Rentnerin wohnt auf dem Campingplatz Günstiger Ruhesitz

Kann ein Wohnwagen die Wohnung ersetzen? Anfangs war Gabriele Brenner selbst skeptisch. Doch mittlerweile fühlt sie sich in ihrem kleinen Reich wohl.Foto:Andreas Reiner Foto:  

Das Beste aus dem StZ-Plus-Archiv: Jahrzehntelang hat Gabriele Brenner in Ulm gelebt. Nun, kurz vor der Rente, ist sie auf einen Campingplatz mitten im Nirgendwo gezogen. Was sucht sie dort?

Laichingen/Ulm - Eine Messerstecherei in der Wohnung über ihr. Als Gabriele Brenner vom Mord an ihrer Nachbarin erfährt, bekommt sie Angst. Abends schließt sie die Tür zweifach ab, nachts liegt sie trotzdem wach, spitzt die Ohren – Schritte im Treppenhaus? Für sie steht fest: Hier will sie nicht bleiben. Nur wohin? Die Mietpreise steigen, ihre Einkünfte nicht.

 

Ein Jahr später sitzt Brenner an einem Massivholztisch im Vorzelt ihres Wohnanhängers. Braune Haarsträhnen fallen über die Ränder der Brille. Sie blickt durchs Fenster in den Garten, der durch einen Zaun, eine Hecke und den Wohnwagen des Nachbarn begrenzt wird. Sie sagt: „Das erste Mal saß ich hier im September und habe nach den Autos gelauscht. Aber es kam keins. Kein Laut, kein Lärm, nichts.“ Sie lächelt, legt die Hände an die Ohren, als könne sie es immer noch nicht fassen, im Schlafzimmer summt ihr Laptop.

Seit einem Jahr verbringt sie die Wochenenden auf dem Campingplatz Heidehof auf der Schwäbischen Alb. Von März an will sie dauerhaft herziehen. Dann geht sie in Rente. Noch arbeitet sie als Springerin für ein Cateringunternehmen. Als ihre Kinder klein waren, war sie ganz Hausfrau. Als Rente bleiben ihr 1200 Euro im Monat. Davon hätte sie in Ulm 650 Euro Miete zahlen müssen, hinzu kommen Krankenversicherung, Haftpflichtversicherung, Strom, Benzin. Für Brenner hieße das: kein Geld für Urlaub, keins für neue Kleidung, keines, um den Enkeln etwas zuzustecken.

Gabriele Brenner hat sich im vergangenen Jahr von ihrem Mann getrennt. Wie ihr geht es vielen alleinstehenden, älteren Menschen in der Stadt: Sie müssen ihre Ansprüche runterkurbeln. Für Brenner bleibt der Campingplatz, kaum 2000 Euro im Jahr für Miete, Gas und Wasser. Doch kann ein Wohnwagen die Wohnung ersetzen?

„Schnapsidee“, sagt ihr Bruder

Aus ihrer Wohnung hat Brenner nur das wenige mitgenommen, das reinpasst. Doch sie sagt: „Ich habe alles, was ich brauche.“ Stolz präsentiert sie ihr neues Heim, ihren Wohnanhänger alias Schlafzimmer, zieht Schubladen im Kleiderschrank auf: „Hier ist meine saubere Wäsche.“ Auf einer Ablage steht ein Koffer: „Die schmutzige nehme ich zu meiner Mutter mit.“ Unter der Woche lebt Brenner bei ihr, der Weg zur Arbeit ist vom Heidehof zu weit. Sie öffnet eine Schiebetür. Dahinter verbirgt sich eine Toilettenkabine: „An das Chemieklo musste ich mich erst gewöhnen“, sagt sie und geht zurück in ihr Vorzelt, also ihre Küche und ihr Wohnzimmer. Sie zeigt auf einen Blechkanister an der Spüle: „Das Wasser muss ich im Waschgebäude holen.“ Vor einer Kommode bleibt sie stehen. Darauf drei Bilder: „Das sind meine Kinder und Geschwister. Sie waren anfangs von der Idee nicht so begeistert.“ Als sie ihrem Bruder vom Campingplatz erzählte, sagte dieser nur: „Schnapsidee.“

An einem Sonntagnachmittag im August besuchen sie Gabriele Brenner das erste Mal auf dem Platz. Sie feiert Geburtstag, 66 Jahre ist sie nun alt. Hektisch läuft sie hin und her – alles soll perfekt sein. Sie will zeigen, dass Camping mehr sein kann als nur Urlaub, dass sie keine Asoziale ist, wie es vielen Dauercampern auf dem Heidehof vorgeworfen wird. Sie hat sich eine Bierzeltgarnitur von Nachbarn geliehen. Blumengestecke und bunte Servietten schmücken die lange Tafel. Am Büfett unter dem Vordach türmen sich frische Früchte, Käsespieße, Semmeln und Brezel auf Brotzeitplatten.

Anfangs war Brenner selbst skeptisch. Sie verzog das Gesicht, als ihre Freundin Beate Scherr ihr vorschlug, hierher zu ziehen. „Camping? Nein, das ist nichts für mich. Keine Toilette, kein fließendes Wasser, die Kälte im Winter“, erwiderte sie. Jetzt sind die beiden Nachbarinnen.

Beate Scherr wohnt seit fünf Jahren auf dem Heidehof, weil sie mit ihrem Hund keine Wohnung in Ulm gefunden hat. Eine Übergangslösung sollte das Leben auf dem Campingplatz sein, doch nach dem ersten Winter gefiel es ihr so gut, dass sie die Wohnungssuche aufgab. Auf Komfort möchte sie trotzdem nicht verzichten. Silbergraue Tapete, türkisfarbene Polstermöbel, weißer Flauschteppich: Ihr Vorzelt sieht aus wie das Wohnzimmer vom Werbeplakat eines Einrichtungshauses, und Scherr selbst passt, mit ihrem grauen Bob und den silbernen Strähnen, perfekt ins Bild.

Der Heidehof ist ihr Dorf

Auf dem Campingplatz hat sie nicht nur ein neues Zuhause gefunden, sondern auch eine Gemeinschaft, die zusammenhält. Für sie ist der Heidehof ein Dorf, in dem sich hinter flüchtigen Bekanntschaften mit Urlaubern ein harter Kern verbirgt, der auch im Winter ausharrt. Heiner und Sigrid, die seit vierzig Jahren hier wohnen. Inge, eine Rentnerin mit Hund, zwei Straßenzüge weiter. Carmen und Marcel, die bei den Vorbereitungen fürs Geburtstagsfest geholfen haben. Und jetzt eben ihre alte Bekannte Gabriele Brenner.

Um sie alle sorgt sich Scherr wie eine gute Fee. Als ihre Nachbarin im Krankenhaus lag, wachte sie neben ihrem Bett. „Ihre Kinder haben sie erst besucht, nachdem ich ihnen einen Brief geschrieben habe“, erzählt sie fassungslos. Wütend darüber, wie unsichtbar Alte für ihre Familien und für die Gesellschaft oft sind. Sie schluckt, wischt sich Tränen aus den Augenwinkeln.

Auch für Gabriele Brenner suchte sie eine Lösung. Diese überlegte, in eine Wohngemeinschaft zu ziehen, wie früher als Jugendliche, oder eine günstigere Wohnung in Sachsen zu suchen, bei ihrer Tochter. Doch Küche und Bad mit anderen teilen? Ein Putzplan? Ein Ort weit weg von der Heimat, wo sie niemanden außer der eigenen Familie kennt? Brenner war mit keiner der Optionen glücklich.

Den Ausweg für ihre Freundin fand Scherr im Stellplatz neben ihrem. Der Mieter war im Begriff auszuziehen. Für Gabriele Brenner bot sich plötzlich die Chance auf ein neues Leben. Am Telefon sagte sie zu Scherr: „Okay, ich probiere es aus.“

Hier findet sie Ruhe

Gabriele Brenner fing zu renovieren an, als der erste Schnee fiel. Im Sommer sind solche Arbeiten auf dem Heidehof verboten: Die Feriengäste sollen nicht gestört werden. Brenner riss den Boden aus dem alten Wohnwagen heraus, tapezierte die Wände, schleppte ein Sofa, Umzugskartons und eine komplette Küchenzeile durch den Matsch. Immer am Wochenende, immer wenn sie Zeit hatte. Einmal stand sie vor einem Haufen Glasscherben, weil Sektflaschen vor Kälte explodiert waren. Einmal ging ihr das Gas aus. Der Heidehof war schneeweiß und verlassen. Keine Spur vom Trubel, der im Sommer herrscht. Doch genau das wollte Brenner. Absolute Ruhe.

Fast ein Jahr später räumt sie die Tafel ab, während ihre Gäste sich unterhalten, stapelt das Porzellangeschirr in einem Bollerwagen. Fünf Minuten läuft sie zur Spülküche. Seitdem sie auf dem Campingplatz wohnt, plant sie ihre Erledigungen sorgfältiger. Geht sie auf die Toilette, nimmt sie das Geschirr gleich mit. Der Weg führt sie an eingezäunten Rasenflächen mit Gartenzwergen und Wäschespinnen vorbei. Schließlich bleibt sie vor einem einstöckigen Gebäude stehen. Duschen, Toiletten und die Spülküche verbergen sich hinter der Fassade. Im Schwimmbecken daneben zieht eine Frau Bahnen. Auch Brenner geht bei schönem Wetter ab und zu schwimmen. „Ich wohne jetzt da, wo andere Urlaub machen“, sagt sie.

Als sie die Tür zur Spülküche öffnet, taucht sie in die Geräuschkulisse der Camper ein. Wasser plätschert in Metallbecken, Geschirr klappert, Menschen unterhalten sich. Sie grüßt, dann stellt sie sich an ein freies Becken, fischt Essensreste daraus, lässt Wasser ein.

Es herrscht eine klare Ordnung

Auf dem Campingplatz ist das Leben aufwendiger. Doch sobald Gabriele Brenner in Rente ist, hat sie Zeit. Sie möchte sie nicht damit verbringen, noch im Alter zu arbeiten, um sich ein Gläschen Wein leisten zu können. Auch Beate Scherr sagt: „Freizeit ist wichtiger als Geld.“ Sie plant Reisen an die Ost- und an die Nordsee, nach Polen. Für diesen Gewinn an Freiheit müssen sich beide Frauen den Regeln des Heidehofs anpassen: In der Mittagszeit und ab 22 Uhr ist Ruhe, kein Auto darf die Schranke passieren, Besucher werden angemeldet. Doch das stört sie nicht, für sie ist es ein Segen.

Als Brenner von der Spültour zurück ist und bei Kaffee und Kuchen mit ihren Gästen plaudert, sagt ihre Schwägerin: „Ich hätte es nicht gedacht, aber Gabi scheint sich hier sehr wohlzufühlen. Sie hat alles, was sie braucht.“ Ihr Bruder nickt: „Außerdem muss sie ja nicht ewig hierbleiben. Sie kann immer in die Stadt zurück.“

Doch Gabriele Brenner will nicht zurück. Wolken schieben sich vor die Sonne, sie zieht eine Jacke über. Der Herbst kündigt sich an. Sie freut sich darauf, dass der Schnee die Landschaft bald wieder in Watte packt und die Geräusche schluckt. Jetzt macht sie sich keine Sorgen mehr, nicht wegen der Kälte, nicht um ihre Sicherheit: „Hier auf dem Platz lasse ich meine Tür immer offen. Was soll denn passieren?“ In Badeschlappen schlurft ihr Nachbar vorbei, setzt sich, nimmt eine Semmel. An der Wand neben der Tür hängt ein Holzschild. Darauf steht: Willkommen.

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