Renschler tritt bei VW an Volkswagen will keine Lkw-Holding in Frankfurt

Von W. Ludwig und H. Pretzlaff 

Angebliche Pläne des neuen Truck-Chefs Andreas Renschler, eine Lkw-Holding nicht in der Wolfsburger Konzernzentrale, sondern in Frankfurt anzusiedeln, sorgen bei Volkswagen für Irritationen.

MAN  bekommt die zu große Abhängigkeit vom europäischen Markt schmerzhaft zu spüren. Wie hier in München gibt es in zwei weiteren Werken der VW-Tochter derzeit Kurzarbeit. Foto:  
MAN bekommt die zu große Abhängigkeit vom europäischen Markt schmerzhaft zu spüren. Wie hier in München gibt es in zwei weiteren Werken der VW-Tochter derzeit Kurzarbeit. Foto:  

Wolfsburg - In den vergangenen Monaten hatte Andreas Renschler viel Zeit, seinem Hobby zu frönen. Weil er nach seinem überraschenden Abgang aus dem Daimler-Vorstand für ein Jahr gesperrt war, bevor er zu VW wechseln durfte, schlug der 56-Jährige seine Bälle beim Stuttgarter Golfclub Solitude. In den nächsten Monaten dürfte der Schwabe wenig Zeit für dieses Freizeitvergnügen haben. Denn am 1. Februar wird der frühere Truck-Chef von Daimler neuer Nutzfahrzeugchef des VW-Konzerns. Er soll aus den Lastwagen und Bussen von Scania und MAN sowie den Stadtlieferwagen, Transportern und Trucks der Marke VW einen schlagkräftigen Anbieter aufbauen, der Daimler Paroli bieten kann.

Schon vor dem Antritt des neuen Hoffnungsträgers indes hat es Irritationen in Wolfsburg gegeben. Denn das „Manager Magazin“ schrieb unter der Überschrift „ganz nah an Stuttgart“, dass Renschler plane, die drei Marken unter dem Dach einer Holding mit höchstens 50 Mitarbeitern zusammenfassen. Nach Renschlers Vorstellungen, so das Magazin, solle diese schlanke Holding nicht in der Wolfsburger Konzernzentrale, sondern in Frankfurt angesiedelt werden. Damit könnte er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Bei Daimler lenkte Renschler sein globales Lastwagenreich am liebsten aus der Luft – auf dem Flug in eines der vielen Werke weltweit. Frankfurt böte in dieser Hinsicht mit seinen Flugverbindungen beste Voraussetzungen für den Aufbau eines globalen Truckriesen. Zugleich ist es von dort nicht so weit wie aus der niedersächsischen Provinz ins heimatliche Stuttgart, wo Renschler weiter seinen privaten Lebensmittelpunkt hat.

Mit dem Gedanken einer Truck-Holding könnte sich VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh wohl anfreunden, kaum jedoch mit einem Sitz in Frankfurt. „Wenn jemand von außen zu Volkswagen kommt, ist es dann gut, wenn er erst gar nicht Kontakt zum Rest des Konzerns aufnimmt?“, lässt Osterloh im Gespräch mit Journalisten im Wolfsburger Gewerkschaftshaus der IG Metall klar erkennen, dass Renschler wie sein Vorgänger Leif Östling im Machtzentrum des Konzerns residieren sollte, wo die wichtigen Entscheidungen fallen.

VW-Chef Winterkorn hält eine Truck-Holding grundsätzlich für eine gute Idee

Trotz dieser Bedenken hat Osterloh bis jetzt ein positives Bild vom ehemaligen Daimler-Mann. Er habe sich zwar erst kurz mit ihm bei der Vorstellung im Aufsichtsrat unterhalten können, so der Betriebsratschef, aber er habe schon einmal bei seinem Daimler-Kollegen Michael Brecht nachgefragt, mit dem der neue Truck-Chef von VW lange zusammengearbeitet habe. Und da habe Renschler einen guten Ruf, hofft Osterloh auf eine gute Zusammenarbeit.

Auch VW-Chef Martin Winterkorn hält eine Truck-Holding grundsätzlich für sinnvoll. Zur Frage, wann ein solcher Umbau organisiert werden könnte, will sich Winterkorn am Rande der Preisverleihung für die von den Lesern des Magazins „Auto, Motor und Sport“ gekürten besten Autos des Jahres in Stuttgart jedoch nicht äußern. „Jetzt lassen Sie Herrn Renschler doch erst einmal anfangen“, bittet der VW-Chef um Geduld. „Warten wir, bis Herr Renschler kommt. Dann unterhalten wir uns darüber, wo wir hingehen.“

VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch wiederum macht bei der Preisverleihung in Stuttgart keinen Hehl daraus, dass er einen Umzug der Lkw-Sparte von Wolfsburg nach Frankfurt nicht für sinnvoll hielte. „Dort sitzen nicht unsere Kunden“, sagte der VW-Patriarch und fügt hinzu, die Hauptabnehmer säßen in Hafennähe.

Vor einem Jahr hatte sich Piëch bei der Preisverleihung in Stuttgart klammheimlich über den großen Coup gefreut, Renschler für VW gewonnen zu haben. „Die Besten ködern die Besten“, orakelte der Aufsichtsratschef damals vor der offiziellen Bekanntgabe des Wechsels zu VW. Bei Daimler indes galt Renschler, der sein ganzes Berufsleben bisher bei dem Stuttgarter Konzern verbracht hat, als Verräter. VW kann trefflich von Renschlers Erfahrungsschatz als Truck-Chef von Daimler profitieren. Die Stuttgarter liegen als größter Lastwagenhersteller der Welt in diesem Bereich weit vor den Wolfsburgern. Rund um den Globus ist Daimler mit seinen Marken fest im Nutzfahrzeuggeschäft verankert: Mercedes-Benz ist der Champion in Westeuropa und stark in Brasilien, Freightliner führt in der schweren Klasse auf dem US-Markt, Fuso hat eine sehr gute Position in Asien. Für den aufstrebenden indischen Markt hat Daimler die junge Marke Bharat-Benz ins Rennen geschickt, in China wurde eine Allianz mit Foton geschlossen, in Russland arbeiten die Stuttgarter mit dem Marktführer Kamaz zusammen. Für die Wolfsburger dagegen ist Nordamerika noch ein weißer Fleck, und auch in Asien können sie nicht mithalten. Insbesondere MAN bekommt derzeit die zu starke Abhängigkeit vom schwachen europäischen Markt zu spüren. Der Lkw-Hersteller muss sich mit Überkapazitäten herumschlagen. In drei Werken gibt es Kurzarbeit.

Rasche Erfolge sind bei VW nicht zu erwarten

Schritt für Schritt wurde bei Daimler unter der Führung Renschlers in den vergangenen Jahren begonnen, die Größenvorteile auch in Gewinn umzumünzen, indem Baukästen für bestimmte Komponenten geschaffen wurden, die mehrere Marken verwenden. Zur Kostensenkung trug etwa die Entwicklung eines schweren Motors bei, der weltweit in den Fahrzeugen verschiedener Marken eingesetzt wird. Dies spart Kosten bei Entwicklung, Einkauf und Produktion. Die VW-Spitze kann davon bislang nur träumen. VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch hat es zwar mit viel Energie und großer Ausdauer geschafft, MAN und Scania unter das Dach des VW-Konzerns zu steuern; doch die beiden traditionsreichen Lastwagenbauer, die sich zuvor als Konkurrenten gegenseitig Kunden abjagten, sträubten sich lange gegen das Kommando, gemeinsame Sache zu machen. Allerdings kann die Suche nach Synergien auch erst seit dem vergangenen Jahr so richtig betrieben werden, als Scania voll zu VW kam. Vorher musste bei jeder Zusammenarbeit aufwendig garantiert werden, dass Scania dadurch nicht benachteiligt wurde. Als erstes größeres Ergebnis einer Kooperation kündigten beide Unternehmen im vergangenen Herbst auf der Nutzfahrzeug-IAA an, dass MAN künftig Getriebe von Scania verwenden werde. Mehrere ähnliche Projekte sind in der Pipeline, wie Insider berichten.

Rasche Erfolge sind nicht zu erwarten. Denn solch ein Wechsel von Komponenten lohnt sich in der Regel immer dann, wenn die neue Generation eines Fahrzeugs auf den Markt kommt. Und im Nutzfahrzeuggeschäft sind die Lebenszyklen deutlich länger als bei Personenwagen.

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