Stuttgart - „Bunt ist meine Lieblingsfarbe.“ Der Satz passt zu Pippi Langstrumpf und ihrem Wohnsitz (Villa Kunterbunt), wird aber dem Bauhaus-Gründer Walter Gropius zugeschrieben. Auch wenn die Flachdachhäuser oft in der Nichtfarbe Weiß gestrichen sind, sieht man im Bauhaus-Museum Dessau wie in den Meiserhäusern – und im Haus von Le Corbusier in der Weißenhofsiedlung Stuttgart – mutige Farbkombinationen.
Und zwar in Zimmern und im Treppenhaus, wo sogar die Unterseite der Stiegen, die Handläufe, Treppenstufen verschieden bemalt sind. Nicht aus dekorativen Gründen, sondern der Funktion wegen. Farbe soll die Form, den skulpturalen Charakter des Gebauten betonen. Wer also schönen Stuck in der Wohnung hat oder eine hübsch geschwungene Treppe im Haus, kann die auch farblich akzentuieren.
Auch Goethe dachte über die Wirkung von Farbe nach
Auch in der Theorie lernten Bauhaus-Schüler Farbenlehre – bei Johannes Itten. Dies ist freilich keine Erfindung der Bauhausschule. Menschen, die darüber nachdachten, wie welche Farben zusammenpassen, sich kategorisieren lassen, gab es bereits vor Jahrhunderten (Sir Isaak Newton etwa, Johann Wolfgang von Goethe und Guido Schreiber, ein aus Rastatt stammender Mathematiker), wie in Patrick Batys lehrreichem Buch „Die Natur der Farben. Die Geschichte traditioneller Farben und Pigmente“ (Dumont-Verlag) zu erfahren ist.
Und auch Räume wurden immer schon bemalt, unter anderem, um zu zeigen, dass man es sich leisten kann. Ein Anstrich in Tiefgrün kostete im 18. Jahrhundert „sechs- bis siebenmal so viel wie eine Standardfarbe“, wie Baty weiß. Nicht immer bekam den Besitzern die Farbe, Stichwort Arsen in der Farbe (und in manchen Tapeten), dieses Element der Strahlkraft wegen beizumischen ist freilich seit Ende des 19. Jahrhunderts verboten.
Bis heute ist Farbe ein Distinktionsmerkmal. Otto Normal und Lieschen Müller stürmten zu Beginn der Corona-Krise Baumärkte, erstanden Farbtöpfe für „Quarantäne, aber ich mach’s mir schön“-Aktionen. Innenarchitekten indes und andere Menschen, die das Besondere lieben, schätzen Keim-Farben (die fürs Bauhaus verwendet wurden) und pigmentreiche Farben von Farrow & Ball aus England, die Musterfarbdöschen und für dreistellige Euro-Beträge Farbberatungen vor Ort anbieten.
Lichtverhältnisse und Funktion der Räume beachten
England ist aber auch die Geburtsstätte der Demokratie; und so können sich weniger betuchte Menschen schon auf der Homepage und in Joa Studholmes mit vielen Wohnbeispielen bebilderten Buch „Glücklich wohnen mit Farbe“ (Callwey-Verlag) fürs feinere Wohnen inspirieren lassen. Wobei der Titel insofern keine Übertreibung ist, als Farben durchaus auf den Gemütszustand Einfluss haben sollen. Man kennt das aus der Loriot-Komödie „Ödipussi“, wenn die Psychologin Margarethe Tietze vor der Wirkung violettfarbener Sitzgruppen (Suizidgefahr!) warnt.
Doch auch wer nichts auf Farbpsychologie gibt, sollte einige Dinge vor dem Neuanstrich beachten. Was für die Planung wichtig ist: Was kann ich nicht verändern? Zuerst beachte man Boden und Möbel, die man behalten will, und stimme die Farben danach ab.
Tricksen bei der gefühlten Raumhöhe
Unveränderlich sind auch Lichtverhältnisse, man sollte nicht gegen sie ankämpfen, sondern betonen. Ein Beispiel für die Nordseite: „Diese Räume“, so die Farbkuratoren von Farrow & Ball, „lassen die kühleren Untertöne einer Farbe deutlicher zutage treten.“ Streicht man so einen Raum hell, sollte man versuchen, „Farben mit grüner oder grauer Basis zu vermeiden“. Gelbtöne hingegen fördern die Verteilung des natürlichen Lichts.
Bei der gefühlten Raumhöhe lässt sich ebenfalls tricksen. Um eine niedrige Zimmerdecke zu kaschieren, kann man Wand und Decke in demselben Ton streichen, so dass sie wie nahtlos ineinander übergehen. Wer hingegen ein Schloss mit fünf Meter hohen Räumen besitzt und das irgendwie ungemütlich findet, streiche die Zimmerdecke in einer dunkleren Farbe als die Wände oder tapeziere die Zimmerdecke, damit sie niedriger wirkt als sie ist.
Dunkle Farben schaffen Behaglichkeit
Stets gilt dann aber vor allem: Welche Funktion hat der Raum? Bin ich hier aktiv? (Dann lieber hellere Wände) Will ich mich lieber ausruhen? (Gern satte, gedeckte Töne). Kann man von einem Raum in den nächsten blicken und sollen dann die Farben ähnlich sein oder liebt man Kontraste? Welchen Eindruck will ich erzielen? Liebt man dramatische Auftritte, spricht nichts gegen Ochsenblutrot oder Nachtblau auch schon in der Diele, der Visitenkarte einer Wohnung, eines Hauses.
Dem Vorurteil, dunkle Farbe mache einen Raum, egal, ob Diele oder Wohnzimmer, klein und traurig, widersprechen Innenarchitekten, die Farbexpertin Joa Studholme von Farrow & Ball ebenso. Sie vermittele vielmehr Tiefe, ein „Gefühl von Behaglichkeit und Intimität“. Und weiter: „Wenig Tageslicht verführt zu dem Gedanken, in durch einen weißen Anstrich aufzuhellen. Leider erscheint der Raum dadurch nur umso nichtssagender und langweiliger.“
Was schon das alte Ehepaar Melzer in Loriots „Ödipussi“ weiß. Deren Ehe soll mit einer äußerlichen Veränderung – neuer Sofabezug! – aufgesext werden. Wie wäre es mit einem „frischen Gelb, einem Apfelgrün?“, lockt die Psychologin.
Das hätten die Farbexperten und die Bauhaus-Architekten nicht so gutgeheißen, da das graue Sofa im Film vor einer grauen Wand steht und so prima architektonische Schwachstellen (ein kleiner Raum) kaschiert.
Joa Studholme lehrt: „Ist alles in einer Farbe gehalten, erschwert dies, die Maße eines Raums abzuschätzen, was ihn größer wirken lässt.“ So entscheidet sich das Ehepaar Melzer auch gegen Pastell und und für neue Schattierungen in Monochrom: „Wir hätten gern das Aschgrau.“