwelche Zwistigkeiten gab und die Fraktionen nie so richtig über Kreuz waren.“ Dabei gehe es nicht darum, dass jede Entscheidung einstimmig und ungefiltert durchgehe. „Gemeint ist vielmehr, dass wir häufiger den Fall hatten, dass innerhalb einer Fraktion unterschiedlich abgestimmt wurde.“ Die Kollegen aus dem Gremium nicht mehr regelmäßig zu treffen, „das tut mir am meisten weh“.

Ein Trost ist ihm, dass er mit der 21-jährigen Mika Sharif eine sehr junge Nachfolgerin bekommen hat. „Ich kannte sie ja schon als Vorsitzende des Jugendgemeinderats, und sie hat sehr vernünftige Ansichten“, sagt Gerhard Kicherer. „Das sind nicht immer die Ansichten des alten Kicherer, aber das muss ja auch nicht sein“, ergänzt er schmunzelnd.