Rentner-Datingshow: „Hotel Herzklopfen“ bei Sat1 Flirten für Fortgeschrittenste

Um sich den Traum von der großen Liebe noch einmal zu erfüllen, verbringen Ü-60-Singles eine gemeinsame Woche in der Schweiz. Foto: Sat 1
Um sich den Traum von der großen Liebe noch einmal zu erfüllen, verbringen Ü-60-Singles eine gemeinsame Woche in der Schweiz. Foto: Sat 1

Im „Hotel Herzklopfen“ begleitet Sat1 fünf Sonntage lang Senioren bei der Balz um ihresgleichen. Überraschenderweise entfaltet das Experiment den faszinierenden Sog der Authentizität.

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Stuttgart - Die Enthüllungen im Fall Weinstein, wofür es gerade den Pulitzer-Preis gab, hinterlassen in der Mehrheitskultur ein tiefes Loch: Als Mann einfach mal galant, zuvorkommend und hilfsbereit zu sein, der Dame also dezent in den Mantel zu helfen, ohne gleich als übergriffig zu gelten – das ist seit Beginn der #metoo-Debatte mindestens anstößig. Und so fragt sich manch Kavalier der alten Schule sicher: Wohin bloß mit meiner Ritterlichkeit, wohin mit meinen Fingern? Sat 1 wüsste da Rat.

Ab Sonntag lädt der Romanzenkanal ins „Hotel Herzklopfen“, eine Art Jugendstilherberge unter den Gipfeln der schönen Schweiz. Um den angebrochenen Lebensabend fortan in Gesellschaft zu verbringen, buhlen zwölf ältere Herren hier fünf Nachmittage lang um ebenso viele Frauen gleichen Alters, die sich das kichernd gefallen lassen. Aber gut – aus dramaturgischer Sicht bietet sich hier ja vielleicht noch eine Gelegenheit für das bunt gemischte Balz­ensemble auf Zweisamkeit im Alter. Oder wie es die „Real Life“ genannte Wirklichkeitssimulation gewohnt aufgekratzt vom Bildschirm brüllt: „Auf der Suche nach der Liebe ihres Lebens“, stürzen sich 24 betagte Singles „ins größte Abenteuer“ – darunter macht es das kommerzielle Fernsehen bekanntlich selbst dann nicht, wenn sein Personal teils mehr als 80 Jahre lang Zeit für weit umfangreichere Risiken und Wagnisse hatte.

Mit vollem Körpereinsatz

Während der preisgekrönte ARD-Spielfilm „Altersglühen“ die Sehnsucht vereinsamter Senioren 2014 als fiktionales Speeddating improvisierte, inszeniert Sat 1 die vielfach traurige Wirklichkeit nun in einer Kuppelshow für die ergraute Kernzielgruppe des Senders. Das klingt zunächst so zynisch wie fast alles, was im Privatprogramm unterm Label „Real Life“ firmiert. In seiner Not lockt der Abklatsch des belgischen Originals Alleinstehende der werberelevanten Generation 60+ aller Dialekte und Schichten in eine kontrollierte Kammerspielsituation, um sie gezielt den Reizkollektoren der Fremdschamgesellschaft auszusetzen.

Der Sechsteiler könnte also furchtbar sein. Und wenn der comedyerfahrene Lutz van der Horst die Schutzbefohlenen grölend auf einem grellpink dekorierten Partytrecker ins Liebesnest fährt, wenn seine Co-Moderatoren Sarah Mangione und Daniel Boschmann das doppelte Dutzend Liebessuchender unablässig zu Signalen der Paarungsbereitschaft auffordern, wenn die Männer dem mit einem Körpereinsatz nachkommen, der moderne Frauen zügig in die Flucht schlüge, wenn all dies in der branchenüblichen Musiksoße aus Kirmestechno und Liebesschnulze ertränkt wird, wenn der Menschenzoo also wieder Stoßzeit hat, dann hagelt es von Beginn an im Minutentakt Abschaltimpulse. Einerseits.

Im Liebesnest bleibt die Kamera aus

Andererseits entfaltet das Format trotz einiger Peinlichkeiten von der ulkigen Tretroller-Challenge bis zur Siebziger-Disco eine Sogwirkung, die nur durch eins zu erklären ist: Authentizität. Anders als die Bachelors, Landwirte, Nudisten auf dem restlichen TV-Heiratsmarkt, wirken die Gäste des „Hotel Herzklopfen“ nämlich glaubhaft an einer Beziehung interessiert, ohne dabei permanent bloßgestellt zu werden.

Keine Szene sei nachgestellt worden, beteuert Lutz van der Horst, der auch zum Team der „Heute-Show“ gehört: „Vorformuliert waren nur unsere Kommentare, mit denen wir manche Bilder im Nachhinein betextet haben.“ Und die drehen sich vor allem um die drei Hosts und ihre Marotten. Augenrollen ist als Pointe zwar selten witzig. Aber eben auch nicht annähernd so menschenverachtend wie die Zeitlupen brechender Bauernherzen auf RTL. Ob die zarten Triebe der neuen Liebe von Alf und Elfriede in der gemeinsamen Nacht nach dem Candel-Light-Dinner im Chalet Früchte tragen, bleibt der Fantasie des Moderatorentrios überlassen. Die Kameras jedenfalls bleiben dort aus.

Auch wenn sie sonst gern draufhalten. Natürlich. Wir sind hier schließlich bei Sat 1, das sich sehr spürbar daran ergötzt, mal wieder nach Herzenslust die alte Geschlechterdifferenz zu zelebrieren. Jenseits der eigenen Alterskohorte wird sich das vermutlich niemand ansehen. Für alle anderen gilt: Es hätte viel schlimmer kommen können.




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