Reportage aus Moldawien Das Armenhaus Europas blutet aus

Von Moritz Gathmann 

Um Moldawien an die Europäische Union zu binden, hat Brüssel auf bestechliche Eliten gesetzt. Das rächt sich nun.

Viele junge Leute verlassen Moldawien. Zurück bleiben Menschen ohne wirtschaftliche  Perspektive. Foto: flickr/Andreas Lehner
Viele junge Leute verlassen Moldawien. Zurück bleiben Menschen ohne wirtschaftliche Perspektive. Foto: flickr/Andreas Lehner

Chisinau - Thank you Mister Putin“, sagt Ion Luca in seinem Weinladen. Durchs Fenster scheint die Sonne auf die Regale mit ausgesuchten moldawischen Weinen. „Ohne die russischen Embargos würde es mich nicht geben.“ Luca, 34, Kurzhaarschnitt, feiner Wollpullover mit V-Ausschnitt, könnte mit seinem edel eingerichteten Laden so auch in Berlin oder Paris sitzen. Aber vor dem Fenster liegt Chisinau, die Hauptstadt Moldawiens, das ärmste Land Europas, eingeklemmt zwischen Rumänien und der Ukraine. Draußen vor seinem Laden sieht es aus, als sei die Sowjetunion gerade erst untergegangen. Die Stromkabel hängen in dicken Bündeln über den holprigen, schmutzigen Fußgängerwegen, und renovierte Gebäude gibt es nur da, wo private Geschäftsleute investiert haben.

Einige Gehminuten von hier jedoch flattert vor dem Parlamentsgebäude die blau-gelb-rote Trikolore des Landes neben der blauen Europaflagge. Fast als wäre das Land schon Mitglied der EU. Doch Moldawien hat zwar 2014 ein Freihandelsabkommen mit der EU geschlossen, und seine Bürger dürfen ohne Visa in die EU reisen. Aber die Moldawier haben gerade einen Präsidenten gewählt, der sein Land weg von der EU und näher an Russland führen will.

Nur noch 37 Prozent wollen der EU beitreten

Pirkka Tapiola, ein erfahrener Diplomat, der in den vergangenen vier Jahren die EU in Moldawien vertreten hat, muss sich winden, um der Enttäuschung Ausdruck zu geben, die in Brüssel über das ehemalige Musterkind Moldawien herrscht. „Viele Reformen wurden verabschiedet, aber es mangelt an der Implementierung. Da gibt es viel zu tun“, sagt er schließlich.

Es waren schlechte vier Jahre für die EU. Vor einem Jahrzehnt, die Kommunisten waren noch an der Macht, wollten drei Viertel der Moldawier der EU beitreten. Heute, nach acht Jahren unter „proeuropäischen“ Regierungen, wollen das nur noch 37 Prozent. Schlimmer noch: 42 Prozent würden gerne der Eurasischen Wirtschaftsunion beitreten. Der Premierminister, dem Bundeskanzlerin Angela Merkel 2012 Unterstützung auf seinem Weg nach Europa zusprach, sitzt im Gefängnis, verurteilt zu neun Jahren Haft, weil er am Diebstahl von einer Milliarde Dollar aus dem Bankensystem beteiligt gewesen sein soll. Europa hat zu lange jenen Eliten vertraut, die sich proeuropäisch gaben, sich aber als korrupt und machtbesessen herausstellten.

Den katastrophalen Wein wollte niemand haben

Kein Zweifel, die EU hat Moldawien Möglichkeiten geboten, sich zum Positiven zu verändern. Ion Luca beispielsweise, ein Selfmademan wie aus dem Bilderbuch. Im Jahr 2006 heuerte er auf einem Weingut am Bodensee an, um zu lernen, wie das geht: Wein produzieren, der sich auch in Europa verkaufen lässt. 2006, das war kein Zufall. Russland erließ das erste Embargo gegen Moldawien, weil Wladimir Putin verärgert war über den Kurs der damaligen Regierung. Deren Mitglieder nannten sich zwar Kommunisten, dienten sich aber dem Westen an, um den russischen Einfluss auszubalancieren. Moskau versuchte, mit dem Embargo gegen Wein, Obst und Gemüse die politische Führung zur Umkehr zu zwingen. Aber der Schuss ging nach hinten los. 2009 vertrieb die Koalition „Für eine europäische Integration“ die Kommunisten von der Macht.

Junge Unternehmer wie Ion Luca trieb das Embargo zu der Überzeugung, dass mit Russland kein Staat zu machen ist. Bis 2006 produzierte Moldawien, das mehr Weinberge als Deutschland hat, vor allem halbsüße Weine von eher minderer Qualität für den postsowjetischen Markt. „Aber 2006 mussten wir uns eingestehen, dass unser Wein katastrophal ist, dass ihn sonst niemand in der Welt braucht“, sagt Luca. Auch die großen staatlichen Winzerbetriebe begannen, andere Rebsorten anzubauen, moderne Technik zu kaufen, trockene Weine zu produzieren.