Renovierung der „Aida Luna“ Alle packen mit an
Der Markt für Kreuzfahrten boomt. Während viele Anbieter neue Schiffe bestellen, renoviert Aida Cruises auch vorhandene Liner. Ein Besuch in der Werft in Marseille.
Der Markt für Kreuzfahrten boomt. Während viele Anbieter neue Schiffe bestellen, renoviert Aida Cruises auch vorhandene Liner. Ein Besuch in der Werft in Marseille.
Sieben Wochen. Genau 49 Tage. Keine Stunde länger ist Zeit, um „Aida Luna“ eine Frischzellenkur zu verpassen. Ganz schön sportlich, dieser Zeitplan. Denn es geht hier um mehr als ein paar Schönheitsreparaturen.
Das 2009 in der Papenburger Meyer Werft gebaute Kreuzfahrtschiff wird grundlegend saniert. „Es ist ein anspruchsvolles Projekt, denn wir fassen alle Bereiche an“, sagt Boris Becker. Der Kapitän – bitte keine Scherze mit Tennisbezug – trägt statt schicker Uniform mit vier goldenen Streifen an den Schulterklappen einen weißen Overall und Arbeitsschuhe mit Stahlkappen.
Die „Aida Luna“ liegt im Trockendock der Chantier Naval-Werft in Marseille. Statt Wasser hat sie überdimensionale Klötze unter dem Kiel. Der Stahlkoloss scheint in dem riesigen Betonbecken zu schweben. Die Menschen, die drum herum wuseln, wirken klein wie Ameisen. Um an bestimmte technische Teile am Rumpf heranzukommen, muss man so einen Liner aus seinem vertrauten Element holen. Egal, ob ein Schiff schwimmt oder im Hafen liegt: es braucht einen Kapitän. Boris Becker hat während der Werftzeit nicht nur das Kommando über die Crew, sondern auch über hunderte Handwerker. Bis zu 2200 Menschen wimmeln zeitgleich über und um das Schiff herum.
An allen Ecken und Enden wird gehämmert, gesägt, gebohrt, geschraubt, gestrichen. Um alle Menschen unterzubringen, hat Aida Cruises bei der Firma GNV die Fähre „Rhapsody“ angemietet. Sie liegt neben der „Aida Luna“ am Kai. Statt Urlauber zwischen Genua und Porto Torres auf Sardinien hin- und herzuschippern dient die Fähre nun als Hotelschiff, Werkstatt und Lager.
Boris Becker, ein Westfale aus Hattingen, Jahrgang 1980, begleitete schon einige Neubauten bei dem Rostocker Kreuzfahrtanbieter. Unter anderem hatte er die Bauaufsicht bei „Aida Luna“ und „Aida Blu“. Nun ist er für ein Projekt zuständig, das von Aida Cruises „Evolution“ genannt wird. Nach und nach werden alle Schiffe modernisiert, die man in der Branche als „Sphinxklasse“ kennt. Diesen Spitznamen bekam die sieben Schwestern verpasst, weil die erste von ihnen einst in Ägypten präsentiert wurde.
„Wir haben unsere Gäste befragt, was sie sich wünschen. Und das wird jetzt gemacht“, sagt Kapitän Boris Becker. Die Bänke im Theater bekommen Rückenlehnen. Das Casino zieht um. Neue Restaurants und Bars kommen dazu. Die Kabinen werden alle modernisiert. Sie erhalten neue Möbel und Steckdosen neben den Betten. 12,5 Kilometer Glasfaserkabel und 28 Kilometer neue Kupferdatenkabel wurden verlegt, 8250 neue Patchkabel für die Netzwerktechnik verbaut, unzählige energiesparende LED-Lampen installiert.
Nach der Modernisierung werden die Sphinxe unter einem neuen Namen vermarktet. „Insgesamt fließt ein dreistelliger Millionenbetrag in die Modernisierung der Selection-Flotte“, teilt Aida Cruises mit. Andere Unternehmen stoßen in die Jahre gekommene Schiffe ab und bestellen neu. Die Rostocker gehen einen anderen Weg und begründen das mit dem Argument Nachhaltigkeit. Warum etwas verkaufen oder verschrotten, das noch gut ist? Neubauten gibt’s bei Aida Cruises schon auch, allerdings erst in ein paar Jahren. Bei Fincantieri in Italien sind für 2030 und 2031 zwei Schiffe bestellt.
„Unsere Kunden lieben die Sphinxklasse. Es sind gemütliche kleine Schiffe, die Häfen anfahren können, in die die großen Pötte gar nicht kommen“, sagt Hoteldirektor Stefan Weder. Auch der Sachse aus der Nähe von Dresden gehört zum Team Evolution. Die nächsten Jahre wird man ihn jedes Frühjahr und jeden Herbst in Marseille finden. Angefangen hat er mal als dritter Koch: „Das war auf der ,Aida Bella’ im Marktrestaurant an der Käsetheke.“ Nun trägt er Käppi oder Bauhelm statt Kochmütze und ständig quakt es aus seinem Funkgerät.
Kurz vor dem Endspurt braucht man Fantasie, um sich das Endergebnis vorstellen zu können. Die Teppiche auf den Gängen und die Stufen in den Treppenhäusern sind mit Folien abgeklebt, Kabel hängen aus den Decken, überall stehen Paletten mit Material herum. Die Fliesenleger puzzeln neue Böden zusammen, der Maler rollert mit einer Farbwalze über die Decke. Die Polsterer tackern neue Auflagen auf die Sitzbänke im Theater. Experten einer Spezialfirma befestigen bierdeckelgroße Stückchen Blattgold an die Verkleidung der Weinkühlschränke in der Vinothek. Es riecht nach Kitt und Farbe.
Während innen der Ausbau noch auf Hochtouren läuft, ist außen schon alles schick. Die Schiffspropeller aus Bronze glänzen frisch poliert in der Sonne, der Rumpf wurde frisch gestrichen. Die biozidfreie Farbe der neuesten Generation soll nicht nur gut aussehen, sie spart auch Treibstoff. „Moderne Anstriche setzen die Reibung im Wasser herab“, erklärt Kapitän Boris Becker. Weniger Widerstand gleich weniger Verbrauch. Es handelt sich zwar „nur“ um eine Senkung im einstelligen Prozentbereich, doch jede nicht verbrannte Tonne Kraftstoff tut Umwelt und Bilanz gut.
Nicht mehr benötigte Möbel hat die Reederei an soziale Einrichtungen gespendet. Die alten Teppiche und Matratzen werden geschreddert. „Daraus stellen wir eine Trittschalldämmung her, die dann wieder eingebaut wird“, erklärt Bruno Schäfer von der Firma Ocean Circle und zeigt ein Stück des sechs Millimeter dicken Zwischenbelags.
Während die Handwerker an ihren jeweiligen Gewerken arbeiten, übernimmt die Crew Hilfstätigkeiten. Die 648 Mann und Frau starke Besatzung der „Aida Luna“ wurde in verschiedene Teams eingeteilt. Es gibt die Verpackungskünstler, die alles abkleben, was nicht schmutzig werden soll. Die Transporteure, die Möbel, Geschirr und anderes Zeug hin und hertragen. Und die Brandwachen, die darauf achten, dass beim Schweißen fliegende Funken kein Unheil anrichten. Die Küchenmannschaft bleibt wie gewohnt am Herd. Sie bekochen alle Mitarbeiter. Und auch die Rezeption ist fast normal im Einsatz. „Bei uns checken jetzt eben Handwerker ein – so wie sonst die Gäste“, sagt Johanna Kojellis, 20, aus Grömitz.
Der mit Glitzersteinchen beklebte Bauhelm verrät die Schönheitsexpertin: Katharina Berggötz organisiert als Spa-Managerin normalerweise die Termine der Gäste für Kosmetikanwendungen oder Massagen. Nun packt sie im Transportteam mit an – eine willkommene Abwechslung. Weil man Leute kennenlernt, mit denen man im Alltag sonst nie zu tun hat: „Die Werftzeit schweißt uns als Team zusammen“, sagt die 30-jährige Karlsruherin. Sie findet das Projekt sehr faszinierend, freut sich aber auch schon wieder auf die nächsten Reisen. Die ersten Gäste checken am 10. Dezember auf der „Aida Luna“ ein.
Kapitän Becker wird kurz vor Weihnachten von Bord gehen. „Ich habe auch ein privates Neubauprojekt zu Hause“, verrät der Mann mit dem markanten Vollbart. Kind Nummer 2 wird erwartet, der Geburtstermin ist Anfang Januar. Seine Brücke steht für die nächsten Monate daheim in Bremen.
Aida Cruises
Am 10. Dezember legt die runderneuerte „Aida Luna“ zu ihrer ersten Reise nach dem Umbau in Palma de Mallorca ab und fährt durchs westliche Mittelmeer. Danach geht es Richtung Kanaren, wo das Schiff überwintern wird. Der Umbau von „Aida Diva“ wurde schon im März 2025 abgeschlossen. Ab 2026 werden nach und nach die Schiffe „Aida Bella“, „Aida Mar“, „Aida Blu“, „Aida Sol“ und „Aida Stella“ ertüchtigt, www.aida.de .
Four Season Yachts
Immer mehr Luxus-Hotelunternehmen entdecken die Kreuzfahrt als zweite Urlaubsform. Im März 2026 stößt der Konzern Four Seasons dazu. Auf die „Four Seasons I“ passen gerade mal 190 Passagiere, das Design ist eine Hommage an die legendäre Yacht „Christina O“ von Aristoteles Onassis. Die „Four Seasons I“ wird in der Karibik und im Mittelmeer unterwegs sein, www.fourseasonsyachts.com .
Norwegian Cruise Line
Im April 2026 geht die „Norwegian Luna“ an den Start, mit mehr als 3500 Gästen ähnlich groß wie ihre 2025 in Dienst gestellte Schwester „Norwegian Aqua“. Die erste reguläre Reise ist eine Transatlantik-Kreuzfahrt von Civitavecchia nach Miami. Anschließend folgen Kreuzfahrten ab Miami in die westliche und östliche Karibik, www.ncl.com/de/de/ .
Emerald Cruises
Noch Yacht oder schon Kreuzfahrtschiff? Mit weniger als 130 Passagieren darf man sich auf den Schiffen der Reederei Emerald fühlen wie die bessere Gesellschaft. Die „Emerald Kaia“ wird im April 2026 erwartet – ein reines Sommerschiff, bei dem sich alles im Freien abspielt. Sie wird im Mittelmeer, in der Karibik und den Seychellen eingesetzt und kann kleine Häfen anlaufen, die großen Schiffen verschlossen bleiben, www.emeraldcruises.eu .
Orient Express
Und noch eine Hotelgruppe, die schwimmen lernt: Europas größter Hotelkonzern Accor hat sich die Rechte am berühmten Namen Orient Express gesichert und will damit nun Bahn- und Schiffsreisen anbieten. Das 220 Meter lange Segelschiff „Orient Express Corinthian“ geht im Mai 2026 an den Start. Die erste Saison verbringt sie im Mittelmeer. Die Routen orientieren sich an den erwarteten Windverhältnissen, denn es soll möglichst oft wirklich gesegelt werden, https://sailing-yachts.orient-express.com/en/sailing-yachts .
Royal Caribbean
Ab Anfang August 2026 wird es wieder ein neues größtes Kreuzfahrtschiff der Welt geben: Dann geht die „Legend of the Seas“ auf Jungfernfahrt, ein paar Zentimeter größer als der bisherige Rekordhalter, ihr Zwilling „Icon of the Sea“. Bei voller Belegung sind 7700 Gäste an Bord. Unter der Haube hat der Riese sechs Motoren, die mit Flüssigerdgas (LNG) betrieben werden können. Die Legende soll von Barcelona aus zu ihrer Jungfernfahrt starten. Im Winter wird sie ab Fort Lauderdale in die Karibik auslaufen, www.royalcaribbean.com .
Explora Journeys
ging vor zwei Jahren als Luxusmarke des Kreuzfahrtkonzerns MSC Cruises an den Start. Die Schiffe bieten Platz für 900 Personen. Im August 2026 kommt bereits die „Explora 3“ – erstmals bei der Flotte mit dem umweltfreundlicheren LNG-Antrieb. Insgesamt sind sechs Schiffe bestellt. Die „Explora 3“ startet die erste siebentägige Jungfernfahrt am 3. August 2026 von Barcelona nach Lissabon. Danach kreuzt sie im Atlantik und fährt dann in die Ostsee, https://explorajourneys.com .
Tui Cruises
erwartet den Zwilling der im vergangenen Jahr neu vorgestellten „Mein Schiff Relax“: Auch die „Mein Schiff Flow“ fasst knapp 4000 Passagiere und kann mit LNG betrieben werden. Das neue Schiff startet ab 16. August von Palma aus zu neun- bis zwölftägigen Törns im westlichen Mittelmeer und geht danach erst auf Orient- und dann auf Weltreise, www.meinschiff.com/de .
MSC Cruises
Die schweizerisch-italienische Reederei MSC Cruises erwartet für Dezember 2026 ihr neuestes Kreuzfahrtschiff. Trotz des Namens wird die „MSC World Asia“ nicht durch Asien, sondern durchs westliche Mittelmeer cruisen. Wie die Schwestern „World Europa“ und „World America“ bietet auch die „World Asia“ Platz für 6800 Passagiere und kann mit LNG betrieben werden. Die Taufe findet am 11. Dezember 2026 in Barcelona statt, wo auch die Jungfernfahrt beginnt, www.msccruises.de .