Renterin verzweifelt Mehr als 650.000 Euro an Betrüger verloren

Lilibeth Bergmann ist immer noch fassungslos über den Betrug. Foto: Werner Kuhnle

Sie sei immer eine kritische Frau gewesen, sagt eine 74-Jährige aus dem Kreis Ludwigsburg. International agierende Gauner brachten sie dennoch um ihre Altersvorsorge.

Ludwigsburg: Sabine Armbruster (sar)

Lilibeth Bergmann (Name aus Schutzgründen geändert) ist völlig fertig mit den Nerven. „So etwas habe ich noch nie erlebt, das werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Dabei war ich immer eine kritische Frau und habe immer alles analysiert.“

 

Dennoch fiel die 74-Jährige gebürtige Philippina, die seit Jahrzehnten in Deutschland und seit Kurzem im Kreis Ludwigsburg lebt, auf hinterhältige Internetbetrüger herein, die am Ende mehr als 650 000 Euro von ihr erbeuteten – Geld, das größtenteils aus einem Hausverkauf stammte und das eigentlich für ihre Absicherung im Alter gedacht war. Zudem verkaufte sie Teile ihres Schmucks und nahm sogar einen Kredit auf, den sie nun von ihrer Rente abzahlen muss.

Völlige Kontrolle und Morddrohungen

Ihr geschiedener Mann versucht ihr zu helfen, so gut es geht. „Sie hatte zum Teil noch nicht einmal mehr etwas zu essen“, berichtet er. Doch nicht nur deshalb hat die ohnehin zierliche Frau mehr als zehn Kilo abgenommen. Sie konnte kaum noch schlafen, dachte an Selbsttötung und „hatte wahnsinnige Angst – die Leute haben mich völlig kontrolliert“, sagt Bergmann unter Tränen.

Denn die Betrüger, das zeigt der WhatsApp-Verlauf, bedrohten und erpressten sie auch: mit gefälschten Nacktfotos samt ihren Kontaktdaten im Internet, aber auch mit konkreten Morddrohungen. „Nimm dich in Acht und pass auf, was du sagst, oder du wirst umgebracht. Vergiss nicht, ich habe alle deine Daten, auch deine Adresse“, heißt es in einer der Nachrichten, die sie erhielt.

Betrüger bauen geschickt Beziehungen auf

Angefangen hat alles damit, dass die ehemalige Flugbegleiterin bei Instagram, das sie wie WhatsApp nur für den privaten Austausch mit Freunden und Verwandten in aller Welt nutzte, auf eine Gruppe mit Airline-Mitarbeitern stieß. Auf diesem Weg kontaktierte sie ein angeblicher amerikanischer Pilot, den sie zunächst zurückwies, mit dem sie sich dann aber später doch schriftlich und per Videocall austauschte. Irgendwann erzählte ihr der Pilot, er habe auf der Militärbasis, auf der er stationiert sei, wegen der Videocalls Ärger bekommen und säße nun in Haft. Ob sie ihm nicht helfen könne, da rauszukommen. Ein guter Weg sei ein vorgetäuschter Immobilienkauf. Dafür brauche er aber Geld – und die Immobilie sei dann in Wahrheit eine Geldanlage für sie.

So unwahrscheinlich das klingt: Zu diesem Zeitpunkt war längst schon eine Art Beziehung unter Gleichgesinnten entstanden, und Bergmann überwies das Geld an die Kontonummer eines vermeintlichen Jugendfreundes des „Piloten“. Der Pilot jedoch sagte, er habe nichts erhalten, warnte sie davor, noch mehr Geld zu überweisen, weil das Konto des Freundes wahrscheinlich gehackt worden sei, und gab ihr eine neue Kontonummer. Mit ähnlichen Geschichten ging das über längere Zeit weiter – bis Bergmann alles blockierte und nicht mehr zahlte.

Hilfsbereitschaft ausgenutzt und Fake-Videos verwendet

Dann meldete sich jemand unter dem Namen Bradley Cooper bei ihr – was ihr nichts sagte. „Ich habe mit Prominenten überhaupt nichts am Hut“, erzählt sie. Dennoch ließ sie sich nach anfänglichem Widerstand aus Höflichkeit auf einen Chat ein. Der angebliche Bradley Cooper schrieb ihr, er plane eine soziale Stiftung für benachteiligte Kinder in Spanien oder Schweden. Weil eine Freundin Bergmanns sich für Kinder auf den Philippinen engagiert, brachte sie das als sinnvollere Alternative ins Gespräch. Und schon nahm das Verhängnis seinen Lauf. „Ich dachte lange Zeit, ich sei mit einer Gruppe auf den Philippinen in Kontakt und mit Coopers Management, vor allem einem David Bagliari.“

Das Tückische: Der echte Bradley Cooper hat tatsächlich einen Manager dieses Namens, sodass die Geschichte real erschien. Doch Bagliaris Name wurde ebenso von den Betrügern genutzt wie der des Schauspielers. In einem Fake-Video schien sich der Schauspieler gar direkt an sie zu wenden.

Betrüger „warnten“ vor Betrügern

So wurde die Rentnerin immer mehr hineingezogen in eine Geschichte aus Halbwahrheiten, Lügen, Drohungen, Schmeicheleien, vorgetäuschtem Mitleid und Erpressungen, in der es aber nur um eines ging: ihr Geld. Bis heute hat sie nicht ganz herausgefunden. Auch deshalb, weil man sie nicht mehr in Ruhe ließ und ständig verschiedene Personen von unterschiedlichen Handynummern aus sie kontaktierten, wenn sie aus inzwischen längst erwachtem Misstrauen heraus Rufnummern blockiert hatte. Permanent wurde sie unter Druck gesetzt – mit auf den ersten Blick echt aussehenden Dokumenten von offiziellen Stellen in den USA, welche die unglaublichen Lügengeschichten als Wahrheit zu bestätigen schienen. Dass diese teils in fehlerhaftem Englisch abgefasst waren, fiel Bergmann nicht auf.

Wie im Fall des Piloten wurde sie gewarnt – von dem vermeintlich echten Bradley Cooper. Es seien Betrüger, die seinen Namen nutzten, teilte er ihr mit. Und weil sie ihm leidtue und er einen solchen Betrug in seinem Namen nicht dulden könne, versprach er ihr, seine eigenen Sicherheitsleute und das FBI einzuschalten, damit sie ihr Geld zurückbekomme. Irgendwann teilte man ihr mit, ihr Geld sei jetzt per Kurier an sie unterwegs.

Wie unwahrscheinlich das alles ist, fiel Bergmann in ihrem aufgelösten Zustand da schon gar nicht mehr auf. Und natürlich kam es, wie es kommen musste: Die Betrüger erfanden ständig neue Ausreden, warum das Paket noch nicht angekommen sei, und verlangten immer neue Zahlungen: für den Transport, für Zollgebühren, für Strafgebühren wegen eines Verstoßes gegen die Beförderungsbedingungen und schließlich für die Lagerung, wobei sich die Gebühr mit jedem Tag des Nichtzahlens verdoppelte.

Vier „kleine Fische“ wurden erwischt und verurteilt

Dass Lilibeth Bergmann nicht die Einzige ist, die den Gaunern auf den Leim ging, ist kein Trost für sie. Im September vergangenen Jahres sagte sie vor dem Landgericht Dresden als Zeugin, nicht als Betroffene, in einem Prozess aus, in dessen Folge vier Nigerianer wegen Beihilfe zu gewerbs- und bandenmäßigem Betrug zu mehrjährigen Freiheitsstrafen verurteilt wurden. Das Gericht, das allein für die dort verhandelten Fälle von einem Gesamtschaden von einer Million Euro vermutet, aber nur 100.000 Euro nachweisen konnte, geht laut einem Bericht der Sächsischen Zeitung davon aus, dass die vier Verurteilten Teil einer international agierenden Betrügerbande sind, an deren Spitze ein unbekannter Hintermann mit dem Spitznamen „Godfather“ (Pate) stehen soll. Die vier Verurteilten sollen lediglich zehn Prozent als Provision bekommen haben. „Aber sie standen in Designerkleidung vor Gericht“, sagt Bergmanns Ex-Ehemann mit erkennbarer Bitterkeit in der Stimme. Und Lilibeth Bergmann findet wohl nur mit einer Psychotherapie in ihr früheres Leben als selbstbestimmte und selbstsichere Frau zurück.

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